Flucht

Unruhe entsteht. Die Menge beginnt miteinander zu tuscheln, ob dein Auftritt so ins Programm gehört. Elizeth hat dir kaum merklich zugenickt tritt ans Rednerpult zurück und erzählt lauthals etwas von gelungener Darbietung der Beschwörungskunst.


Du greifst nach Larissias Hand und willst sie mit dir ziehen, aber sie widersetzt sich. Wie angewurzelt steht sie da: „Nicht da lang, da laufen wir ihm direkt in die Arme – außerdem: Wir können ihn doch seinen Plan nicht verwirklichen lassen!“ „Das habe ich doch auch gar nicht vor, wir brauchen nur Ramal – komm, er wird jeden Moment hier sein!“ ungeduldig ziehst du an ihrem Arm und zögerlich setzt sie sich nun in Bewegung. Da ruft eine dir bekannte tiefwarme Stimme: „Halt! Diese Frau ist eine Gefangene des Großwesirs! Was geht hier vor?“ Du wirbelst herum und blickst in Maruchs Gesicht. Er ist von seinem Sitz hinten auf der Bühne aufgesprungen und auf dem Weg zu euch. Als er dich erkennt formt sein Mund ein lautloses: „Du?“ und er wird langsamer.
Diesen Moment nutzt du zur Flucht ins Publikum. Dein Bein protestiert als du von der Bühne springst, aber du läufst unbeirrt weiter. Weiter, so schnell du kannst. Ziehst Larissia mit dir, die Stufen des Amphitheaters empor. Du hörst Maruchs hinter dir laufen, aber du wendest dich nicht um, entschlossen hälst du weiter auf Ramal zu, der sich zwischen den ganzen Beinen einen Weg zum Mittelgang bahnt.
Ihr seid noch mehrere Schritte voneinander entfernt, als Dunchaban oben im Eingangstor erscheint. Er humpelt und sieht ziemlich zerrupft aus. Wütend deutet er in eure Richtung: „Haltet sie auf! Sie sind gefährlich! Macht den Mann unschädlich!“
Die Unruhe verstärkt sich. Rings umher springen Magistrae aus ihren Sitzen und versuchen euch zu erreichen. Die Zuschauer und Schüler hingegen versuchen sich von dir weg zu bewegen oder kauern sich auf den Boden. Im entstandenen Tumult verlierst du den Blickkontakt zu Ramal. Du versuchst ihm deine Position gedanklich zu übermitteln und hältst weiter auf die Reihe zu, in der du ihn gesehen hattest. Jemand greift nach Larissia. Sie bleibt stehen und brüllt dann: “Bleibt zurück!!!” Ihre Stimme tost und braust.
Du drehst dich nach ihr um als du das Prickeln von Magie spürst. Zwischen ihren Händen hält sie eine glänzende Kugel reiner Magie. Sie zieht die Hände auseinander und lässt sie wachsen. Ein glänzende Kuppel schließt dich und sie ein, und schleudert den verdutzten Verfolger zurück. Die Umstehenden weichen respektvoll einen Schritt zurück, und so steht ihr da – unter einer glänzenden Kuppel, umringt von ernsten, wütenden, und schaulustigen Gesichtern – ganz zuvorderst das Gesicht, dass du schon so oft gedanklich verflucht hast – Maruch. Den Ausdruck seines Blicks kannst du nicht deuten. Dir bleibt aber auch gar keine Zeit dafür, denn du bemerkst wie einige der Umstehenden beginnen, magische Gesten zu vollführen und Formeln zu murmeln. Ramal kommt irgendwo zwischen den Beinen zum Vorschein. Er schlängelt sich nach vorne, und verharrt sprungbereit an der magischen Grenze. Ein Zauber prallt gegen die Kuppel. Die Luft bizzelt, aber euer Schild hält, aber auf Larissias Gesicht erkennst du Schmerz und Anstrengung, und in ihrem Nasenwinkel zeigt sich ein feines Rot. “Du musst den Schutz fallen lassen,” raunst du ihr zu, “dann wünsche ich uns hier weg. Sobald ich Ramal hab. Macht euch bereit – auf drei!” Du siehst Ramal beschwörend an, schiebst dir die Dattel in die Backentasche und beginnst zu zählen.
Bei „drei“ breitest du die Arme aus. Die Kuppel erlischt. Ramal springt. Gleichzeitig hörst du Maruchs Stimme: “PARALYSIS!” Das Wort echot in deinem Kopf und verdrängt alle anderen Geräusche, überrollt dich und lässt dich innehalten. Es überzieht dich mit seiner Härte und verschlägt dir den Atem, nimmt dich gefangen. Als es verklingt, bist du erstarrt. Du spürst nicht mehr deinen Körper und kannst ihn auch nicht bewegen. Dein Herzschlag, deine Atmung sind zum Erliegen gekommen. Trotzdem lebst du, denkst du. Irgendwie. Du siehst, wie Ramal auf deinen Armen landet, aber du spürst sein Gewicht nicht. Dein Blick bleibt starr auf den Punkt gerichtet, von dem er abgesprungen ist. Du siehst deine ausgebreiteten Arme, aber deine Haut sieht seltsam bleich aus. Ein feiner Schimmer liegt darauf. Stumpf und schimmernd – wie Marmor.

Veröffentlicht von Mirya

Ein lebensfrohes kleines Bündel, das üblicherweise nicht auf den Mund gefallen ist, gute Gesellschaft ebenso wie gutes Essen genießen kann, und die sich wünscht es ginge immer allen überall gut.

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