Bis zum Waldesrand (14)

Auf deine heftige Reaktion war Beorn offensichtlich nicht vorbereitet. Er macht mit seinen Händen eine beschwichtigende Geste, während ihr weitergeht: „Ist ja gut! Weiß zwar nicht, was du für einen Narren du an der alten … Frau … gefressen hast, aber ich finde sie unheimlich.“ Das Wort ‚Frau‘ betont er dabei noch einmal überdeutlich.

Dann lacht er auf: „Außerdem ist sie nicht meine Großmutter. Durch die Familienverhältnisse des Hofes blickst du noch nicht so richtig, was?“
Du schüttelst heftig den Kopf, grinst aber: „Ehrlich gesagt ist mir das Ganze ein wenig zu kompliziert, ja.“
Beorn erwidert dein Lächeln etwas schief: „Brin und ich sind mit niemandem auf dem Hof verwandt, weißt du. Deshalb weiß ich auch etwas über Städte.“
„Ihr kommt aus der Stadt? Wie kommt ihr dann hierher?!“
„Sagt dir der Orkensturm etwas?“ fragt dein Begleiter unvermittelt und du antwortest überrascht:
„Orks? Bin ich noch nie begegnet.“
„Dann sei froh. Das Orkenpack hat damals unser Dorf niedergebrannt. Brin und ich flohen nach Festum um dort zu leben … aber weißt du, Brin ist so … zerbrechlich. Er kränkelt sehr schnell und überhaupt bekam ihm das Leben auf der Straße nicht sonderlich. Also packte ich unsere Habseligkeiten zusammen und beschloss mit ihm nach Gareth zu gehen. Man erzählt sich viele tolle Sachen über die goldene Stadt des Kaisers und ich dachte mir, wenn nur einiges davon stimmt, ist es dort allemal schöner als in Festum. Und dann kamen wir zufällig auf Hanes Hof.“
„Und seid hier geblieben?“ stellst du mehr fest, als das du es fragst.
„Vorerst. Ich verstehe mich irgendwie gut mit Tieren. Weiß nicht, woher das kommt. Hane hatte gerade eine kalbende Kuh. Da konnte ich ihm gut helfen, weil Tiere sich von mir gut beruhigen lassen. Jedenfalls haben wir ein Abkommen geschlossen, dass Brin und ich auf dem Hof helfen und dafür dort wohnen können, solange wir wollen. Brin geht es viel besser, seitdem wir hier sind. Deshalb sind wir noch da.“

