Fröhlich erklingen die Glöckchen an deiner Kleidung, als du dir leichtfüßig deinen Weg durch den lichten Wald bahnst. Allenthalben bricht sich die Sonne Bahn durch den grünen Alkoven und kitzelt deine Nase. Die Melodie deines Schrittes mit einem fröhlichen Pfeifen begleitend wanderst, kraxelst und kletterst du ziellos vor dich hin als du unvermittelt auf eine ganz eigenartige Lichtung triffst. Jemand hat hier Steine auf dem Boden kunstvoll zu einem breiten langen Band zusammengefügt, einem Fluss nicht ganz unähnlich. Dieser Fluss mäandert sich seinen Weg quer durch den Wald. Die Bäume sind vor dem Steinband zurückgewichen, säumen dieses hier und da nur noch wie ein Flussufer.
Da das Wandern auf diesem steinernen Pfad um so vieles einfacher ist ‚betrittst‘ du deine Entdeckung und folgst ihr aufs Geratewohl. Ohnehin hast du kein festes Ziel und bist sehr gespannt, wohin dich der Fluss bringen wird.
Zunächst aber probierst du ein Spiel, das dir eben eingefallen: du hüpfst von Stein zu Stein, peinlich darauf achtend die Zwischenräume der einzelnen Steinen nicht zu berühren. Laut lachend, und mit vielen ‚Uhhs‘, ‚Ohhs‘ und ‚Oh Weis‘ springst, stolperst und hechtest du voran.
Das Spiel erschöpft dich allerdings schnell und allein ist es auch ein wenig langweilig. So wechselst du in einen dynamischen Wanderschritt, pflückst zwischendurch einige Beeren, die am Wegesrand wachsen, als Proviant und beginnst wieder dein Liedchen zu pfeifen.
Hinter einer Anhöhe lichtet sich links und rechts deines Steinflusses der Wald merklich und weicht einer grünen Aue, die von einem echten Fluss durchschnitten wird. Dort wo Steinfluss und Wasserfluss aufeinandertreffen hat jemand ein Menschenhaus gebaut. So jedenfalls sieht es von hier aus. Welch spannende Entdeckung. Vielleicht dein erster menschlicher Kontakt seit … seit … seit sehr langer Zeit.
Als du näher heran bist, erkennst du, dass das Haus eher einem Tunnel gleicht, der über den Wasserfluss gebaut ist. Der Steinfluss ‚fließt‘ durch diesen Tunnel hindurch und geht auf der jenseitigen Seite des Wasserflusses weiter. Der Tunnel ist aus Holz gebaut und mit leuchtenden, roten Schindeln gedeckt.
Der Besitzer dieses eigentümlichen Domizils ist zu deiner Überraschung ein Eichennymph. Eine bärtige Gestalt mit imposanten, über der Nase zusammengewachsenen, buschigen Augenbrauen. Wulstige Lippen und wache, wiesel-artige Knopfaugen formen das mürrisch dreinblickende Gesicht des Nymphen. Gekleidet ist er in braune, lederne Gewänder. Ein brauner Hut wird von einer langen Feder geziert. Das einzig Farbenfrohe an der Erscheinung. Er steht leicht vornüber gebeugt und stützt sich auf einen langen Ast mit einem grauen Blatt oben an der Spitze. Vielleicht musst du deine Einschätzung bezüglich der Eiche noch einmal überdenken, denn dieses Wesen kann nur Herr eines sehr kläglichen Baumes sein. Als du heraneilst um ihn fröhlich zu begrüßen murmelt er sich unverständliche Laute in seinen Bart, die in deinen Ohren nicht allzu freundlich klingen.
Diese Baumnymphen denke ich noch bei mir, ehe ich eine freundliche Verbeugung andeute, ihn breit angrinse und ganz intuitiv Magie fließen lasse um die Stimmung ein wenig aufzuhellen (gelungener Lachkrampf). Als sich seine Miene aufhellt und er zu lachen beginnt steige ich freilich in sein herzlich schallendes, dunkles Lachen ein … das sollte ja wohl das Eis gebrochen haben. Wenn wir beide wieder zu Atem gekommen sind halte ich ihm dann einige Beeren als Zeichen der Freundschaft hin.
Es dauert eine ganze Weile ehe der Nymph sich beruhigt hat. Du bist selbst ein wenig überrascht, lassen sich Feenwesen doch eigentlich nicht so leicht verzaubern. Als er wieder zu Atem kommt bleibt sein Gesichtsausdruck aber keineswegs freundlich und aufgeschlossen sondern verfinstert sich sogleich wieder. Die Beeren schlägt er dir unvermittelt aus der Hand, macht dann einen Satz rückwärts in seine Behausung hinein und baut sich groß auf. Seinen Ast hält er dir wild fluchend entgegen.
