Dafür dass ihr euch auf den Weg gemacht hattet ein Monster zu jagen verlief eure Wanderung zunächst sehr spaßig. Preidan ist redlich bemüht dir die Menschensprache näher zu bringen und du erweist dich als gar nicht so schlechte Schülerin. Dir ist nicht klar warum, aber irgendwie liegt dir diese kehlige, etwas langsame Sprache. Schnell verbindest du mit den Silben mannigfaltige Bilder und prägst dir mehr und mehr Begriffe ein. Auch Preidan ist von deinem Eifer angesteckt und dadurch von allen Schrecken abgelenkt. Seine sorgenvolle Miene ist einem steten Schmunzeln gewichen.
So vergeht die Zeit wie im Fluge und ihr bemerkt zunächst gar nicht, wie auf eurem stets leicht bergan führenden Weg einzelne Baumbestände von einem immer dichteren Geflecht von Gehölzen abgelöst werden und sich das Blätterdach über euch zu schließen beginnt.
Du plapperst gerade munter menschliche Worte durcheinander und formst aus ihnen ein melodisches, wenn auch völlig sinnbefreites Lied, als Preidan dich an der Schulter packt und dir andeutet zu schweigen. Sein kräftiger Griff lässt vermuten, dass jetzt keine gute Gelegenheit für eine scherzhafte Erwiderung ist. Du spitzt die Ohren und lauscht. Zunächst hörst du nichts außer dem Rauschen der Blätter und erst jetzt wird dir bewusst wie dunkel es um euch herum geworden ist. Ihr steht in einem dichten Mischwald. Lichtstrahlen brechen sich in einzelnen gleißenden Kaskaden Bahn durch das Blätterdach. Der Winkel dieser Lichtsäulen ist relativ flach, was darauf schließen lässt, dass der Nachmittag schon weit voran geschritten ist. Ein eigentlich idyllischer, beinahe romantischer Anblick. Ein Geräusch reißt dich jäh aus deinen Überlegungen. Jetzt hast auch du es ganz deutlich gehört: Eine Mischung aus einem schrillen Schrei, einem Gurgeln und einem tiefen Grollen. Markerschütternd klingt das. Du stellst dir vor, dass das Wesen, dem dieser Laut entfährt, ein durchaus unerfreulicher Geselle sein mag.
Preidan hält dich weiter eisern am Arm fest und schaut ebenso panisch wie heute Nachmittag bei eurem Aufbruch. „Kommst se! Voran … voran!“ ist alles was dir zur Aufmunterung einfällt. Auch dir ist nicht richtig wohl, aber noch bist du von der Idee beseelt, dass es sich hier um ein lustiges Spiel handelt. So fasst du dir ein Herz und schreitest mutig voran.
Ihr folgt dem nun mehr oder weniger regelmäßig aufdröhnenden Geräusch. Dir fällt es recht leicht die Richtung zu orten. Dann gerät Preidan – der dich in der Zwischenzeit wieder losgelassen hat – hinter dir ins Stolpern. Er ist durch eine Kuhle im Boden ins Straucheln geraten und unsanft auf den Knien gelandet. Als du ihm aufhilfst und die Stolperfalle in Augenschein nimmst, fällt dir was für ein Loch das ist. Es sieht aus wie die Fußspur eines großen Vogels. Drei gespreizte Zehen nach vorn, einer nach hinten und das Loch eine Hand breit tief in den Boden gedrückt. Nun kannst du das Unbehagen, das in dir aufzusteigen beginnt, nicht mehr verleugnen. Du beschließt deinen nervösen Begleiter lieber nicht noch mehr in Angst zu versetzen und behältst deine Entdeckung für dich. Während Preidan seinen Stecken aufsammelt und sich die Hose abklopft lässt du beiläufig den Blick in die Runde schweifen, ob es noch mehr dieser Fußspuren gibt. Etwas irritiert musst du feststellen, dass es sich um eine einzelne Spur handelt. Dir ist nicht ganz klar warum, aber dieser Umstand verwirrt und irritiert dich. Auch wenn du die Ursache für deine Irritation nicht ganz greifen kannst.
