„Gen Magierakademie ist er gelaufen, der Bursche. Und ich will ihn Euch wohl beschreiben, werter Herr, auf dass ihr nicht so leicht auf einen solchen Gauner hereinfallt, beim diebischen Phex! Hübsch war der Bursche, das gebe ich gern zu. Mit weit geöffneten, braunen, treuen Augen blickte er mich an und bat mich um einen Taler. Wie leidenschaftlich er sein kleines Verslein aufsagte und mir schöne Worte zuflüsterte. Ganz unschuldig hat er drein geschaut. Mich hätte das listige Funkeln gleich stutzig machen sollen … doch ich schweife ab. Wohl 60 Finger mag er gemessen haben und war kaum 17 Götterläufe alt. Ganz tulamidisch hat er ausgesehen, wie könnte es in der ‚Niemals Schlafenden‘ auch anders sein. Dunkelbraune, fast schwarze, wilde Haare rahmten sein feines Gesicht ein und drahtig war er von Gestalt. Gänzlich bartlos war sein Antlitz, sonnengebräunt seine Haut. Mohisches Blut muss er in den Adern haben, so erscheint es mir fast. Ich sag ja immer, euer Sklavenhaltertum führt zu gar nichts außer Scherereien! Und kaum dass ich ihm einen großzügigen Taler in die Hand drücke, da ist er auch schon wieder in der Menge verschwunden, flink wie ein Luchs. Und mit ihm meine Geldkatze!! Und niemand hält es für nötig einen so schäbig gekleideten Burschen aufzuhalten, wenn eine Dame um Hilfe schreit. Barfuß lief er, als ob es gar nichts sei. Seine Pumphose und die rote Schärpe waren vielfach geflickt, genau wie seine Weste. Ach, und eine Gürteltasche nannte er sein Eigen. Ich nehme an, dass dort sein restlicher Besitz verwahrt wird. Diese Straßenkinder haben ja nicht viel. Ich kam mir ein bisschen vor, wie im Märchen ‚Der Dieb von Rashdul‘ aus Tausend und ein Rausch, habt ihr ein solches schon einmal gehört? Aber kommen wir zurück zum Geschäft: Was sagtet ihr gleich wollt ihr für 7 Rechtschritt blauen Damast?“
(Auszug aus einem Gespräch einer bornischen Händlerin mit einem tulamidischen Geschäftspartner, aufgeschnappt in Khunchom, neuzeitlich)
Aussehen
Banje ist ein, selbst für einen Tulamiden mit 159 Halbfingern recht klein gewachsener, etwa 17 Götterläufe zählender junger Mann. Sein Äußeres entspricht der klassischen Vorstellung Klein-Alriks vom Tulamiden aus Tausend und ein Rausch. Durch die Sonne gebräunte Haut, dunkles, etwa kinnlanges Haar und rehbraune, frech funkelnde Augen sind seine sofort erkenntlichen äußeren Merkmale. Banje ist schlank von Wuchs und durch die regelmäßige Übung seiner Kampffertigkeit drahtig gebaut. Seine Gesichtszüge sind fein geschnitten und lassen zusammen mit der geringen Körpergröße und der eher spärlichen Körperbehaarung auf mohisches Blut in seinen Adern schließen. Seine Bewegungen wirken auf den Betrachter fließend und anmutig. Trotz seines ärmlichen Äußeren trägt er den Stolz der Tulamiden mit geschwellter Brust zur Schau. Banje kleidet sich für gewöhnlich in klassisch tulamidische Gewänder, eine helle Pumphose und eine geschnürte Weste. Da er außer einem Satz Kleidung (bisher) keine andere besitzt, sieht diese äußerst getragen und ärmlich aus.
