Ethel lächelt etwas schief, auf dein Angebot sie zu begleiten. „Wenn du darauf bestehst. Aber ich muss dich warnen. Dara ist etwas … verschroben. Derartigen Hilfsangeboten ist sie wenig zugänglich.“ Auf halbem Wege die Treppe rauf schmunzelt sie dann jedoch: „Aber wahrscheinlich ist sie nicht die erste verschrobene alte Frau, der du begegnest.“
Der Fußboden knarzt ein wenig unter eurem Gewicht, als Ethel mit bedächtiger Langsamkeit den Flur entlang schleicht. Vor der zweiten Tür auf der rechten Seite bleibt sie stehen, räuspert sich und klopft dann an. Ein Schutzzeichen ist auf der Tür aufgebracht. Eines jener Zeichen, welches dem Aberglauben der Bauern folgend vor bösen Geistern und Dämonen schützen soll.
Von innen ist ein dünnes, heiseres „Komm nur herein“ zu hören. Ethel öffnet die Türe, noch immer sehr bedächtig in ihren Bewegungen, fast so als habe sie ein wenig Angst.
Ihr betretet eine kleine Kammer, aus der dir der Geruch von Alter und Krankheit entgegenschlägt. Ein kurzer Gedankenblitz schießt durch deinen Kopf. Die Erinnerungen an die Leiden anderer Menschen kommen in dir hoch. Und der damit verbundene Gefühlsmisch aus Freude über abgewendete Schicksale und die hilflose Trauer über unabwendbare Tatsachen. Eine solch deutliche Gefühlsaufwallung, die in direkter Verbindung mit deiner Kindheit und deiner frühen Jugend steht, hast du noch nie verspürt. Irritiert bleibst du einen Augenblick im Türrahmen stehen um dich zu sammeln und lässt kurz den Blick schweifen.
Der Tür gegenüber befindet sich ein kleines Fenster, vor das ein schwerer roter Vorhang gezogen ist. Links steht ein alter, doppelflügeliger, wuchtig gezimmerter Schrank, dem sein Alter deutlich anzusehen ist. Abgesehen von der rechten Schranktür, scheint Satinav seine Hörner regelmäßig an diesem Möbelstück zu wetzen. Oben auf dem Schrank sitzt der Uhu, von dem dir die kleine Dara erzählt hatte. Auffordernd schaut er auf dich herab. Sehr lebendig sieht er aus, da musst du deiner kleinen Freundin tatsächlich recht geben. Sein Blick allerdings ist so starr, wie er eigentlich nur bei einem ausgestopften Tier sein kann. Ethel scheint beim Betreten des Raumes den Blick nach links absichtlich zu vermeiden und wendet sich direkt nach rechts, wo das zum Schrank passende Bett steht. Vier wuchtige Pfosten mit wenig kunstvollen Schnitzereien flankieren den Bettkasten. Dicke Daunenbetten verstecken die alte Frau fast vollständig, die du dort im Bett liegend erwartest. Überraschenderweise sitzt sie mehr, als das sie liegt, mit einem der dicken Kissen als Stütze im Rücken. Auf der Kommode neben ihr stehen ein Krug mit Wasser und ein gläserner Pokal.
Du schüttelst das seltsame Gefühl, das dich eben befallen hatte, ab und trittst näher. Als du Dara in Augenschein nimmst, erschrickst du ein wenig. Die Frau sieht tatsächlich aus wie in Leichnam. Sie muss uralt sein, denkst du bei dir. Nichtsdestoweniger verrät dir ihre Erscheinung, dass sie vor vielen Jahren einmal eine wunderschöne Frau gewesen sein muss. Lange weiße Haare rahmen das winzige, von Falten durchzogene Gesicht ein. Ihre Stirn ist so hoch, dass man sie für einen alten Mann halten könnte, aber die winzigen, tiefliegenden Äugelein sind von einer erschreckenden Klarheit. Die Hände ruhen sanft auf der Bettdecke. Sie gleichen mit ihren langen Nägeln und den spindeldürren Fingern den Klauen der Eule, die in eurem Rücken auf dem Schrank sitzt.
