Windhorn blickt beinahe ein bisschen enttäuscht drein, als du mit deinen Fragen auf ihn eindringst: “Ich hatte gehofft, du könntest das Meisterstück von damals einfach wiederholen und dem finsteren Knechter unserer Welt den Garaus machen. Für eine Heldin wie dich ein Leichtes, da bin ich mir ganz sicher.” Er macht eine kurze Pause und fährt dann fort: “Ich wollte dich mitnehmen in die Feenwelt. Ich vermute es wird schwierig sein Paradus herauszulocken, eher gehe ich davon aus, dass du zu ihm gehen musst. Ein Tor! Ja, wir brauchen ein Tor. Hoffentlich ist eines hier in der Nähe. Wir müssen ein wenig suchen. Da habe ich aber ein paar Tricks auf Lager, die uns helfen können.”
Dann versucht er scheinbar deine Fragen im Kopf zu ordnen: “Paradus! Ja, richtig. Er hat die alte abgebrannte Feste für sich wieder aufgebaut. Zunächst half er uns, ordnete, beriet und führte uns an uns selbst zu lenken. Er genoss das Vertrauen aller Bewohner unseres Landes. Er war der ungekrönte König. Gegen Unbill begann er dann eine Armee aufzustellen und ließ sich zu deren Anführer ernennen. WIR ernannten ihn zu unserem Anführer und König. Ehe man sichs versah, wurde aber aus seiner Herrschaft ein Joch aus dem wir nicht zu entrinnen vermochten. Schlimmer noch als damals Xantele. Oh Mirya, wenn du nichts gegen ihn ausrichten kannst, dann kann es niemand und wir sind alle verloren!”
Windhorn sackt bei diesen Worten auf die Knie und beginnt zu schluchzen.
Mirya schlingt ihm tröstend die Arme um den Hals und streicht ihm beruhigend über den Rücken. “Oh, Windhorn! Natürlich lasse ich euch nicht im Stich! Ich werde tun, was ich kann, um euch zu helfen! Und tatsächlich freue ich mich riesig, eure Welt wieder besuchen zu dürfen. Düstere Vorkommnisse sind auch mir widerfahren, seit ich mich auf Reisen begab, und die Drohung eines furchtbar bösen Mannes, mich umzubringen, steckt mir noch tiefer in den Knochen, als ich es gerne wahr hätte. Vermutlich ist das der Grund, warum ich versuche, vorsichtiger und bedachter vorzugehen, als es bisher meine Art war. Sei dir also meiner Unterstützung gewiss und verzweifle nicht, aber lass mir einen Moment um nachzudenken, wie wir die Sache am besten angehen.” Mirya geht auf und ab und massiert ihre Schläfen. Dann strahlt sie Windhorn an: “Ich habs! Wir könnten uns Verstärkung mitnehmen. Die Taladuri und Alhashinna sind keine schlechten Menschen. Sie brauchen vielleicht nur einen kleinen Stupser und eine Erinnerung daran, dass niemand gern in Gefangenschaft lebt. Lass uns folgendermaßen vorgehen: Du und ich, wir suchen jetzt das Tor. Wenn wir es gefunden haben, gehe ich zurück ins Lager und hole zwei oder drei der Gaukler, denen ich vertraue. Jemand Kluges, der sich auf Geschriebenes versteht, um dem angeblich so Gelehrten Kontra zu geben. Dann vielleicht noch jemand Gewandtes oder jemanden mit gutem Einfühlungsvermögen… Was hälst du davon?”
Windhorns Gesicht verzieht sich auf eine Art und Weise, die du nicht zu deuten vermagst. Es mag eine gewisse Skepsis darin mitschwingen, vielleicht Angst? Dann nickt er diesem Eindruck zum Trotze aber eifrig. “Du wirst das am besten Wissen Mirya. Und ja, Verstärkung klingt in meinen Ohren nicht verkehrt. Dann lass uns sogleich mit der Suche beginnen.”
Windhorn schnieft noch einmal, wischt sich die Nase am Unterarm und verfällt dann in eine deutlich ruhigere Geschäftigkeit, bei der du ihn fasziniert beobachtest. Seine Fibel – eben jene die du gefunden hattest – legt er auf den Boden und spielt dann leise einige Töne auf der Panflöte. Es ist weniger ein Lied als eine harmonische Tonfolge, die die umgebende Luft mit einem spürbaren Knistern auflädt. Ein Wind kommt auf und die Oberfläche des Sees neben euch beginnt ebenfalls in vielen kleinen Wellen zu vibrieren. Das Ornament – die Fibel – das Blatt – wird von jenem Wind aufgehoben und tanzt nun von euch fort in nördliche Richtung Weg vom Lager.
Windhorn springt auf und verfolgt das Blatt. Er spielt nicht mehr auf der Flöte, aber der Wohlklang erfüllt weiterhin die Luft. Auch du eilst hinterher. “Ziemlich glücklicher Umstand, dass du diese zwei scheinbar wichtigen Utensilien gefunden hast und ihm widerbringen konntest”, denkst du noch kurz bei dir, ehe du zu beschäftigt bist hinterherzukommen und dir gleichzeitig den Weg einzuprägen.
