Garvin beobachtet dich kurz dabei, wie du deine Sachen zusammenpackst und geleitet dich dann nach draußen. Zu deiner großen Enttäuschung schlägt er allerdings direkt den Weg zum Zelt des Hauptmannes ein und bewegt sich mitnichten in Richtung Wald. Dir wird schon ganz mulmig, als er dir vor dem Zelt bedeutet stehenzubleiben. „Warte hier einen Augenblick.“
„Herr Hauptmann?“ hörst du noch sehr deutlich, als Garvin ins Zelt verschwindet. Danach hört man abwechselnd die zwei Männer sprechen. Von dem was du durch die überraschend gut schützenden Zeltwände hörst, schließt du, dass Garvin Hauptmann Weidenfeller wohl gerade erklärt, dass du zum Kräutersammeln in den Wald möchtest und er – Garvin – um Erlaubnis dafür bittet. Die zwei Männer scheinen dies kurz zu diskutieren. Du schnappst Wortfetzen auf wie „gefährlich“, „Eskorte“, und „bürgen“. Und einen Namen: Lorian!
Dann kommt Garvin aus dem Zelt heraus. Sein Gesichtsausdruck ist deutlich angespannt und er hat die Körpersprache wieder hin zu seiner militärischen Zackigkeit verändert. „Folg mir“, ordnet er an und sein Tonfall lässt wenig Widerspruch zu. Ungefähr auf Höhe des Lazaretts wirst du abermals angewiesen zu warten. Deine nervöse, positive Vorfreude ist jetzt jedenfalls verflogen und einer eher ängstlichen Anspannung gewichen. Du beobachtest Garvin, wie er mit einem anderen Soldaten spricht. Der Mann ist mittleren Alters, sieht aber ansonsten im Großen und Ganzen aus wie alle hier. Die zwei stecken die Köpfe zusammen. Der andere Man schaut immer mal wieder zu dir herüber. Nach einem Augenblick, der sich für dich anfühlt wie eine Ewigkeit, überreicht Garvin dem anderen etwas und beide kommen gemeinsam auf dich zu.
„Los geht’s“ meint Garvin jetzt wieder in etwas verändertem Tonfall. Du bist nun völlig verwirrt. Warum kommt jetzt dieser dritte Mann mit euch mit? Was soll diese Umstandskrämerei? Du beschließt erst einmal kommen zu lassen, was auch immer kommen mag, aber sehr aufmerksam die Lage zu beobachten.
Ihr marschiert los, zurück in die Richtung aus der du ursprünglich gekommen bist. Dein Plan Garvin die Führung übernehmen zu lassen geht so richtig nicht auf, denn er hält sich ziemlich hartnäckig nur auf deiner Höhe und macht wenig Anstalten die Führungsrolle konsequent zu übernehmen. Der Ältere, den Garvin einsilbig als Wulfhart vorgestellt hatte, geht zunächst einige Schritte hinter euch. Je näher ihr dem Wald kommt, desto mehr fällt er allerdings zurück.
Garvin verliert zunehmend seine militärisch, zackige Haltung und trottet neben dir her. Mehrfach holt er hörbar Luft, scheinbar um etwas zu sagen, bleibt vorerst aber stumm. Irgendwann versucht er sich in einem „Seltsames Wetter hier.“
Also Konversation ist keinesfalls seine Stärke, soviel steht schon einmal fest.
Wie gedenkst du von hier aus weiter vorzugehen? Richtig die Führung übernimmt Garvin nicht, so dass du frei bestimmen kannst, wohin es im Wald genau gehen soll. Wulfhart hält weiter diskreten, größeren Abstand und im Wald scheint er gänzlich außer Sichtweite zu geraten. Willst du also etwas aktiver die weitere Richtung bestimmen oder ziehst auch du dich zurück und zwingst Garvin so in die Führungsrolle? Seiner Körpersprache nach zu urteilen macht er jedenfalls gerade wieder die Wandlung vom Soldaten zum ‚Menschen‘ durch.
Sobald ich merke, dass Garvin nicht vorgehen will, lege ich ein paar Schritte zu und stapfe ordentlich drauflos. Erstmal möglichst zügig weg von diesem Lager, das mir so ein Unbehagen einflößt. Einen konkreten Ort habe ich nicht vor Augen, aber irgendwie schlage ich dann doch fast unterbewusst genau den Weg ein, den ich hergekommen bin, das heißt Richtung Schlachtfeld. Meine romantischen Gefühle sind gerade dem Ärger über die vielen ungelösten Geheimnisse gewichen, vielleicht ist es Lorians Name, den ich aufgeschnappt habe, der mich dort hin zurücklaufen lässt? Wie auch immer, ich will dort auch nicht verweilen, sondern in Sichtweite schnurstracks daran vorbei, weiter in den Wald. Aufmerksam beobachte ich dort Garvins und vielleicht auf Wulfharts Reaktion. Aber ein Stück zu gehen ist es bis dahin ja, und so zische ich Garvin an: „Was soll das denn jetzt?“ sobald ich denke, das Wulfhard mich nicht unbedingt hört. Auch ein „Worüber hast du mit dem Hauptmann gesprochen?“ kann ich mir glaube ich nicht verkneifen.