Das Nachthemd von makellosem Weiß gleicht in der Farbe den Haaren. Du bildest dir ein, das ein gespenstisches Glühen von der gesamten Gestalt ausgeht, wischt diesen absurden Gedanken aber schnell beiseite, als die raue Stimme der Alten erklingt: „Besuch hast du mir mitgebracht?“ „Ja Mutter. Diese junge Frau ist Mirya. Ihr Beschützer und sie sind auf der Durchreise und baten um eine Unterkunft für die Nacht.“
Die Alte mustert dich eindringlich und du erwiderst ihren Blick freundlich lächelnd. Du konzentrierst dich und während du ihrem Blick standzuhalten versuchst, sendest du deine magischen Kräfte aus, um nach einer Gefühlsverwandtschaft mit der alten Frau zu suchen. Ohne dich vom Fluss der Kraft ablenken zu lassen begrüßt du Dara: „Travia und ihre elf Geschwister zum Gruße. Es freut mich deine Bekanntschaft zu machen.“ intonierst du deine Standardbegrüßung.
Während du noch die letzten Worte sprichst, bricht das magische Band zwischen euch ab und enttäuscht musst du feststellen, dass in Daras Augen keine verräterische Färbung aufgetreten ist.
Sie allerdings lächelt dich jetzt freundlich, fast wohlwollend an, so als ob ihr deine kleine Hexerei nicht entgangen sei.
Ethel stellt soeben die Schale mit Suppe auf den Nachtspint. „Mirya ist Heilerin, Mutter. Sie hat mir angeboten, nach dir zu schauen …“
„So?“ fragt sie und spricht an die gewendet weiter: „Mein Kind, hast du denn vielleicht vollbracht, was vor dir keinem Medicus, keinem Heiler und keinem weisen Manne gelungen ist?! Du hast eine Tinkture gemischt, die Satinavs Hörner abstumpfen? Oder gar eine venische Salbe, die dazu imstande ist, Golgari davon abzuhalten, beständig über diesem Bette zu schweben?“
„Mutter, sie hat …“
„Schweig! Ich glaube, die junge Dame kann durchaus für sich selbst sprechen, mein Kind.“
Du stehst etwas hilflos vor dem Bett. Der Zynismus vieler alter Menschen hatte dich bisher immer verunsichert und auch jetzt fällt dir spontan keine schlagfertige Antwort ein. Auch Rauma konnte ähnlich gut über die Leichtfertigkeit der Jugend spotten. Als du zögerst, spricht Dara mit überraschender Freundlichkeit weiter: „Setzt dich hierher, mein Kind!“ Langsam gleitet ihre Hand von der Bettdecke an ihre Seite und dann wieder zurück. „Ethel, Liebes. Lass mich und die Medica einen Augenblick allein. Wir wollen sehen, ob ihre Heilfertigkeit ihr Selbstbewusstsein übertrifft.“
Dara blickt Ethel in einer Weise an, der jeden Ungehorsam im Keim erstickt und Ethels kurzes Zögern in beinahe hektisches Handeln verwandelt. Sie eilt an dir vorbei und schließt hinter sich die Tür. Schon wieder bist du irritiert. Dich überrascht die beinahe greifbare Autorität der Alten. Nach kurzem Zögern setzt du dich auf die Bettkante. Dara nimmt deine Hand. Ihr Griff ist schwach und entspricht eher ihrem Erscheinungsbild als ihr Verhalten. „Nun mein Kind? Was ist der wirkliche Grund deines Besuches in dieser Gruft? Hattest du etwas anderes erwartet, als du schlussendlich vorgefunden hast? Oder war es die schiere Neugier und der Wunsch zu helfen, der dich zu mir gebracht hat?“
[Was antwortest du der Alten auf diese seltsame Frage? Eine möglicherweise anfallende Probe übernehme ich dann …]