Said über …
Über Amira Andrez:
Anfangs dachte ich ja, sie sei nur eine dieser aufgeblasenen, reichen,
ausländischen Damen, wie man sie oft in Khunchom auf der Fürst-Istav-Allee
lustwandeln sieht (und die einem nicht einmal den lausigsten Kreuzer schenken),
aber Amira ist anders. Nicht nur, dass sie eine ausgezeichnete Einbrecherin
ist, sie versteht es auch mit vielerlei Waffen umzugehen, nicht zuletzt mit der
Waffe des Wortes. Amira muss man einfach respektieren. Und zwar nicht dafür wer
sie ist, sondern was sie kann! Wenn sie im Übrigen die Bianca raushängen lässt,
ist sie einfach unausstehlich und noch dazu pedantisch wie ein Haremswächter.
Über Magister Luminov:
Ein klassischer Magier, wie man sich’s vorstellt, bei Phex und Rahja! Nach
außen hin stets den Status repräsentierend und große Gesten machend, stolziert
der werte Luminov selbst noch erhobenen Hauptes durch den Schlund in Al‘Anfa.
Dazu ist er Eitel wie ein Pfau. Na, ja, und dass Magier magische Artefakte und
Pülverchen zusammenzaubern und dann auf dem Markt verramschen, weiß ja nun
jedes Kind. Kein großer Kämpfer natürlich, aber feilschen kann er wie ein
Dattelverkäufer am Rohalstag. Außerdem hat er einige wirklich beeindruckende
Zauber in der Hinterhand. Ich kann mir kaum vorstellen, dass ein Khadil Okharim
einen Liomar mit einem Feuerzauber hinwegfegen kann. Bei Rondra und Travia,
alle Achtung!
Und schlussendlich hat er trotz seiner großen Gesten das Herz am rechten Fleck,
wie man so sagt. Auch wenn es manchmal lästig ist, so fühle ich mich doch
geschmeichelt, wenn er den väterlichen heraushängen lässt.
Über Lindiariel:
Ein veritabler Dschinn, bei Hesinde und Tsa! Auch wenn „Tausend und ein Rausch“
anderes vermuten lässt, so bekommt man auch in Khunchom nicht alltäglich einen
zu sehen, aber dieses muss einer sein. Überirdisch schön und vom Kopf bis zu
den Ohrenspitzen irgendwie magisch. Er
redet nicht allzu viel, aber wenn er etwas mit seiner wohlklingenden Stimme
verlauten lässt, verwirrt es mich eigentlich nur. Aber so ist das wohl bei den Dschinnen, die
sprechen ja bekanntlich immer in Rätseln. Ich frage mich, was eine solche
Lichtgestalt in Al’Anfa zu suchen hat?
Über Gormasch Einsenbart:
Ich habe gelernt, dass ein Zwerg entsteht, wenn der Wind in den Stollen fährt
und den Stein belebt. Also handelt es sich auch bei dem kleingewachsenen,
grollenden Männlein aus dem Norden um einen Dschinn, keine Frage! Ich frage
mich, ob er wohl mit seinem Kettengewirk und der Kleidung die er trägt,
verwachsen ist, ich habe ihn noch nie etwas anderes tragen sehen. Vielleicht
belebt der Wind den Stein gleich samt der Kleidung die er trägt …
Saids Vergangenheit
Die Sonne begann bereits aufzugehen und das kleine Dorf Banje in ein unwirkliches, goldenes Licht zu tauchen als der Medicus schweren Herzens vor den Bauer und seine Kinder trat. Er hatte das Leben der noch jungen Frau nicht retten können, die seit dem Abend in den Wehen gelegen hatte. Der Bauer hatte kurz nach Sonnenuntergang eines seiner Kinder nach ihm geschickt, da die Frau offensichtlich unter viel größeren Schmerzen gelitten hatte als nach den letzten vier Geburten. Eigentlich kümmerte sich der Medicus nicht um die Belange der Leibeigenen, aber in diesem Fall hatte er sich erweichen lassen, die traurigen Blicke der Siebenjährigen vor seiner Tür hatten ihm gar keine andere Wahl gelassen. Und jetzt stand er mit einem kläglich schreienden Neugeborenen vor der fünfköpfigen Gruppe und offenbarte ihnen, dass Boron die junge Frau und Mutter zu sich befohlen hatte.