Garvin wirkt überrascht und schaut dich erschrocken an. „Na, worüber sollen wir denn wohl gesprochen haben? Ich habe den Hauptmann natürlich in deinem Namen um Erlaubnis gebeten, Kräuter suchen zu gehen. Glaubst du denn vielleicht, wir könnten so mir nichts dir nichts aus dem Lager marschieren?“ konsterniert er. „Von militärischen Dingen hast du aber auch wirklich überhaupt keine Ahnung, oder?“
„Nein wohl nicht!“ fauche ich zurück. „Dieses ganze…“ ich suche nach dem richtigen Wort „unmenschliche Gehabe verstehe ich kein bisschen. Warum bist du mal so süß und mal so… steinern? Und was soll das mit“ ich deute über die Schulter hinweg. „ihm?“ wütend funkle ich Garvin an. Was für ein blöder Spruch aber auch. Wenn er nicht sehr schnell eine entschuldigung parat hat, wende ich mich mit einem „Da. Chonchinis. hilf mir die Blätter zu pflücken, die Milch gibt eine prima Wundsalbe.“ von ihm ab.
Zu deiner Erklärung der Heilkräuter kommst du nicht mehr, denn Garvin unterbricht dich vorher.
„Bei Rondra!“ flucht er kurz und ihm scheint sämtliche Farbe aus dem Gesicht gewichen zu sein scheint. Du musst zugeben, er schaut eher betreten enttäuscht als ärgerlich aus.
„Er?“ und damit zeigt Garvin in Richtung Wulfhart. „Er ist meine ‚Verstärkung‘. Falls die Aufrührerin sich irgendetwas einfallen lassen sollte um mich zu übertölpeln und zu überwältigen. Verbürgt habe ich mich für dich, dass du ganz sicher keine finsteren Ränke schmieden würdest und du ja nichtmal ein Messer bei dir trügest. Und zur Sicherheit sollten wir ihn trotzdem mitnehmen!“
Garvins Mundwinkel zucken kurz unkontrolliert und seine Ohren beginnen damit sich rot zu verfärben. „Einen Taler habe ich bezahlt, dass er uns einen Moment der Ruhe gönnt. Und alles nur, weil sich irgend so eine junge Heilerin nicht entscheiden kann, ob sie jetzt eher zu den Traviaschwestern oder zu Rahjas Leibdienerinnen höchst selbst berufen fühlt.“
Ich schlucke und versuche das Gesagte zu verarbeiten. So richtig verstehen tu ich es ja eigentlich nicht. Auch seine Götteraufzählung zum Schluss verunsichern mich. Und warum er seinem Freund Geld bezahlen muss, damit er mitkommt aber nicht mitkommt leuchtet mir nicht recht ein. „Das ist ja kompliziert“, schlussfolgere ich schließlich. „Trotzdem kein Grund mich zu beleidigen.“
Mit trotzigem Gesicht schaue ich ihn an. „Man zahlt nicht einfach einen Taler und kann dann mit mir machen was man will.“ Der letzte Satz klingt schon nicht mehr ganz so eingeschnappt. Ein wenig unschlüssig sehe ich ihn an. Seine rot angelaufenen Ohren gefallen mir. Trotzdem, hat er sich eben richtig entschuldigt? Ich entscheide, ihn noch ein wenig schmoren zu lassen. „Und was geschieht mit dir, wenn ich dir weglaufe?“
„Ich dich beleidigt?“ fragt Garvin nun gänzlich verwirrt dreinblickend. „Ich kenne dich nicht mal und halte trotzdem meinen Kopf für dich in die Schlinge und DU fühlst dich beleidigt?“ Nach einer kurzen Pause fährt er fort: „Gib mir nicht die Schuld dafür, dass ihr euch in irgendwelchen Geschichten verheddert. Woher kennst du diesen Lorian überhaupt? Und was habt ihr wirklich mit der Angelegenheit zu tun?“ Da du vermutlich nicht sofort antwortest packt er dich vergleichsweise grob am Oberarm und zieht dich herum, so dass ihr euch anschaut: „Weißt du, ist mir eigentlich auch egal. Es ist mir alles egal. Ich hatte gedacht, ich hätte die Gelegenheit mich eine Weile der Wirklichkeit zu entziehen und die Schrecknisse der vorvergangenen Nacht zu vergessen. Man trifft ja nicht so oft auf eine schöne Frau wie dich, die eine dann auch noch so unverfroren kokett Hoffnungen macht.“ Er zieht dich enger an sich heran: „Weglaufen lassen werde ich dich jedenfalls so oder so nicht.“
Bis auf ein genuscheltes „Au, du tust mir weh..“, lasse ich ihn gewähren, denn der entschlossene Garvin gefällt mir eigentlich nicht schlecht, und so nah bei ihm zu stehen und etwas über schöne Frauen gesagt zu bekommen verursacht ein angenehmes Kribbeln in meinem Bauch. „Ich… äh“, stammele ich, „Garvin, es tut mir leid… ich glaub ich… ich mache sowas sonst nicht … aber du … … ich glaub ich hab einfach nur Angst, was jetzt passiert.“ bringe ich schließlich heraus, und schaue ihm offenherzig in die Augen.
(und irgendwo in meinem Hinterstübchen regt sich der Gedanke, dass ich ihn nachher unbedingt nach Lorian fragen muss. Nachher…)