Erst tauchen die menschlichen Behausungen nur ganz vereinzelt auf, sind umstanden von Wiesen, den flickenartigen Pflanzenbeständen und großen Gärten. Sehr bald aber nimmt die Zahl dieser meist viereckigen Domizile mit den spitzen Dächern merklich zu. Kaum eine halbe Wegstunde nach eurem Aufbruch stehen die Behausungen teils so dicht beieinander, dass sie rechte Schluchten bilden. Dein Steinfluss, von dem du mittlerweile gelernt hast, dass er Straße heißt, teilt und verästelt sich hier in vielerlei Nebenflüsse auf und führt in ein für dich undurchdringbares Labyrinth aus Wegen, Behausungen und Menschen. Dir gehen die Augen über, so viele Dinge gibt es zu entdecken. Hier hängen quer über die Schlucht Kleidungsstücke, dort schaut jemand zum Guckloch heraus und grüßt in eure Richtung. Kinder laufen herum, schwer beladene Erwachsene, die Lebensmittel, Stoffbündel, Krüge, Eimer und vielerlei Dinge mehr transportieren, eilen hierhin und dorthin.
Versuche dich von deinen Reisebegleitern zu lösen um auf Entdeckungsreise zu gehen werden von Preidan kategorisch unterbunden, indem er dich am Arm packt und an sich zieht. Seiner ernsten Miene kannst du entnehmen, dass er offenbar um dich besorgt ist. Du schmunzelst, denn du findest seine Fürsorglichkeit rührend. Als ob du nicht auf dich selbst Acht geben könntest.
Recht bald ist er aber so damit beschäftigt, die Herde von Wolkentieren durch die immer dichter werdende Herde von Menschen zu treiben, dass er dir kaum noch Beachtung schenkt. Als ihr auf einem Platz ankommt, vor dem die großen Behausungen zurückgewichen sind und nur allerlei kleine, recht offen gehaltene, hölzerne Bauten stehen, machst du dich  von Preidan los. Diese hölzernen Buden sind dergestalt, dass die dort wohnenden Menschen ihren ganzen Besitz zur Schau stellen. Ulkigerweise scheint jeder dieser Menschen von einer einzigen Gattung Gegenstände oder Lebensmittel reichlich zu besitzen. Das scheint einem ähnlichen Prinzip zu folgen wie die Kunstmärkte der Ladifarii, die so häufig zur Schau ihrer kunstvollen Handwerksstücke einladen und in gleicher Weise ihre Tauschware feilbieten.
Du weißt gar nicht wo du zuerst schauen sollst. Von dem Obst probieren, dass der nette Herr hier so freigiebig ausgestellt hat? Von den bunten Stoffen einige Rollen wählen, um daraus einen hübschen Rock schustern zu können? Oder gar vom Honig naschen, den ein Mann dort in durchsichtigen Tiegeln anbietet und den du vor allem an dem bunten Bild mit der Biene oberhalb seiner Hütte erkannt hast.

Da fällt dein Augenmerk auf einen Menschen, der dir in der Vielfarbigkeit seiner Kleidung in nichts nachsteht und der eine Kopfbedeckung mit lustig klingenden Glöckchen trägt. Er jongliert gerade gekonnt eine größere Menge bunter Kugeln in der Luft und tanzt dabei zu einer imaginären Musik.

Begeistert klatsche ich in die Hände. Zwar faszinieren mich die fremden Dinge dieses Ortes mindestens ebenso sehr, mir ist aber auch nicht entgangen, dass an der Farbigkeit der Wohnstätten offenbar gespart wird und auch die meisten Menschen hier eher trist bekleidet herumlaufen. Darum will ich doch zunächst schauen, was ein Gefährte im Geiste an diesem fremdartigen Ort so treibt. Ohnehin werde ich den Eindruck nicht los, dass alle anderen geradezu hektisch wirken und bei ihrem Tun nicht unbedingt die größte Freude zu haben scheinen, während der hier wenigstens Spaß hat.