Noch lange Tage nach diesem Ereignis konnte der Medicus die Reaktion des Bauern nicht vergessen. Nie hatte er einen Mann von solcher Statur und solch schwerfälligem, gewaltigem Wesen unter Tränen zusammenbrechen sehen. Das neugeborene Kind, obwohl ein Junge, wollte der Bauer nicht haben und schickte den Medicus fort. Da ihm bewusst war, welches Schicksal dem Kind drohte, hätte er es einfach zurückgelassen, nahm er den, in Lumpen gewickelten, schreienden Säugling mit sich und ging in den anbrechenden Morgen hinaus.
Doch auch er, nicht frei von Aberglauben und Arroganz, wollte ein Kind, das kurz vor Beginn der namenlosen Tage geboren worden war, nicht behalten und so reiste er noch am gleichen Tag gen Khunchom um das Kind dort den Priesterinnen der Travia zu übergeben. Die sollten entscheiden was zu tun sei.
Am Abend des 30. Rahja erreichte er den ärmlichen Tempel der ewigen Flamme inmitten der Mhanadi-Metropole und überließ das Kind, die traurigen Umstände der Geburt schildernd, Mutter Haldigrid Tarlif, der einzigen Geweihten des Tempels. Said sollte sein Name sein, so hatte es die Mutter auf ihrem Sterbebett gewünscht, „Der Leuchtende“.
Said wuchs in der Obhut der arbeitsamen Geweihten der Göttin der Gastfreundschaft und des Herdfeuers zu einem hübschen Jungen heran. Er half Mutter Haldigrid bei der Arbeit, bei der Versorgung der Veteranen und Kriegsversehrten und tat kleine Botengänge, die man ihm übertrug. Als Gegenleistung bekam er regelmäßige Mahlzeiten und eine Schlafstelle. Er war ein aufgeweckter kleiner Junge, stellte der mildtätigen Frau viele Fragen über die Götter, die Welt und sich selbst. Doch schon früh erkannte der Knabe, dass er hier zwar willkommen, ihm aber niemals die Liebe einer Mutter zuteil werden würde. Die Geweihten der Travia sind nun einmal dazu angehalten allen Menschen Gastfreundschaft zu gewähren und ihnen ihre Mildtätigkeit angedeihen zu lassen. Said fühlte sich nur allzu oft wie einer unter vielen, obwohl ihn die alternde Mutter Haldigrid wirklich wie einen Sohn liebte.
Mit 8 Götterläufen schlich er sich eines Nachts davon und machte sich auf den Weg seine Familie zu suchen: er wanderte die Straße am Mhanadi entlang Richtung Banje.
Im kleinen Dorf angekommen wurde Said jedoch bitterlich enttäuscht. Es gab hier niemanden, der ihn kannte, und die Bauern behaupteten entweder, keinen Sohn mit dem Namen Said zu haben, oder Said bemerkte sofort, dass sie es lediglich auf seine Arbeitskraft abgesehen hatten. Auch hatte er bei keiner der Frauen im Dorf das Gefühl seine Mutter vor sich stehen zu haben. Er war sicher, es zu spüren, wenn die Leute, die ihn damals an der Tempelpforte abgegeben hatten, vor ihm stünden, aber nichts dergleichen geschah. Schrecklich deprimiert, enttäuscht und wütend, wie es nur ein Kind sein kann, lief er aus dem Dorf.
Wieder in Khunchom angekommen drückte er sich in den dreckigsten Gassen herum, schlief mit den Straßenkatzen zusammengekuschelt in dunklen Häuserecken und aß, was andere in die Gosse geschüttet hatten oder von den durch die Stadt rumpelnden Karren herunterfiel. Zurück zu Mutter Haldigrid wollte er nicht, hatte er doch Angst als Strafe verjagt zu werden. Außerdem war er bitterlich enttäuscht von der mildtätigen Frau, dass sie ihm offenbar eine Lüge über seine Herkunft erzählt hatte.