Du bist überrascht, dass der junge Bursche solch erwachsene Entscheidungen zu treffen vermag. Bis eben hattest du noch gedacht, er sei nicht anders, als die anderen Kinder auf dem Hof auch und nur in begrenztem Rahmen ernst zu nehmen: „Da hast du ja einiges auf dich genommen, deinem kleinen Bruder zuliebe …“
Er senkt den Blick und dreht sich von dir weg, offensichtlich hast du ein etwas heikles Thema angesprochen. Es dauert einen Augenblick, bis er dich wieder anschaut. Seine Augen glitzern feucht im fahlen Licht des Mondes: „Es war ja auch sonst niemand mehr da. Ich wette, du hättest es nicht anders gemacht. Außerdem, was hätten wir tun sollen?“
Du hältst seinem Blick stand und schaust ihm tief in die Augen: „Du hast richtig gehandelt. Ich finde das sehr heldenhaft von dir, weißt du, wie ein richtiger Mann, genau das zu tun, was getan werden muss, ohne mit seinem Schicksal zu hadern.“
Er schaut dich einen Augenblick mit einer Mischung aus Dankbarkeit und unverhohlenem Stolz an. Ehe sich aber das plötzliche Schweigen zu einer unangenehmen Stille ausweitet, fragst du deutlich lockerer: „Scheint aber, als sei die alte Dara nicht die einzige, die dir unheimlich ist – was hat es mit diesem Jungen San auf sich?“
Beorn verzieht missmutig den Mund, wie er es immer tut, wenn es irgendwie um San geht: „Ach der. Den kann auf dem Hof kaum jemand richtig gut leiden. So genau kann ich dir gar nicht mal sagen, wie’s ist. Jedenfalls hat er spitze Ohren, so wie man sich’s von den Elfen aus den Salamandersteinen erzählt. Und er kann … Sachen. Zauberkrams halt, Hesinde möge’s verzeihen. Und seine Mutter hat er auf dem Gewissen.“
„Was?!“ fragst du erschrocken und so laut, dass du einen Raben aufschreckst, der jetzt laut flatternd in den dunklen Nachthimmel verschwindet.
„Sie ist bei seiner Geburt gestorben, wenn du’s genau wissen willst. Aber alle erzählen, dass er von Anfang an sprechen konnte und innerhalb weniger Wochen seine jetzige Größe erreicht hatte. Wenn das nicht unheimlich ist, weiß ich’s nicht, bei Boron!“
„Das klingt in der Tat nicht ganz geheuer…“
„Wenn man sich auch mit Zauberwesen abgibt. Der Elf, der ihr das Balg gemacht hat, vernebelte damals seiner Mutter bestimmt die Sinne. Das sollen die mit bloßem Blick können!“
„Hmmh, kann nicht sagen, dass ich schon einem Elf begegnet bin. Aber dass sie gefährlich sein sollen??“ Das Gespräch entwickelt sich gerade in eine für dich nicht ganz ungefährliche Richtung, deshalb versuchst du es langsam von Zauberwesen fort auf ein anderes Thema zu lenken.
„Na ja, wie dem auch sei, jedenfalls bin ich froh, dass wir hier nun doch so freundlich aufgenommen wurden. Noch einige weitere Tage in diesem Regen auf der Straße hätten meiner Laune doch arg zugesetzt … Was meinte eigentlich die kleine Dara vorhin damit, dass man die letzten Fremden fortgejagt hätte?“
Beorn winkt ab: „Das waren Gaukler und sie haben gestohlen. Zahori, meine ich. Wenn du mich fragst, bin ich mir aber nicht ganz sicher, ob das stimmt. Gegenüber dem wandernden Volk ist man etwas skeptisch. Vor allem Hane. Vielleicht hat er nur einen Vorwand gesucht. Ich fand sie sehr nett. Die eine Frau konnte auf den Händen gehen, die zweite aus den Karten die Zukunft sehen. Und der Mann konnte sein Schwert verschlucken. Wirklich, bei Rondra. Sowas hast du noch nicht gesehen!“ Nach kurzem Nachdenken fügt er noch hinzu: „Bestimmt hat es an der Frau mit den Karten gelegen! Unter uns. Sie hat Hane schöne Augen gemacht und das kann er gar nicht gut vertragen.“
Hier auf dem Hof scheint man gegen sehr viele Dinge Vorbehalte zu hegen, denkst du bei dir und musst unbehaglich schlucken. Was hatte die alte Frau gleich zum Thema Heimlichkeit zu sagen gehabt? Und du dummes Kind hattest eben sogar den absurden Gedanken, dich Beorn zu offenbaren, nur weil ihr euch so nett unterhalten hattet. Du nimmst dir vor, in Zukunft nicht so gutgläubig zu sein. Das Landvolk ist offenbar tatsächlich sehr abergläubisch und etwas einfältig. Andererseits wohnt auf dem Hof höchst selbst eine echte Hexe, wenn du also nur deinen Mund hältst, wird schon nichts passieren.
„Hmm, ich finde ja so Jahrmärkte sehr aufregend … aber wahrscheinlich kann man nicht vorsichtig genug sein – meinst du hier finden wir Einbeeren?“ beendest du deinen Gedankengang.
Beorn lacht wieder auf: „Auf einem Jahrmarkt in Festum hab ich mich mal im Taschendiebstahl versucht, aber sag es keinem weiter! Wäre fast in einem Desaster geendet. Hätte mich fast die Hand gekostet. Deshalb hab ich lieber Packarbeiten im Hafen gemacht. Ist eine Mordsplackerei, aber wenigstens kann dich dafür niemand verhaften. Wie sehen denn Einbeeren aus? Sind das diese Stängel mit den vier glatten Blättern? Die haben doch immer nur so eine Blüte aus der Mitte schauen, oder?“
Du schmunzelst bei dem Gedanken, wie Beorn quer über einen Marktplatz gejagt wird, gehst dann aber auf seine Frage ein: „Ja genau, das sind die Einbeeren, später haben sie dann so eine dunkle Beere in der Mitte. Davon bräuchten wir die Blätter, und auch noch etwas Wirselkraut, weißt du, wie das aussieht?“ Du beschreibst ihm die aventurische Heilpflanze und ergänzt noch Beschreibungen von weiteren Kräutern, die leicht erkennbar sind.