Und endlich dämmert dir, dass es sich hierbei keineswegs um einen Nymphen sondern nur ein extrem struppiges Exemplar deiner eigenen Spezies handelt. Das erklärt natürlich warum er deine freundliche Begrüßung möglicherweise gar nicht verstanden hat. Außerdem wird dir klar, warum er deine freundliche Gabe ausgeschlagen hat. Bei dem Ast handelt es sich freilich um sein Essgeschirr. Darauf hättest du gleich kommen sollen. Menschen sind doch alle so vornehm und essen nicht von den Fingern.
Leider schlägt der Mensch dann aber auch deinen zweiten Versuch einer freundlichen Geste, eine gründlich polierte Beere aufgespießt auf seinem ‚Es-Stab‘, vehement aus. Offenbar hast du ihn damit sogar arg verärgert, denn seinen Stab stößt er wütend in den Boden. Er packt dich unvermittelt am Kragen. Saurer Geruch schlägt dir entgegen, als er dir mit seinem Gesicht nahe kommt und heftig auf dich einredet. Als du ihn nur völlig entgeistert und verständnislos anschaust stößt er dich von sich in Richtung seiner Behausung. Unsanft landest du auf deinem Hinterteil.
Ich verstehe das nicht. Meine erste Begegnung mit einem Menschen und dann sowas. Sinn für Humor scheint diesem Exemplar völlig abhanden gekommen zu sein. Ich rappel mich wieder auf und durchquere eiligen Schrittes seine – vermutlich leere – Behausung um auf der anderen Seite dem Fluss weiter zu folgen. Nichts anderes hatte ich ja ursprünglich gewollt … vom anderen Ende seines Tunnels drehe ich ihm noch einmal eine lange Nase und strecke ihm lautstark die Zunge heraus. Dann flizze ich von dannen.
Der unfreundliche Mensch ruft dir dem Tonfall nach zu urteilen noch einige wüste Dinge hinterher, ehe du sein Fluchen vollends abhängst und deiner Wege ziehst. Einen Augenblick grübelst du noch über deine erste Begegnung mit einem Menschen nach, beschließt dann aber für dich nicht gleich den Mut sinken zu lassen. So verschieden wie Feenwesen werden hoffentlich auch die Menschen sein. Es finden sich sicherlich auch welche, die ein etwas sonnigeres Gemüt ihr eigenen Nennen.
So hast du denn den Vorfall mit dem Tunnel-über-den-Fluss-Mann schon fast wieder vergessen, als die Landschaft sich merklich ändert. Die Bäume sind längst Wiesen gewichen und diese werden jetzt allenthalben durch Flächen absolut gleichmäßigen Bewuchses unterbrochen. Von einer Anhöhe aus kannst du erkennen, dass diese Flächen nicht nur mit immer den gleichen Pflanzen bewachsen sind, sondern wie deine Hosenflicken häufig rechteckig geformt sind. So als habe jemand die Landschaft geflickt. In der Ferne erkennst du lustige Rauchfahnen, die ganz sicher von heimeligen Feuerstellen stammen.
Etwa eine Meile dem Steinfluss folgend später machst du eine weitere spannende Entdeckung. Linkerhand stehen auf einer grünen Wiese eine große Menge ulkiger Tiere. Sie erinnern ein wenig an vom Himmel gefallene Wolken. Als du näher heran bist fällt dir auf, dass die grüne Wiese mit den Wolkentieren eingezäunt ist und die weißen, flauschigen Tiere von einem braunen Tier bewacht werden. Das Verhalten dieses braunen Tieres erinnert dich ein wenig an das eines Wolfes, aber das Fell ist sehr viel länger und der Schädel eher rund als spitz …
Das finde ich spannend und möchte mir das mal aus der Nähe anschauen. Ich meine mich erinnern zu können, dass es sich bei dieser Gattung brauner Tiere um Pferde handelt (Tierkundeprobe arg daneben), die meinem Wissen nach harmlos sind. Außerdem kann ich den Drang nicht unterdrücken die Wolkentiere mal zu streicheln. Wie sich eine Wolke anfühlt möchte ich ja schon gerne mal wissen.
Kaum bist du über den Zaun geklettert und hast dich den Wolkentieren auf wenige Schritte genähert, da eilt das Pferd auf dich zu. Gelegenheit darüber nachzudenken, ob so ein Pferd wirklich ein harmloses Tier ist, hast du nicht mehr. Blitzschnell ist das Tier heran, hat dich ungestüm umgeschmissen und beginnt damit, dich mit seiner langen Zunge abzuschlecken. Zwar bist du im ersten Moment arg erschrocken, beschließt dann aber für dich, dass das wohl kaum eine aggressive Handlung sein wird. Wirkt eher so, als sei das Pferd freudig aufgeregt.
