Das Gauklerlager – Erwachen

Du erwachst am folgenden Morgen von den Sonnenstrahlen, die deine Nase kitzeln. Du bist ob des gemütlich weichen Untergrunds zunächst etwas desorientiert, doch dann fällt dir wieder ein, dass du bei einem Gauklertrupp im Lager bist. Du liegst gemütlich zwischen mehreren strohgefüllten, bunt geflickten Kissen auf einem Teppich und unter einer braunen Leinendecke. Du kneifst die Müdigkeit aus den Augen und stemmst dich auf deine Unterarme. Dein Lager ist unter einem Baldachin aufgeschlagen. Im Rücken hast du einen Kastenwagen, der über drei Holzstufen zu betreten ist. Die Tür, die hineinführt, steht einen Spalt weit auf. Rechts neben dir mit etwas Abstand liegen zwei weitere Personen und schlafen noch. Zwischen deinem Kissenlager und dem deiner Bettnachbarn ist ein schmaler „Pfad“ freigelassen, der einen Durchgang von der Treppe her Richtung Lagerfeuer ermöglicht.

Du schaust dich weiter um, ist doch der Baldachin zu den anderen drei Seiten hin offen und lässt den Blick auf das Rund aus Wägen, improvisierten Zeltkonstruktionen, Käfigen und Materialstapeln zu. Du freust dich über die Vielfalt bunter Stoffe und bemalter Flächen. Hier sieht es aus, wie auf einem Miniaturdorfplatz, auf dem ein Tsa-Geweihter gewütet hat.
Zwischen all dem entdeckst du immer wieder schlafende Gestalten. Halb unter einem Kastenwagen verborgen liegt jemand in eine Decke eingerollt. Auf einer zwischen zwei Wagen aufgespannten Hängematte schaukelt ein anderer – eine andere. Und allenthalben schlafen Menschen unter einem anderen Wagenvordach, ähnlich der Konstruktion, unter der du gerade liegst.

In der Mitte des Runds ist das Lagerfeuer heruntergebrannt und lässt ganz kurz schlimme Erinnerungen in dir aufflammen, die du lieber schnell beiseite wischt.

Dort sitzt wach und eifrig mit einem Kohlestift in ein kleines Büchlein schreibend der Wächter von gestern, dessen Namen du als Raul erinnerst.

Überhaupt fällt dir jetzt wieder ein, dass man hier gestern den Geburtstag eines Familienmitglieds feierte. Das Geburtstagskind – so hatte man dir erklärt – habe so viel auf die eigene Gesundheit angestoßen, dass es zum Zeitpunkt deines Eintreffens bereits schlief.
Beim Versuch sich an die Namen zu erinnern stellst du fest, dass dir ein wenig der Schädel brummt und die Namen etwas durcheinander gehen. Der Wein muss stark gewesen sein. Aus dem gleichen Grund hatte dich vermutlich die noch immer spielende Musik, das Gelächter und die leisen Gespräche direkt in den Schlaf gesäuselt statt dich davon abzuhalten.

Zwei Wagen erregen deine Aufmerksamkeit, ehe Eikiko herbeigehüpft kommt um dich – munterer als du selbst es bist – zu begrüßen (er scheint sich vor deinem Erwachen schon davon gestohlen zu haben):

Beides sind Wagen, die zum Einsperren gedacht sind und vielleicht deshalb besonders auffallen: Da ist zum einen ein offener Kastenwagen mit Gitterstäben, in dem zwei imposante exotische Tiere liegen und ebenfalls zu schlafen scheinen. Sie sehen Katzen extrem ähnlich, sind aber um ein Vielfaches größer und haben eine hellbraune Fellfarbe. Eine der zwei Katzen hat außerdem einen imposanten Haarkranz um den Schädel.

[Falls Mirya schon vorher mal im Süden war oder ihre Tierkunde herausragend gut ist, kann sie die Rasse natürlich identifizieren.]

 Der zweite Wagen, der dir auffällt, unterscheidet sich von den anderen darin, dass er nur ein sehr schmales Gitterfenster knapp unter dem Wagendach hat und ein kleines Gitterfenster in der Tür. Diese ist, anders als bei den anderen Wagen, auf der Rückseite angebracht und nicht seitlich.

Veröffentlicht von Meister

Die Mächte des Schicksals.

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9 Kommentare

  1. Ich erhebe mich und mache mich, möglichst ohne die umliegenden zu wecken, auf die Suche nach einem Wasserfass, an dem ich meinen Brummschädel etwas erfrischen kann. Sollte ich nicht unmittelbar eins erblicken gehe ich, meiner Neugier folgend an dem zweiten „Einsperrwagen“ vorbei und achte dabei auf Geräusche aus dem Inneren.