Eine ganze Weile lauft ihr über Stock und Stein dem lebhaften Wegweiser hinterher.
Dann sehr unvermittelt bleibt das Blatt vor einem überraschend unscheinbaren Gebüsch liegen. Du solltest in der Zwischenzeit gelernt haben, dass Feentore für gewöhnlich keine goldverzierten Portale sind, die laut schreien “Durchschreite mich, um in die Feenwelt zu gelangen”, ein bisschen enttäuscht bist du trotzdem irgendwie.
Als Windhorn dann auf die Knie geht und du es ihm gleich tust bemerkst du, dass es sich nicht um ein einzelnes, sondern um zwei miteinander verwachsene Gebüsche handelt. Unten am Fuß bilden die zwei Stämme tatsächlich eine Art kleines Tor und der Wuchs beginnt so, dass man mit Fantasie einen kleinen Torbogen erkennen kann, der in eine Art Tunnel aus Blattwerk mündet.
“Hier ist es Mirya. Dieser Weg führt direkt hinüber.”
Das war deutlich einfacher als du erwartet hättest. Es ist kaum eine halbe Stunde vergangen, der ihr dem Blatt gefolgt seid und die zunehmende Mada steht bläulich leuchtend hoch am Himmel.
“Du bist besorgt, dass die Menschen, die ich holen möchte, sie ebenfalls zu einer Gefahr für euch entwickeln könnten? So wie jener Geweihte? Wahrscheinlich wünscht du, dass nie wieder irgendein Mensch einen Fuß in eure Welt setzt?” Mirya seufzt und schaut Windhorn prüfend an.
“Aber wenn ich jetzt alleine mit dir gehe, habe ich Sorge, dass ich zu wenig ausrichten kann! Dass ich zu dumm bin, oder zu ungebildet. Zu schwach. Oder zu impulsiv! Und ich möchte nicht einfach so verschwunden sein, wenn die Gaukler morgen früh erwachen. Dann werden sie den leeren Käfig bemerken und mein Verschwinden und werden mich für eine einfach Diebin halten müssen. Und ich hatte doch gehofft, die nächsten Wochen mit ihnen reisen zu können…” Noch einmal seufzt sie schwer und sucht in ihrer Tasche nach der beruhigenden Wärme ihres Vertrauten. “Was meinst du, Kiko? Schaffen wir das alleine, oder holen wir uns besser Verstärkung?”
Eikikos Wärme hat tatsächlich eine beruhigende Wirkung auf dich. Die Gefühle, die dir von ihm herüberschwappen sind ähnlich widersprüchlich wie die deinen. Vielleicht ist das auch nicht verwunderlich, denn Kiko ist ja nicht umsonst dein Seelentier. So bekommst du von ihm auch keine eindeutige Bestätigung Hilfe zu holen, noch widerspricht er dir.
Ganz unmerklich verändert sich aber doch etwas, jetzt wo du ihm einen Moment im trauten Zwiegespräch durchs Fell kraulst. Dein Selbstbewusstsein wächst!
Wenn du die Gaukler bittest dir zu helfen, dann weil du dies bewusst entscheidest und es strategisch einsetzt! Nicht aus Angst zu dumm zu sein, zu schwach oder gar zu impulsiv.
Du kannst ihnen auch nicht stehlen, was nicht ihnen gehört. Wenn du dich dagegen entscheidest sie um Hilfe zu bitten, dann soll ihnen der leere Käfig eine Lehre und ein Spiegelbild sein.
Mirya lächelt. “Also gut. Windhorn, du hast deine Leute lange genug warten lassen müssen. Wir gehen. Jetzt gleich! Wir werden die Lage gemeinsam meistern. Aber ich möchte wenigstens eine Erklärung hinterlassen!” Noch tiefer kramt sie in ihrer Tasche, bis sie die Wachstafel findet, auf der sie ihre Schreibübungen absolviert. Sie schnappt sich den Griffel und kratzt ihre Nachricht, die Zunge hochkonzentriert zwischen die Lippen gepresst: “Mus enem Frnd hlfn. Bn bld zrik! Mirya”
Die Tafel platziert sie gut sichtbar vor dem Gebüsch auf dem Boden. Jemand, der sich bückt, um sie aufzuheben, wird das gewundene Tor zwischen den beiden Büschen zumindest erblicken. Sie malt sogar einen kleinen Pfeil auf die Tafel, der auf das Tor weist. Und in die untere Ecke ein Symbol wie ein auf der Seite liegendes D, das einen Mund oder ein halbes Madamal darstellen könnte. Ob der oder die FinderIn daraus irgendwelche Schlüsse zu ziehen vermag, oder ob überhaupt jemand die Tafel findet, darüber verfüge Satuaria.
Zufrieden begutachtet sie ihr Werk und schickt sich dann an, durch das Tor zu krabbeln.