Die wirklich in allen Farben des Regenbogens gekleidete Person trägt auf dem Gesicht eine ebenso bunt bemalte, lachende Maske und ist von derart drahtig, länglicher Gestalt, dass du dir selbst von nahem nicht ganz sicher bist, ob du es mit einem Mann oder eine Frau zu tun hast.
Letztlich tut das für dich aber auch nichts zur Sache. Du beginnst begeistert in das Possenspiel mit einzusteigen, schlägst Räder und läufst auf den Händen. Die buntgekleidete Person scheint das weniger zu irritieren, als seine oder ihre Zuschauer, was dich in deiner Entscheidung und deiner Begeisterung aber eher anspornt.

Bei einem etwas übermütigen Handstand  passiert dir jedoch ein kleines Missgeschick. Du verlierst das Gleichgewicht und schlägst unkontrolliert hintenüber. Das passiert dir immer mal wieder und du weißt wie du dich abzurollen hast, damit du dir nicht wehtust. Ungünstig ist nur, dass du den Possenreißer mit umreißt. Dessen volle Konzentration war nämlich auf seine Jonglierkugeln gerichtet.
Was genau dann zu der ungeheuerlichen Kettenreaktion führt, bekommst du gar nicht mit, denn du bist noch damit beschäftigt dich wieder aufzurappeln. Aber als du deine Orientierung wieder gefunden hast, ist um dich herum ein recht ulkiges Chaos ausgebrochen: ‚Dein‘ bunter Artist hängt liegt mit den Armen rudernd auf einem teils zerborstenen Berg irdener Krüge und kämpft mit einem bunten Stück Stoff, welches ihn eingehüllt hat. Ein eben noch friedlich herumstehendes großes vierbeiniges Tier muss sich offenbar so erschrocken haben, dass es ziellos mitten durch die Menge stobt. Der Halfter dieses Tieres hat sich soeben um eine Zeltstange gewickelt. Die Stange ist Teil einer Konstruktion, die eine große Plane vor einer Behausung mit Eiern aufspannt. Als sich das Tier aufgeregt wiehernd auf seine Hinterläufe  stellt reißt es die Zeltstange um. Die schwere Plane klappt herunter und schmeißt damit die Türme fein säuberlich aufgestapelten Eier um.
Damit ist die Kettenreaktion an Verrücktheiten aber noch lange nicht beendet. Ein vor dem wiehernden Viech flüchtender Mann rutscht ungeschickt in der Lache von Eiweiß, Eigelb und Eierschalen aus und landet mit seinem Hinterteil auf einem benachbarten Tisch. Der schlecht ausbalancierte Tisch schlägt herum und katapultiert die auf ihm gelagerten Kerzen durch die Luft. Als ausgerechnet die wuchtigen Stumpenkerzen auf den Obststand herabregnen brechen die prall gefüllten Holzkästen und Körbe mit Obst auseinander und ein Wasserfall an Naturalien ergießt sich auf den Weg. Du selbst musst furchtbar lachen, versuchst dich aber immer wieder zusammenzureißen, damit dir kein Detail des lustigen Zwischenfalls entgeht.
Mittlerweile gibt es niemanden mehr, der nicht in das Chaos verwickelt wäre. Ein wildes Durcheinander rudernder, strauchelnder, wankender, kullernder und stolpernder Menschen, Tiere und Waren.

„Ein wenig komisch nur, dass niemand außer mir diesen Zwischenfall besonders lustig zu finden scheint“ denkst du bei dir, als dich jemand am Arm ergreift und auf dich einzureden beginnt. „Er meint es sei Zeit zu gehen“ vernimmst du da eine zweite Stimme. Als du dich etwas erschrocken umwendest schaust du in Preidans besorgtes Gesicht und das, eines kleinen, spitzohrigen Koboldes. Der hat keck auf Preidans Hut Platz genommen, ohne dass dieser das zu bemerken scheint. Daher also das ganze Durcheinander! Bei des Neckers Flossenschlag, das hättest du dir auch denken können! Etwas unwillig lässt du dich von Preidan ein Stück aus der Mitte des Geschehens fortziehen. Du musst dich erst einmal gedanklich sortieren und dir einen gewitzten Kommentar für den Kobold überlegen.

Veröffentlicht von Meister

Die Mächte des Schicksals.