„Sari … ich … ich habe wirklich Angst.“ lässt Preidan verlauten als das fremdartige Krakeelen nun abermals ertönt. „Sari Leute lachen machen.“ ist die einzige Antwort, die dir darauf einfällt und wieder singst du aufmunternd „Kommst se! Voran! Voran!“
Vorsichtig geduckt und von Deckung zu Deckung schleichend arbeitet ihr euch weiter voran, stets gelenkt von dem Kreischen des Monstrums. Du fragst dich schon seit einigen Minuten warum ein Tier wohl derartig viel Lärm von sich geben mag. Du spielst gedanklich mit der Theorie, dass das Wesen entweder gerade auf der Balz ist oder furchtbare Schmerzen leidet. Zwei Ideen die dich trotz deiner Anspannung schmunzeln lassen.
Der Grund steigt hier steiler an. Der mit Nadeln bedeckte Waldboden weicht mehr und mehr felsigem Untergrund und unregelmäßigen Geröllfeldern. Feuchte Nebelschwaden wabern vom Kamm der Anhöhe herab, die Luft scheint hier deutlich feuchter zu sein und ein unterschwelliger Gestank liegt in der Luft. Die Szenerie wirkt gespenstisch. Dich fröstelt. Gemeinsam erklimmt ihr den Hügel. Als du über die Kuppe blicken kannst, wirst du einer fremdartigen Szenerie ansichtig. Ein großes Plateau liegt vor euch, das nach hinten hin von steil aufragenden Felsen begrenzt wird. Die vor allem aus weißlichem Grund bestehende Fläche ist durchsetzt von Tümpeln, in denen Wasser steht. Diese Tümpel sind der Ursprung der Nebelschwaden, die träge aus ihnen aufsteigen und dann gen Niederung wabern. Zwischen den Tümpeln zischen, just da ihr euch einen Überblick verschafft, allenthalben Wasserfontänen in die Höhe. Die Szene ist bizarr, ein grausiges Drachenmonster lässt sie aber zur Gänze vermissen, so dass du dir resolut ein Herz fasst und deine Deckung verlässt. In diesem Augenblick schreit Preidan hinter dir auf: „Sari, bei allen Zwölfen!“ Seine Stimme überschlägt sich vor lauter Angst. Er packt dich noch an der Schulter um dich mitzuziehen, lässt dann aber von dir ab, als du zunächst ins Straucheln gerätst. Viel steiler und direkter den Berg hinab als ihr ihn hinaufgestiegen seid rennt, stolpert und kullert Preidan in scheinbar wilder Panik davon. Du kommst gar nicht so schnell hinterher. Zudem fragst du dich, was er denn bloß gruseliges gesehen haben mag.
Da ist er auf einmal verschwunden. Vor einer Sekunde war er noch ein gutes Stück vor dir und plötzlich ist er einfach nicht mehr da. „Was bei allen Nymphen?!“ fragst du dich. Irritiert wirst du langsamer. „Potzblitz und Wolkentiere, wie zum Donner konnte er denn auf einmal verschwinden?“ schimpfst du laut und auf koboldisch als du dich der Stelle näherst, an der es passiert sein muss. Und plötzlich wird dir klar, was gerade passiert ist. Preidan ist in ein Loch im Waldboden gefallen. Du gehst vorsichtig an die Kante heran und schaust hinein. Das Loch muss wahnsinnig tief sein und außer tiefer Schwärze in dem langen Schacht erkennst du gar nichts. „Preidan?“ rufst du erst vorsichtig, dann panischer werdend. Als Antwort steigt eine Dampfwolke auf, als wolle dich der Schacht verhöhnen. Sie trägt den gleichen miasmatischen Geruch mit sich, wie er auch von der Anhöhe zu dir herab getragen wurde. Auf diesen Schrecken musst du dich setzen und lässt dich auf den Waldboden plumpsen. Da hörst du ein von einem Echo verzerrtes „Saaaariii?!“ Freudig erschrocken springst du auf: „Preidan! Wo bin du?“ fragst du in die Tiefe. „Sari … Monster oben … laufen schnell, schnell. Preidan in Höhle suchen Ausgang … Tür … raus. Sari laufen.“
Soweit meinst du verstanden zu haben, was Preidan meint. Wo er allerdings das Monster gesehen haben will kannst du dir nicht recht erklären. „Sari verstanden. Sari helfen suchen oben.“ Du hörst nicht mehr auf das, was Preidan noch von unten ruft sondern hast einen Entschluss gefasst: du schaust dich um, sammelst Preidans Hut und Stock ein, die er unterwegs verloren hat und beginnst vorsichtig wieder die Anhöhe heraufzuklettern. Du bist dir sehr sicher, dass du dort oben gar nichts gesehen hast und möchtest nun unbedingt wissen, warum Preidan sich so furchtbar erschrocken hat. Als du wieder oben angekommen bist schaust du dich erneut um. Hier ist gar nichts, außer dem, was du auch eben schon gesehen hast. „Kein Monster weit und …“ denkst du, als ein infernalischer, dir wohl bekannter Schrei die Abendluft durchschneidet. Erschrocken wirfst du dich flach hinter einen Busch und schaust dich hektisch um … zeitgleich mit dem Schrei stieg auf der Ebene eine Wasserfontäne auf, aber ansonsten konntest du nichts weiter erkennen. Du harrst einen Augenblick lang aus und wartest darauf dass sich dein Herzschlag wieder beruhigt. Dann nimmst du all deinen Mut zusammen und schaust über den Rand des Busches hinweg. Nichts. Gar nichts. Dann wieder. Die Wasserfontäne steigt auf und mit ihr beginnt der infernalische Schrei des Monsters. „Was zum Donnerwetter?“ fragst du dich laut. Das kann doch alles kein Zufall sein und überhaupt. Bei dem Geräuschpegel sollte das Drachenmonster ja eine gewisse Größe haben. Sehen tust du aber nach wie vor nichts. Dir wird die Sache zu bunt. Ob nun Irrwitz von dir Besitz ergriffen hat oder mutige Intuition dich lenkt, du fasst dir ein Herz, kommst hervor und betrittst die Ebene. Preidans Wanderstab hast du dabei als Waffe in der Hand.
