Im Raum gibt es eine Öllampe, die du entzündest, weil du weißt, dass sie ein angenehmes Licht wirft, das Lorian nicht aufwecken wird.
Dann beginnst du mit deiner Inspektion die – so musst du innerlich beinahe lachend feststellen – Rauma die Brust stolz würde schwellen lassen. Warum musst du eigentlich ausgerechnet jetzt gerade schon zum zweiten Mal an sie denken?
Beorn verfolgt teilnahmslos und wie du bemerkst mit nur halb geöffneten Augen dein Tun. Erst als du dich nochmal an sein Lager kauerst, dreht er den Kopf wieder in deine Richtung. Du lässt deinen Seufzer vernehmen und bemerkst einen Augenblick später eine im funzellicht glitzernde Spur, die sich von Beorns Augenwinkel einen Weg Richtung Kissen bahnt. Der freche, impulsive junge Mann, den du in eine Prügelei verwickelt vor 4 Tagen kennenlerntest, liegt fiebernd darnieder und weint heiße Tränen. Er greift nach deiner Hand und seine Stimme ist heiseres Flüstern: “Es war so blöde! Wer passt denn auf Brin auf? Ich habe versprochen immer auf ihn acht zu geben! Und ich weiß nicht wie. Ich will doch so stark sein und weiß doch nicht wie!”
Wie ein Wasserfall brabbelt Beorn leise vor sich hin und lässt sich kaum durch ein beruhigendes ‘ruhig’ oder ‘ssscht’ aus seiner wirren Gedankenkette reißen. Zumindest Brin, so stellst du nur leidlich beruhigt fest, ist eingeschlafen.
Als sein Redestrom eine Weile später in einem beinahe tonlosen Wimmern versiegt hast du folgende Ahnung: Als das Dorf der zwei Brüder geschleift und die Eltern ermordet wurden, war Beorn Zeuge wie man seinen Vater zuschanden prügelte. Sterbend nahm er seinem Sohn das Versprechen ab, auf den kleinen Bruder aufzupassen. Zwar spricht Beorn die ganze Zeit von seinem Vater aber es beschleicht dich die Vermutung das Beorn in dem wie man mit Lorian umging, das Ereignis von damals projiziert. In seiner fiebernden Verwirrung, in die er sich nach dem kurzen Moment des Schauspiels für seinen Bruder nun wieder hineinsteigert, scheint er der Ansicht zu sein, dass er versagt habe, auf seinen Bruder ordentlich aufzupassen.
Du wirfst einen schnellen, prüfenden Blick auf Lorian: Ja, du kannst dir vorstellen, dass die kurze Gefangenschaft im Lager etwas hervorgeholt hat, das erfolgreich tief im Innersten Beorns verborgen lag …
Ich halte seine Hand fest, während er spricht, schaue ihm aufmerksam in die Augen und beginne nun, wo er ruhiger wird, sanft mit meiner freien Hand seine Tränen abzuwischen. Zärtlich streilche ich seine nasse Wange trocken, während mein Geist sich rasend schnell die passenden Worte zu finden müht: „Ich verstehe, wie machtlos du dich gegenüber diesen bewaffneten Männern gefühlt haben musst, Beorn! Aber was passiert ist, ist nicht deine Schuld! Und ich finde nicht, dass du schlecht auf Brin aufpasst. Im Gegenteil, wüsste ich niemanden, der das hingebungsvoller täte als du. Sieh doch nur, wie friedlich er schläft! Er ist glücklich und darf an einem Ort leben, der ihm gut tut, und das hat er nur dir zu verdanken. Du magst vielleicht denken, dass du immer stark sein musst, um ihn zu beschützen – aber das stimmt nicht! Niemand kann immer stark sein. Schau – vor ein paar Tagen hast du zu mir gesagt, dass ich im Angesicht der Gefahr einen kühlen Kopf bewahre, als täte ich täglich nichts anderes… In Wahrheit aber hatte ich furchtbare Angst! Und als ich in das Lager der Soldaten gebracht wurde, war es noch schlimmer… Du kannst mich sicher besser verstehen, als alle anderen hier, du hast ja selbst erlebt, wie „die“ sind!