Auf der Straße lernte Said schnell, dass sein trauriger Blick genügte um Passanten auf der Fürst-Istav-Allee und einigen Händlern auf dem Markt das Geld aus dem Beutel zu locken und das sie noch ein Stück großzügiger waren, wenn er ihnen haarsträubende Lügengeschichten erzählte. Er merkte, dass man auch ohne fremde Hilfe zurechtkommen konnte, wenn Zunge und Beine gleichermaßen flink waren.
Sein Erfolg in der Bettelei und seine akrobatischen Verfolgungsjagden mit den Bütteln des Großfürsten waren auch anderen Vertretern der Bettlerzunft aufgefallen und so geriet Said mit 10 Jahren an Dunchabans Bande. Dunchaban selbst war ein 17 Götterläufe zählender Junge, der jüngere Straßenkinder um sich scharrte, um nicht selbst die dreckigste und vor allem gefährlichste Arbeit machen zu müssen. Die Kinder brachten die ergaunerte und erbettelte Beute zu ihm und Dunchaban zahlte ihnen einen kleinen Sold aus. Besonders begehrt waren die Belohnungen, die es für besonders wertvolle Beute gab, eine kleine Menge feinsten Rauschkrautes, das Dunchaban selbst anbaute und verarbeitete.
Said war zu dieser Zeit noch zu jung und zu naiv, die Sachlage richtig zu durchschauen, außerdem war das befreiende Gefühl nach dem Genuss von Rauschkraut einfach zu verlockend, aber schon früh realisierte er, dass er seine Position sichern und seine Stellung verteidigen musste um sich gegen die anderen Straßenkinder zu behaupten. Seine fehlende Körperkraft machte Said bei Streitigkeiten in der Gruppe durch Gewandtheit und rechte Brutalität wett und so entwickelte sich zwischen Dunchaban und ihm ein fast freundschaftlich zu nennendes Verhältnis, war der doch mehr als einmal von Saids Mut und Courage beeindruckt.
Innerlich nagten aber weiter die Zweifel in Said, was seine Herkunft, was die Umstände seiner Geburt anging und warum seine Eltern ihn wohl weg gegeben hatten. Banje nannte man ihn in der Bande, weil er aus Banje stammte und es einen Said in der Gruppe schon gab, aber war dieser Name wirklich richtig gewählt?
Als Said zu alt für die Bettelei wurde und die Gewinne immer kleiner ausfielen, wurde er in eine neue Aufgabe eingewiesen. Dunchaban zeigte ihm die Möglichkeiten, wie man sein gutes Aussehen, und dieses besaß Said ganz gewiss, anderweitig gewinnbringend einsetzen konnte. Sobald die Sonne hinter dem Khoram-Gebirge verschwand, drückten sie sich in den Hafen-Spelunken und den dazwischen gelegenen dunklen Gassen herum und schnell hatten sie gefunden, wonach sie gesucht hatten. Eine muskulöse, kurz geschorene Matrosin wurde Banjes erste Kundin. Er vergaß dieses erste Erlebnis nie und er hasste sich selbst dafür, dass er offenbar auf die niedrigste Stufe der Gesellschaft herabgestiegen war. Die brutale Frau behandelte ihn wie ein Stück Vieh und er wollte „es“ nie wieder tun, aber der süße Duft des Rauschkrauts und die Androhung aus der Gemeinschaft geschmissen zu werden ließen ihm keine andere Wahl.
Doch Banje war schließlich ein Überlebenskünstler und mit leicht benebelten Sinnen ließ sich das Lustknaben- und Dirnen-Gewerbe sogar aushalten. Wenn die bunten Nebel um seine Augen tanzten war es ihm egal, wer ihm diese Nacht Bettstatt bot, ob Matrose, Matrosin, Gaukler oder Reisende aus fernen Ländern. Auch der Selbstekel ließ sich so in eine Ecke des Bewusstseins verbannen. Unter den Dirnen und anderen Lustknaben in Khunchom gewann er später sogar einige gute Freunde, von denen er auch lernte, dass man besser immer einen kleinen Dolch unter dem Gewand versteckte.