Du hast die Ebene bis zur Hälfte überquert. Feuchtwarme Schwaden steigen noch immer von den einzelnen Tümpeln auf. Diese bereiten dir beinahe mehr Unbehagen als das noch immer versteckte Monster. Sehr seltsam diese Wasserlöcher, denkst du bei dir. Dann steigt genau neben dir eine Wasserfontäne zischend in die Höhe um kurze Zeit später in einer nassen Kaskade platschend neben dir aufzuschlagen. Du bist etwas beiseite gesprungen und schaust dich zum wiederholten Male furchtbar erschrocken. Deine Nerven liegen langsam wirklich blank und du wärest dankbar, wenn denn einfach irgendetwas passieren oder sich das Monster zeigen würde. Dir wäre ein Drache, vor dem man weglaufen kann, lieber als einer, den man nicht sieht. Wenn es sich denn überhaupt um einen Drachen handelt.
Da steigt weiter vor dir, ziemlich dicht an den aufsteigenden Felsen, eine andere Fontäne auf. Und wieder beginnt der infernalische Schrei des Monsters. „Das ist doch hier ein fauler Budenzauber.“ schimpfst du und läufst an die Stelle. Tatsächlich! Dort hat jemand über dem Loch eine waghalsige trichterförmige Konstruktion angebracht. Mit in den Stein gehauenen Ösen wird das Ding an seinem Platz gehalten. Du schaust dir das Ganze von Nahem an. Das Wasser steigt durch den Trichter nach oben und erzeugt ganz eindeutig den Monsterschrei. Als ob man durch ein verstimmtes Musikinstrument blase. Für dich besteht kein Zweifel mehr: Das Geräusch wird auf diesem dämonischen Instrument erzeugt. Es ist gar kein Monster, das diesen Schrei ausstößt. Du freust dich über diese Erkenntnis, weißt für den Moment aber gar nichts mit ihr anzufangen und schaust dich ratlos um. Da fällt dir auf, dass sich zwischen den aufragenden Felsen ein Höhleneingang befindet. Der war dir bisher gar nicht aufgefallen. Du jubelst. Vielleicht gehört diese Höhle ja zum gleichen Höhlensystem, in das Preidan unfreiwillig hinein geplumpst ist. Du gehst näher heran. Direkt vor der Höhle entdeckst du auf dem Boden in einem Halbkreis um den Eingang herum einige kunstvolle Malereien. Sie zeigen keine klaren Bilder sondern formen ein wildes Durcheinander an Schnörkeln. Die Schilder in der Menschenstadt waren ähnlich bemalt. Du vermutest, dass hier etwas geschrieben steht. Langsam dämmert dir und du hast eine Idee: Irgendjemand veranstaltet hier eine schöne Schelmerei. Vielleicht um damit andere von dieser Höhle hier fernzuhalten. Und diesem Jemand wirst du jetzt einen Besuch abstatten und ihm eine Standpauke halten, die sich gewaschen hat. Unerhört dir einen solchen Schrecken einzujagen. Und überhaupt! Nicht nur dir sondern gleich einer ganzen Stadt freundlicher Menschen. Beherzt überquerst du die Malereien und betrittst die Höhle.