  2. Nach einer kurzen Begrüßung springt Eikiko auf deine Schulter. Du rappelst dich auf und erspähst tatsächlich ein Wasserfass. Jedenfalls bist du zuversichtlich, steht doch vor dem Fass eine Schale und auf dem Fass ein Krug. „Könnte auch für Wein sprechen“ denkst du noch, schiebst den Gedanken aber beiseite. Dein Weg führt dich an beiden Käfigwagen vorbei. Aus dem Inneren des Verschlags hörst du gleichmäßiges, relativ leises Schnarchen.
    Raul, der kurz in deine Richtung geblickt, sich dann aber wieder seinem Buch zugwandt hatte, dreht dir nun ungefähr sein Schulterblatt zu. Er hat dich also beinahe im Rücken und müsste sich schon deutlich drehen um in deine Richtung zu schauen. Wer sonst noch so bereits wach ist und dich möglicherweise im Blick hat, weißt du nicht.

  3. Nun, ein bisschen Neugier wird ja kaum verboten sein: Nachdem ich mich an dem Wasserfass katzengewaschen und meine Kehle benetzt habe, schlendere ich zu dem Verschlages zurück aus dem ich das Schnarchen höre. Ich recke mich (bzw steige die Stufen hoch, wenn es welche gibt?) um durch das Gitterfenster in der Tür zu blicken.

  4. Warum sollte ein kleiner Blick in einen Käfig verboten sein und was sollten die Gaukler schon verstecken. Das sind die Gedanken, die dich die zwei Trittstufen emporsteigen und deiner Neugierde nachgeben lassen. Du erwartest ein weiteres exotisches Tier, vielleicht sogar einen Menschen. Wer weiß wie man familienintern mit Streitereien umgeht, vielleicht müssen Faulenzer eine Nacht im Verschlag verbringen.

    So sind deine Gedanken eher leicht und beschwingt als du deine Nase durch die Gitter steckst und Eikiko auf deiner Schulter sitzend sich lang macht, um ebenfalls einen Blick zu erheischen.

    Einen lauten Aufschrei kannst du unterdrücken, die Überraschung fährt dir trotzdem durch alle Glieder: In dem Wagen in einer Ecke zusammengerollt und mit einem eisernen Ring um den Hals angekettet liegt der Satyr Windhorn. Jener Bewohner der Feenwelt, der euch beim Kampf gegen Zandor und Xantele half und dessen Tochter ihr erretten konntet.

    Du weißt gar nicht wie dir geschieht. Als hole dich eine weit zurückliegende Vergangenheit aus einem anderen Leben ein, ist doch aber eure letzte Begegnung kaum zwei Monate her. Diesen Gedanken Lügen straft Windhorns aussehen. Erst auf den zweiten Blick siehst du, dass der Satyr gealtert ist. Sein Gesicht ist braun und faltig, sein Fell an vielen Stellen ergraut.

  5. So überrascht bin ich, dass mir ein halblautes „Windhorn!“ entfährt. Den Satyrn in Ketten zu sehen erfüllt mich mit Schmerz und Wut, und nur der Gedanke an die alte Dara und ihre mahnenden Worte, mein Herz nicht immer direkt auf der Zunge zu tragen, erlauben es mir für den Moment hier stehen zu bleiben statt direkt zu irgendwem zu stapfen und lauthals die sofortige Freilassung zu fordern. Atme tief durch Mirya, und besinne dich. Du bist hier unter Fremden, die sich zwar bisher als gastfreundlich erwiesen haben, aber über die du sonst so gut wie nichts weißt, und die sich möglicherweise auch nicht scheuen eine herumgeifernde Hexe gleich zu ihrem Freund dem Satyr in den Gitterwagen zu sperren, wenn sie allzugroße Töne spuckt. Also bleib ruhig und sammle Informationen, ohne irgendjemandem auf die Füße zu treten. Flink und gewitzt, das gilt es nun zu sein.
    Mit diesem Gedanken und einem aufmunternden Keckern von Eikiko flüstere ich noch einmal durch das Gitter: „Windhorn! Windhorn wach auf! Ich bins Mirya. Was ist dir nur widerfahren mein Freund?“
    Ich hoffe, dass mein Flüstern ihn ebenfalls anregt seine Antwort leise zu geben. Ansonsten bedeute ich ihm mit einer entsprechenden Geste oder einem gezischtem Hinweis, dass ich es für klüger halte, unsere Freundschaft zunächst geheim zu halten.

  6. Windhorn erwacht und schaut sich unwirsch um. Als er deiner ansichtig wird beginnt sein Gesicht zu strahlen: „Mirya! Bei der Dryadenkönigin!“
    Er rappelt sich auf und kommt zur Tür herüber, wird dann aber von seinem erbarmungslosen Joch brutal aufgehalten. Die Kette ist nicht lang genug um ganz bis zur Tür heran zu kommen.