Wie und wann genau Said Kazajin gefunden, oder vielmehr der ihn gefunden hatte, wusste er später gar nicht mehr genau. Alles war ein so komischer Zwischenfall gewesen:
Einige Monate nachdem Said 17 Jahre geworden war, kam es in der Gruppe zu einem Streit, der in eine ziemliche Schlägerei ausartete. Jemand hatte eine Beleidigung über seine Familie fallen lassen und das hatte Banje rasend gemacht. Mit blutender Nase war er durch die Gassen davon gelaufen, niemand sollte sehen, dass er weinte wie ein kleines Kind, dem man die Arangine weggenommen hatte. Und dann, am anderen Ende Khunchoms, jenseits des grünen Mhanadi, tauchte der Bettler Bastran auf. Der alte Mann mit dem schlohweißen Haar, den mandelförmigen Augen und dem langen, bis zum Bauche herabhängenden Schnurrbart, der auf einen Krückstock gestützt mal hier mal dort erschien und von dem niemand so genau wusste, woher er eigentlich kam und was er wollte. Said hielt es für eine günstige Gelegenheit sich seinem Ärger Luft zu machen, doch sein absichtlicher Rempler ging ins Leere. Das machte ihn richtig wütend, trieb der Greis doch offenbar seinen Spott mit ihm, aber auch der folgende, ernst gemeinte Schlag verfehlte sein Ziel, weil der Alte, behände wie ein Luchs, einfach beiseite getreten war. Der Kampf war kurz und schmerzvoll: Bastran trat ihn mit dem Fußballen gezielt vor den Brustkorb und trieb ihm so die Luft aus den Lungen und die Tränen in die Augen. Keuchend sackte Said zusammen. „Du musst noch viel Lernen, junger Freund. Dies war soeben deine erste Lektion: Unterschätze niemals deine Gegner!“ spöttelte der Greis.
So war Said zu Kazajin von Maraskan’s Schüler geworden. Der alte Mann, ein früheres Mitglied der Sa-Murajinim, hatte den Jungen eine Weile beobachtet und ihn ob seiner Fähigkeiten, als seinen Scholaren ausgewählt. Bei ihm lernte Said die Kunst des Rur-Uzat und wurde in die Aspekte des Rur und Gror Glaubens eingewiesen.
Bis zu den Unruhen auf der verfluchten Insel Maraskan war Kazajin ein hoher Lehrer der Sa-Murajinim gewesen, die in einem abgelegenen Kloster in der Maraskankette gelebt hatten. Durch die politischen Unruhen und einen Verrat war die der Ketzerei verschriene Gruppe aufgerieben und zerstört worden. Kazajin war nach Khunchom geflohen und lebte hier als Bettler Bastran.
Durch Kazajin konnte Said seine Rauschkrautsucht beinahe überwinden, der Alte lehrte ihn in verschiedenen Meditationstechniken und brachte ihm bei, seinen zerstörerischen Jähzorn nutzbringend einzusetzen. Das erste Mal in seinem Leben hatte Said das Gefühl, wie ein Sohn von einem Vater geliebt zu werden, denn der alte Mann ließ ihm all die Aufmerksamkeit zukommen, die einem Vater würdig gewesen wäre.
Zwar ging Said noch immer für Dunchaban auf Diebestour oder verkaufte sich an zahlungswillige Kunden und Kundinnen, aber die meiste Zeit verbrachte er in Kazajins Hütte, wenn er sich nicht gerade auf dem Markt herumdrückte um die schöne Alara zu beobachten. Denn, hatte er zwar schon mit vielen das Bett geteilt, und sicherlich nicht nur mit unansehnlichen Menschen, erst seit er Alara am Stand ihres Vaters erblickt hatte, wusste er, was es heißt in Liebe zu entbrennen. Sie war der Gedanke vieler schlafloser Nächte und tagelang sinnierte er darüber wie er ihr näher kommen könnte, aber selbst in Kazajins Lehre war für dieses Problem keine Lösung zu finden.