“ meine Stimme zittert ein wenig, als ich mich an Weidenfeller und seine Morddrohung erinnere. Nach einem kleinen Aussetzer fahre ich fort: „Man kann nicht immer stark sein. Man kann nicht immer kämpfen und vor allem kann man nicht immer gewinnen! Manchmal passieren Dinge, gegen die bist du machtlos. Die kannst du nicht ändern und nicht verhindern. Aber du hast es in der Hand, ob du deine Zukunft von ihnen weiter bestimmen lässt. Ob du von der Erinnerung beherrscht wirst, oder ob du sie beherrscht… Beorn, ich habe gesehen, welche Entschlossenheit in dir steckt! Ich weiß, du bist unglaublich stark. Ich habe etwas von meiner Lehrmeisterin gelernt, das mir hilft meine Gefühle zu ordnen, damit sie mich nicht übermannen und damit ich sie nutzen kann, wann immer ich sie brauche. Wenn du möchtest, erkläre ich dir wie’s geht…“ – wenn er mich bis hier nicht längst vehement unterbrochen hat, und er zustimmt möchte ich ihm vermittels einer Heilkunde Seele Probe (TaW 5) eine einfache Meditationstechnik zeigen – wo er z.B. in seinem Kopf einen Raum für seine Ängste schafft, in dem sie toben dürfen, zu dem er aber den Schlüssel hat oder so… ein bisschen ähnlich wie was Rauma mir gesagt hat, um den Zauber mit Emotionen zu speisen. Je nach dem wie wir uns anstellen, würde ich dies Training dann über einige Sitzungen fortsetzen 😉
Du bemerkst, dass du während deiner Antwort in eine sehr beruhigende Sprachmelodie findest, die nur von deinem Stocken beim Gedanken an Hauptmann Weidenfeller unterbrochen wird. Beorn damit aus dem Strudel seiner unsortieren, schadhaften Gedanken zu reißen und diese Beruhigung auf ihn zu übertragen, scheint dir gelungen, denn nachdem du geendet hast, ist sein Wimmern verklungen [5 TaP* auf Heilkunde-Seele Probe und eine weitere spezielle Erfahrung in ebendiesem Talent].
Seine Antwort kommt dann auch nur noch wie das leise Säuseln des Windes: “Ich möchte das sehr gern von dir lernen.” Dann ist er eingeschlafen.
Du beschließt noch einen Augenblick am Krankenlager zu verweilen. Auch dir hat das Belehren eines Anderen gerade geholfen, dich an die richtigen Dinge zu erinnern und hat das unstete Wesen in dir gebändigt. Du ruhst in dir und bist auf eine etwas schwer greifbare Art zufrieden.
Du weißt nicht wie lange du schweigend dort gehockt haben magst. Eikiko muss irgendwann unbemerkt auf deine Schulter geklettert sein. Jetzt wo du aufstehst, springt er jedenfalls von dort auf den Boden, eilt voraus und erwartet dich an der Tür. Du bist dir ziemlich sicher, dass er zuvor in deiner Tasche gehockt hatte. Ein letztes Mal prüfst du Beorns Stirn und stellst zufrieden fest, dass sie schon nicht mehr so gefährlich glüht wie zuvor.
Im Gehen wendest du dich noch einmal um: “Er wird gesund werden, Brin. Da mach dir keine Sorgen.”
Als Schlafplatz wählst du Brins und Beorns kleine Kammer. Eikiko rollt sich auf deinem Rockschoß zusammen und ehe du selbst einschläfst, bemerkst du noch, wie Beorns Frettchen sich zu euch gesellt und friedlich und in respektvollem Abstand von Eikiko zu deinen Füßen unter die Decke krabbelt.