Welch bemerkenswerte alte Frau – es fühlt sich immer noch so an, als sei der Gedanke an Rauma, der mich eigentlich hierher gelockt hat, gar nicht so fehl am Platz gewesen… Und warum genau bin ich eigentlich in dies Zimmer gekommen? Eine Mischung aus Neugier, der Erwartung vielleicht eine Schwester Satuarias vorzufinden, nach der Ankündigung der großen Eule, dem Wunsch tatsächlich nochmal was nützliches zu vollbringen, mit den Künsten, die ich erlernt habe, dahinter bestimmt auch der Wunsch, mir weiter Klarheit über meine wahre Bestimmung zu verschaffen, wenn ich das Gefühl habe, dass es mich derzeit mehr zum fahrenden/wandelnden Volk zieht, war dann alles umsonst, was ich bisher gelernt habe…. viele Dinge haben mich getrieben hier hineinzuschauen. Und was entgegne ich schlussendich auf diese seltsame und eindringliche Frage:
„Ich gebe zu, es war am ehesten der Gedanke an meine eigene *kurzes Zögern* Großmutter, der mich hierher geführt hat. Sie hat mich die Heilkunst gelehrt, und vieles was ich weiß. Auch wenn wir nun getrennte Wege gehen, halte ich ihr Andenken in hohen Ehren, und wollte daher sehen, ob meine Bescheidenen Künste hier von Nutzen sein können… Und dann war da noch die Neugier auf Eure „große Eule“, die mir die kleine Dara so dramatisch geschildert hat – den Anblick wollte ich mir nicht entgehen lassen-“ sage ich mit einem eher humoristischem Unterton, um die Beklommenheit zu verscheuchen, die mich beim Reden über Rauma in Verbindung mit den Gerüchen des Zimmers beschlichen hat.
„Tatsächlich ein beeindruckendes Exemplar – vielleicht erzählt Ihr mir beizeiten seine Geschichte, ich höre sehr gerne Geschichten…!“
Reaktion? Falls die Alte irgendwo dazwischenhakt, unterbrich einfach meinen Redefluss, woimmer es dir passt…
– habe irgendwie das gefühl, dass mich meine Intuition nicht ganz getäuscht haben kann, was den „Hexenverdacht“ angeht. Ich meine es passt so schön – die Willensstärke der Alten, die Schranktür, die Eule – was passiert eigentlich mit einer Hexe, wenn Ihr Vertrauter stirbt?? Eikiko, das will ich mir gar nicht ausmalen… Oder vielleicht ist die Zeit dieser Frau ja auch gekommen, und ihre magischen Kräfte haben sie bereits verlassen… und nicht zuletzt habe ich auch mal irgendwo gehört, dass es Schwestern geben soll, die sich dem Erkennen an den Augen widersetzen können…
– sollte sich Dara also irgendwie doch noch zu erkennen geben, habe ich natürlich jede Menge Fragen an sie was die Eule angeht, ob sie mir was beibringen kann, was ihre „Spezialität“ ist usw und werde Schwierigkeiten haben, da an mich zu halten, und ihr auch die Freude vermitteln, auf meinem Wege endlich mal wieder eine Schwester zu treffen (da bricht dann das umtriebige, lebensfrohe in mir total durch, auch wenn die Alte ja eher etwas ernst und verschlossen wirkt)
– desweiteren gibt sie sich ja die Aura von „alles was man für mich tun kann, wurde bereits getan“. Sollte sich mein erster Eindruck, dass die Zeit ihres Körpers tatsächlich bald gekommen ist auch weiterhin bestätigen, biete ich ihr trotzdem nochmal an einen Tee zur Aufmunterung und Kräftigung zu bereiten oder irgendwas gegen Schmerzen zu unternehmen. Aber vielleicht kann ja gerade bei dieser verschlossenen Zynikerin eher ein Gespräch die Wunden der Seele heilen, und den inneren Frieden bringen (das hätte jetzt bestimmt eher Rauma gesagt, als Mirya gedacht, die sucht wahrscheinlich eher intuitiv das Gespräch über das Vergangene Leben zu beginnen, weil sie spürt, dass ihre Tränke und Tinkturen nicht gewünscht werden..
so. Das nochmal so kurz an gedankenfetzen, die mir hier so umherschwirren…