Dann bot sich ihm eines heißen Tages, mitten im Praios, doch die Gelegenheit auf sich aufmerksam zu machen. Auf dem Markt war es zu einem Handgemenge gekommen und Alaras Stand drohte in das Geschehen verwickelt zu werden. Mutig stürzte Said sich ins Geschehen und schirmte Alara vor Zugriffen ab.
Nachdem die Rangelei von den Gardisten beendet worden war hörte Said hinter sich eine Stimme von lieblichem Klang sprechen: „Will mir denn mein Edler Beschützer auch seinen Namen verraten?!“ Said war so verblüfft, das er nur stammeln konnte. Wäre seine Hautfarbe nicht recht dunkel gewesen, so wäre er sicherlich rot angelaufen. Noch ehe er zu einer Antwort ansetzen konnte, wurde Alara von ihrem Vater gerufen und war verschwunden. Beschwingt wie noch nie in seinem Leben zuvor kehrte er in Kazajins Behausung zurück.
Dies jedoch stellte sich als folgenschwerer Fehler heraus, denn durch seine Kampfeskunst und seine Fertigkeit war er auf dem Markt noch jemandem aufgefallen. Gerade hatte Said seinen Bericht von dem Erfolg Kazajin gegenüber beendet, da flog der Stofffetzen, der den Eingang zur Hütte des alten Mannes verhängte, beiseite und ein Mann von vielleicht 25 Götterläufen, bekleidet mit einer seidenen Pumphose, einem breiten schwarzen Gürtel und einem schweren, in den Schultern gepolsterten Umhang betrat den Raum. „Habe ich euch endlich gefunden, Sensai Kazan!“ Said verstand nicht was diese Anrede sollte, überhaupt verstand er nicht, was der Mann bei ihnen wollte, doch aus dem folgenden Dialog konnte er zumindest heraushören, dass es sich bei dem Besucher um einen ehemaligen Schüler Kazajins handelte und das dieser offenbar an dem Verrat der Bruderschaft beteiligt war. Nun hatte Said den Fremden, auffällig geworden durch seine Kampfeskunst, direkt zu seinem Lehrer geführt. Rezzabu, so hatte Kazajin ihn genannt, war gekommen um sein Werk von vor 7 Jahren zu beenden, Kazajin zu töten und damit den Orden endgültig zu zerstören.
Mutig warf Said sich in den Weg, doch er wurde von dem Kämpfer mit einem geschickten Griff gepackt und in eine Ecke des Raumes geschleudert. „Du hast noch immer nicht gelernt deine Gegner richtig einzuschätzen, junger Scholar“ schalt ihn Kazajin mild lächelnd, offenbar unbeeindruckt vom bisherigen Geschehen. Durch den Sturz außer Gefecht gesetzt konnte Said dann nur zusehen, wie sein Mentor in wildem Kampf mit dem ehemaligen Schüler entbrannte. Rezzabu hatte seinen Umhang fallen lassen und den auf seinen Rücken geschnallten Nachtwind gezogen. Auch Kazajin hatte ruhig seinen Stock beiseite gelegt, die Waffe aus einem Stück Stoff gewickelt und mit einer Verbeugung das grausame Spiel eröffnet. Es war ein Kampf wie er härter nicht hätte geführt werden können und bei dessen tödlicher Eleganz jeder Rondra-Geweihte vor Neid erblasst wäre. Doch Kazajin musste seinem Schüler unterliegen. Zwar noch immer der bessere Kämpfer, forderte das Alter jedoch endgütig seinen tödlichen Tribut. „Rezzabu, Scholan Kazajin ist tot! Als Rezzan al Sheik bin ich neu geboren!“ Mit diesen Worten durchbohrte der Fremde den am Boden liegenden Gegner. „Und was dich angeht, du nichtwürdiger Wurm, sollte ich dich jetzt auf der Stelle töten. Aber das würde mir weniger Freude bereiten als einen durch den Regen aufgescheuchten Wurm im nassen Sand zu zertreten. Deshalb werde ich dir Schmerz bereiten der viel tiefer geht, als eine Hinrichtung durch meine Waffe: Ich werde mir eine kleine Trophäe mitnehmen!“