Den Rest des Weges bis zum Waldesrand gibst du ihm gute Ratschläge zu Heilkräutern, vor allem in Hinsicht auf die offensichtlich schwache Konstitution seines Bruders: „ … und aus dem Donfstängel kannst du außerdem einen stärkenden Tee kochen!“
Bei deinen Ausführungen hängt er – jedenfalls erweckt es den Eindruck – an deinen Lippen und hört dir sehr aufmerksam zu.

Dann habt ihr den von Beorn beschriebenen Waldstreifen erreicht. Er beschreibt dir kurz die Begebenheiten des Areals, ehe ihr euch zum Suchen aufteilt. Als er in der Dunkelheit entschwunden ist, schaut Eikiko neugierig aus deiner Tasche. Als er sieht, dass dein Begleiter verschwunden ist, klettert er aus seinem Versteck und erklimm, sich einen Weg über deinen Arm bahnend, deine Schulter. „Na, mein Kleiner! Was hältst du von diesem Hof … eine merkwürdige Mischung, nicht wahr! Dank dir noch einmal, dass du vorhin so vortrefflich den Ring aufgespürt hast!“ Eikiko meckert zustimmend und ein Gefühl der Freude wallt dir entgegen und formt ein Bild des Stolzes in deinen Sinnen. „Willst du ein bisschen umher laufen? Hier hättest du etwas Zeit für dich, wenn du magst? Mach dich ruhig mit diesem Wald vertraut, vielleicht verbringen wir hier noch etwas mehr Zeit.“ Dein Vertrauter lässt sich die Erlaubnis zum Freigang nicht zweimal sagen und springt von deiner Schulter über dein Gewand auf den Waldboden. Überraschend hält er noch einen Herzschlag lang inne, richtet sich gespannt lauschend auf, als ob er etwas gehört habe, besinnt sich dann aber und springt davon. Vielleicht versuchte er einfach nur Beorn zu orten.
Das gibt dir Gelegenheit dich jetzt zur Gänze auf dein Anliegen zu konzentrieren und den Wald nach geeigneten Kräutern zu durchstreifen.

[In jedem Fall ist eine Probe auf Kräuter suchen fällig (MU/IN/FF).
Dein Talentwert entspricht (Sinnenschärfte + Wildnisleben + Pflanzenkunde) / 3. Du besitzt hier in keinem Fall Ortskenntnis, aber du kannst für die Sonderfertigkeit Geländekundig (Wald) 3 Punkte Bonus auf den errechneten Talentwert aufschlagen, sofern du diese besitzt.
Falls du keine Zauberei verwenden möchtest, um deine Sehfähigkeit zu verbessern, darfst du bei der Berechnung des Talentwerts nur eine um 4 reduzierte Sinnenschärfe zugrunde legen.
Falls du im Übrigen vorsichtig schleichend den Wald durchstreifen möchtest, ist natürlich auch eine Probe auf dieses Talent fällig. Entscheide rollenspielerisch wie vorsichtig du sein willst oder entscheide durch eine Gefahreninstinktprobe.]

Veröffentlicht von Meister

Die Mächte des Schicksals.

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1 Kommentar

  1. Zuerst lege ich mich flach auf den Boden, lasse das Waldstück auf mich einwirken und wirke ich ein „eins mit der Natur“, gelungen mit 4 ZfP*, entscheide du, ob du noch irgendwelche Boni auf die Proben addieren möchtest.
    Ein Katzenaugen- Zauber ist misslungen, daher ohne Nachtsicht, aber mit Geländekunde: Kräuter suchen: 3 TaP*
    Habe ich die ASP von der Nacht mit meinem Vertrauten übrigens schon regeneriert?
    Schleichen möchte ich übrigens nicht, aber mit der des Nachts im Wald gebotenen Aufmerksamkeit vorgehen, d.h. insbesondere auf verdächtige Geräusche achten/ oder solche, die mir die Anwesenheit gefährlicher Tiere verraten. Habe bis auf den durch „eins mit der Natur“ gewonnenen waldspezifischen Gefahreninstinkt keinen, verlasse mich aber auf dieses Gespür…

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