Dann lässt das Tier von dir ab und läuft wie ein Wolf bellend zu einem Menschen herüber, der gerade gemessenen Schrittes auf dich zukommt und der dir bisher noch nicht aufgefallen war. Dieses Exemplar eines jungen Mannes wirkt vom Gesicht her deutlich freundlicher als der Nymph am Tunnel. Zwar ist er ähnlich langweilig nur in eine braune Hose und eine Weste aus dem Fell der Wolkentiere gekleidet, wirkt aber mit dem etwas struppigen, braunen Haar, dem Strohhut und dem lustig gedrehten Holzstab offener als sein älterer Artgenosse. Freundlich plappernd hält er dir eine Hand hin und ist dir beim Aufstehen behilflich. Einen Augenblick schaust du ihn so wissend wie eben möglich an, ehe du ein koboldisches „Wie bitte?“ verlauten lässt.
Das bringt dein Gegenüber kurzzeitig aus dem Konzept, ehe er zu lachen beginnt und einen weiteren Redeschwall auf dich herabregnen lässt.
Dann macht er eine gewichtige Pause, räuspert sich und klopft sich mit der flachen Hand auf die Brust. Die Geste unterstreicht er mit den Worten: „Ich … heiße … Preidan.“
Mir ist dieser Mensch sympathisch, beschließe ich. Und das letzte habe ich auch verstanden (Klugheitsprobe bestanden) bzw. kann mir vorstellen, was es bedeuten soll. Folgerichtig klopfe auch ich mir mit der flachen Hand auf die Brust und sage: „Ich … heiße … Sari.“ Dann stupfse ich ihn an und wiederhole „Preidan“. Wenn er nickt zeige ich auf das Pferd.
Langsam intoniert er: „Wäch …ter. Er … heißt … Wächter.“ Du freust dich und sprichst ihm nach: „Wächter.“ Dann zeigst du auf eines der Wolkentiere und er lässt ein kurzes „Schaf“ verlauten. Das Spiel gefällt dir. Als er dir andeutet ihm zu folgen schließt du zu ihm auf. Wächter bellt derweil aufgeregt und rennt wild um euch herum.
Auf dem Weg zu einer (leider wieder langweilig) braunen Decke unter einer wunderschönen, weit ausladenenden, alten Eiche setzt du das Wortspiel fort. Du zeigst auf das Gras, den Baum, die Decke, auf Preidans Stab. Eifrig plapperst du alles nach, was Preidan intoniert und versuchst es dir einzuprägen.
Als er sich auf die Decke fallen lässt und dir andeutet sich zu ihm zu setzen drehst du den Spieß um und versuchst ihm nun deinerseits einige koboldische Begriffe beizubringen. Nach einem freundlichen „Mein Name ist Sari“ schaut er dich allerdings mit so großen, braunen Augen an, dass du sogleich wieder zu lachen beginnen musst. Seine kläglichen Versuche deinen Satz nachzuahmen amüsieren dich dann noch mehr. Offenbar bist du etwas sprachbegabter als der junge Mann. Nützt ja auch ohnehin mehr dir, seine Sprache zu lernen, als ihm sich mit Kobolden unterhalten zu können.
Das Lernspiel wird mir allerdings nach einer Weile zu langweilig. Ich gebe meinem akuten Bewegungsdrang nach, springe auf, schlage ein Rad und laufe eine kurze Strecke auf den Händen. Danach zeige ich auf meinen Bauch und reiße eine Posse, die überzogen furchtbare Schmerzen symbolisieren soll.
Preidan klatscht auf deine Akrobatik-Einlage in die Hände. Scheint eine Geste der Anerkennung zu sein, jedenfalls lässt sein Gesichtsausdruck dieses vermuten. Auf dein Possenspiel lässt er ein „Ah“ verlauten, nickt eifrig, greift hinter sich und holt aus einer braunen Ledertasche einen Tiegel mit Wildbeeren, einen Laib Brot, Käse und Wurst. Von allen Köstlichkeiten schneidet er mit einem Messer etwas ab und überreicht es dir, nicht ohne die Namen der Lebensmittel dabei deutlich auszusprechen. Dir schmecken all die Dinge ganz vortrefflich. Etwas gewöhnungsbedürftig, gerade dieser Käse, aber nichtsdestoweniger lecker.
Bis zum späten Nachmittag beschäftigt ihr euch mehr oder minder erfolgreich damit voneinander zu lernen und du hast Recht viel Spaß dabei. Offenbar ist dein Gegenüber glücklich über deine Gesellschaft und das freut dich.
Dann macht Preidan dir deutlich, dass es Zeit wird das Lager aufzugeben und irgendwohin zu gehen. Du versuchst ihm deutlich zu machen, dass du ihn gerne begleitest. So folgst du eine Weile später Preidan, Wächter und der Herde von Wolkentieren in Richtung der Rauchfahnen und bist sehr gespannt, was dich dort erwartet.