Mit diesen Worten ergriff der Fremde seinen Umhang, den er zum Kampf hatte von den Schultern gleiten lassen und verschwand im Gewirr der Gassen. Irr vor Angst um seinen Ziehvater kniete Said neben ihm nieder. Der Brustkorb des alten Mannes hob und senkte sich kaum merklich und Schweiß stand auf seiner Stirn. Die Hände hielt er vor der Brust und zwischen seinen Fingern rann das Blut. „Mein Sohn, du warst mir ein guter Schüler! Ich werde nun für eine Weile abwesend sein, so wie es einem jedem von uns früher oder später wieder und wieder ereilt. Sei nicht allzu betrübt, die Tage dieses alten Körpers waren eh gezählt… Und denk immer daran mein Sohn: Unterschätze niemals deine Gegner!“ So verabschiedete sich der alte Mann freundlich lächelnd, auf die gleiche Art, wie er Said damals begrüßt hatte und starb in Saids Arm. Eine ganze Weilte weinte er an diesem Tag leise vor sich hin und beklagte den Tod des Mannes, der ihm den Sinn für so viele Dinge, darunter auch sein eigenes Leben, gezeigt hatte. Als er wieder einigermaßen bei Verstand war, tat er, wie Kazajin ihn gelehrt hatte. Er bahrte den alten Mann auf, deckte sein Antlitz mit einem weißen Laken zu und setzte schlussendlich die kleine, etwas abseits stehende Hütte des alten Mannes in Brand. Vorher hatte er die traditionelle Rüstung der Sa-Murajinim, wie auch Kazajin eine besessen hatte, davon geschafft und sie in eine kleine Höhle abseits der Mhanadi-Mündung gebracht. Den Helm, die Rüstung mit Zeug und den traditionellen Nachtwind. Das ist die Ausrüstung, die ein Sa-Muraj im bewaffneten Kampfe trägt.
Am darauf folgenden Tag ereilte Said dann der nächste Schock. Alara war nicht, wie an all den anderen Tagen, auf dem Marktplatz. Der Vater war allein dort und die Erkenntnis traf Said abermals wie der Schlag. Die Trophäe, von der der Fremde gesprochen hatte, war niemand anderes als Alara.
Wie viel er auf wilden Hatz zerstörte, wie viele Körbe er umwarf und wie viele empörte Menschen er anrempelte, dass war ihm egal, als er blindlings durch die Gassen und Straßen Khunchoms eilte. Die Tränen in den Augen behinderten seine Sicht und auch die Praiosscheibe war an diesem Tag heißer und gleißender, als an irgendeinem anderen Tag. Eintausend Mal schrie er Alaras Namen, doch er bekam keine Antwort. Irgendwann brach er zusammen und konnte nicht mehr weiter laufen, aber Alara hatte er nicht finden können. Der Mörder seines Ziehvaters war auch zum Dieb seines Herzens geworden, denn das hatte er Alare geschenkt.
Diesen Abend, als die Sonne blutrot hinter dem Khoram-Gebirge versank, da schwor er Rache. Rache dem Mann, der seine Liebe und seinen Lebenssinn so gründlich zerstört hatte, ihm aber auf genau diesem Wege einen neuen Sinn gegeben hatte. Und er würde warten, warten bis nicht er derjenige war, der seinen Gegner unterschätzte. Und hatte Kazajin nicht einmal zu ihm gesagt: „Said, du aufbrausender Sohn der Unvernunft, nur jemand, der einen Fluss hat zufrieren sehen, der ist jedem erwählten Gegner gewachsen. Aber das, mein Junge, ist eine sehr weite Reise.“
Und er, Said, würde diese Reise auf sich nehmen, sei es eine Reise des Geistes oder eine reale Reise in alle Länder dieser Welt und seinen Gegner, den hatte er bereits erwählt…