    „So lange suche ich bereits nach dir“ zischt er leise. „Oh Mirya! Ich hatte deine Spur bereits aufgenommen als mich diese Menschen hier einfingen. Ich dachte alles sei verloren. Es ist so lange her, dass wir uns sahen. Du hast dich kaum verändert.“

    Windhorn scheint ganz außer sich vor Freude. Nervös schaust du dich um, bemerkst du doch, dass langsam allgemein Leben ins Lager kommt. Gerade ist ein junger Mann zu Raul getreten und spricht mit ihm und auch deine Bettnachbarn recken und strecken sich gerade, wie du aus dem Augenwinkel bemerkst.

  7. Verwirrt blicke ich zu Windhorn und versuche mich zu erinnern: Hatten wir einen ähnlich unterschiedliche Wahrnehmung von Zeitspannen erlebt, als wir damals aus der Feenwelt zurückkehrten? War es nicht auch so, dass wir mehrere Wochen dort verbracht hatten, während auf Dere ein kürzerer Zeitraum verstrich? Es strengt mich an, mir über so komplizierte Dinge den Kopf zu zerbrechen, und ich fokussiere mich noch einmal auf das was der Satyr gerade gesagt hat: „Du bist meinetwegen hergekommen? Hör zu, ich glaube, es ist besser, wenn man uns nicht reden sieht – und das Lager erwacht gerade .. Ich werde mir etwas überlegen, um dich hier heraus zu holen! Und sobald ich unbeobachtet bin, werde ich wieder herkommen!“ Ich gebe ihm noch Gelegenheit zu einer kurzen Erwiderung, dann schlendere ich von dem Wagen in Richtung Raul. (Außer er sagt Dinge die mich zum Bleiben bewegen)
    Für die weitere Entwicklung im Lager: Ich habe nicht vor zu vertuschen, dass ich in den Wagen gespäht habe, im Gegenteil werde ich bei der passenden Gelegenheit das Gespräch mit einem „Ihr habt einen Satyr gefangen? Bringt es nicht furchtbares Unglück magische Wesen einzusperren?“ gezielt in Richtung Windhorn bringen. Ich erhoffe mir ein wenig mehr darüber herauszufinden, warum man ihn eingesperrt hat, und ob alle im Lager dazu die selben Empfindungen hegen.

  8. Du bist dir nicht mehr sicher, aber dein Gefühl sagt dir, dass in der Feenwelt die Zeit tatsächlich anders verging als auf Dere. Und ehe du aufhörst über diese komplexen Dinge nachzudenken entsinnst du dich, dass der Zeitunterschied nicht immer gleichmäßig anders war.
    „Ja Mirya, wir brauchen deine Hilfe!“ erwidert Windhorn noch, ehe ihr euch stumm zunickt und du dann Richtung Lagerfeuer schlenderst.

    „Einen recht schönen guten Morgen, Mirya“ wirft dir Raul laut entgegen. Er gehört zur Familie Taladuri, den Schauspielern. Er hat kurze, gleichmäßig geschnittene, graue Haare und einen in gleicher Länge gestutzten grauen Vollbart. Er wirkt sehr gepflegt – für einen Gaukler. Du schätzt ihn vom Alter her älter ein als gestern Nacht noch, wo das Lichtspiel des Feuers nicht klar werden ließ, ob die tiefen Falten im Gesicht nur Illusion sein mögen.

    Der junge Mann, der bei ihm steht, hat noch eine Decke um die Schultern hängen und blickt verschlafen auf Rauls Büchlein. Seine breitschultigre Silhouette lässt vermuten, dass er zur Familie der Akrobaten gehört.

    „Setz dich zu uns und genieß einen heißen Tee. Der weckt die Lebensgeister und verscheucht die Dämonen des Weines“ Raul deutet auf einen Kessel über dem Feuer. Dahinter auf der Bank, auf der du gestern Nacht noch Platz genommen hattest steht ein großes Holztablett mit Krügen und daneben liegt eine Schöpfkelle.

    „Darf ich fragen, ob du schonmal ein Theaterstück gesehen hast, Mirya?“

  9. Eifrig bedanke ich mich und bediene mich beim Tee, etwas, was den Kopf ein wenig klärt, nehme ich doch gerne an. Während ich die Schöpfkelle zurücklege trifft mich Rauls Frage ein wenig überraschend. „ääähh…“, antworte ich und versuche meine Gedanken aus der Feenwelt zurück ins hier und jetzt zu holen, „ein was?“ Ich hocke mich zu den beiden Männern und werfe einen neugierigen Blick auf Rauls Büchlein.

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