Es liegt Magie in der Luft… Das goldene Schimmern, dass dir von draußen entgegen gleißt als du die Tür öffnest lässt dich kurz zweifeln, welche Tageszeit ist, aber schon entdeckst du, am schnell dunkler werdenen Himmel, die volle Mada über dir. Sie taucht alles in einen unwirklichen Glanz. Eine Nacht in der außergewöhnliche Dinge geschehen…

Als du den Garten betrittst, entdeckst du ihn gleich. Er hockt auf der Überdachung über der Tränke. Das Licht der vollen Mada schimmert auf seinem schlanken Körper. Als er dich sieht springt er herab und kommt auf dich zu. Du bewunderst die Eleganz seiner Bewegungen, das Spiel seiner, sich unter seinem Fell – nein, unter der sandgolden schimmernden Haut – abzeichnenden Muskeln. Seine Kontur verändert sich während des Sprungs – auf dem Boden landet ein junger Mann, etwa in deinem Alter, etwa einen Kopf größer als du. Er ist bis auf einen ledernen Lendenschurz unbekleidet und geht barfuß. Er sinkt vor dir auf die Knie, und blickt dich auffordernd von unten an. Deutlich erkennst du in seinem Gesicht den schwarzen Lidstrich, der wie Tränenspuren an der Nasenwurzel nach unten läuft. Mit einer Hand greifst du sein Kinn, ziehst ihn zärtlich wieder auf die Füße und reibst deine Stirn an seiner. Er riecht so vertraut! Erfreut badest du in dem Gefühl von Stärke und Sicherheit, dass dich mit einem Mal durchflutet. Du bist so froh, dass er wieder da ist! Nein, du möchtest nicht noch einmal von ihm getrennt sein, nicht wieder allein und unsicher sein. In Zukunft werdet ihr alle Wege gemeinsam beschreiten!
Er umkreist dich mit gesenktem Oberkörper und reibt dabei seine Wange an deiner Seite. Anschließend hebt er eine Hand und schubst dich spielerisch an der Schulter. Er neckt dich solange, bis er dich in eine zärtliche Rauferei verwickelt hat, bei der ihr zuletzt beide ineinander verknäult auf dem Boden landet. Dabei wendet er niemals soviel Kraft an, dass sich einer von euch ernsthaft wehtun könnte. Vielmehr scheint es ihm bei diesem Spiel darum zu gehen, Körperkontakt zu dir zu suchen, und dich mit deinen Gedanken weg von allem anderem und hin zu ihm zu holen…
Mit einem Mal pinnt er dich mit Händen und Knien am Boden fest, und bleibt mit vorwurfsvollem Gesicht auf dir knien. Versuchst du dich aus der Lage zu befreien, lässt er dich zwar gewähren, schaut dich aber so mitleiderregend an, dass du schließlich lachend nachgibst: „Ist ja gut, ich habe verstanden! Du willst mich nicht loslassen! Ich will doch auch gar nicht weg von dir!“ und zur Bekräftigung schlingst du deine Arme von unten um seinen Brustkorb und presst ihn fest an dich.
Ein Kribbeln überläuft deine Haut, da wo sich eure Körper berühren. Mit einem Mal wirst du von einem Strom der Bilder und Gefühle erfasst.
Du öffnest zum ersten Mal die Augen und die raue Zunge eine kräftigen Gepardin schleckt dir zärtlich durchs Gesicht…. Du tappst, noch unsicher, mit dieser Gepardin durch die Steppe, als dein Fuß sich in einer Schlinge verfängt, die dich nach oben reißt. Hilflos baumelst du in der Luft. Nun folgt ein Wirbel von verschwommenen Bildern, getrübt durch einen Schleier der Angst und Hilflosigkeit. Zweibeiner, die sich nähern. Der wütende Schrei deiner Mutter, die herbeispringt. Drohende Stimmen, wütendes Brüllen, blitzende Klingen, blitzende Zähne, Blut, sehr viel Blut. Die Zweibeiner, über deine regungslose Mutter gebeugt. Sie nähern sich dir, doch da taucht ein wütender Alter auf. Er verjagt. Er nimmt dich mit. Es folgen helle, warme Erinnerungen an das Leben in der Höhle mit dem Alten. Wie er dich anpirschen lehrt, dich immer wieder glänzende Gegenstände suchen lässt. Sein Essen mit dir teilt. Aber auch Erinnerungen an immer weitere einsame Streifzüge, Revierkämpfe mit anderen Raubkatzen. In schneller Abfolge zieht die ganze Phase des Heranwachsens an dir vorbei, bis zu dem Tag wo der Alte dir ein extragroßes Stück Fleisch zuteilt und dir länger als sonst in die Augen schaut, bevor in sein unterirdisches Reich hinabsteigt. An diesem Abend wartest du allein an der Feuerstelle. Viele Abende wartest du. An dem Aufgang, an der Schlafstelle. Dann verstehst du, dass er nicht wieder kommt. Du beginnst eine Suche außerhalb der Höhle. Wann immer du Menschengruppen witterst, beobachtest du sie. Ob es dort jemanden gibt, der dir Essen gibt? Und der Spiele für dich hat? Oder ob dies Wilderer mit blinkenden Waffen sind? Du hast ja gelernt, ihnen diese im Schlaf zu stibitzen. Also traust du dich nachts an das Lager. Tatsächlich findest du Essen. Und dann kommt jemand. Es ist – ein Mensch mit einem ganz besonderen Geruch. Neugierig umkreist du ihn…“
An dem Punkt, wo du deinem eigenen Ebenbild tief und aufmerksam in die Augen siehst, versiegt die Bilderflut und statt in Dsches Augen blickst du in die hellen Augen des Gepardenmanns.
Bewegt lockerst du eure Umarmung, und endlich lockert auch er den Druck seiner Hände und Knie und gleitet neben dich. Er mustert dich mit schräg gelegtem Kopf, dann öffnet er den Mund. Ein kehliger Laut entfährt ihm. Sehr rau und knurrig, jedoch deutlich zu verstehen: „..nicht weg von dir!“
„Du kannst sprechen?“ Diese sinnlose Frage ist dir herausgerutscht, eh du es verhindern kannst. „…kannst sprechen…“ kommt prompt das Echo zurück, diesmal schon etwas flüssiger. Ihr wiederholt dieses Spiel noch einige Male und schon bald gelingt es ihm deine Sätze komplett zu wiederholen. Seine Stimme verliert das anfängliche Kratzen und schnurrt nun wie reiner Samt. Schließlich beginnt er auf Gegenstände zu weisen und dich fragend anzusehen. Mit schneller Auffassungsgabe lernt er von dir, bis er einzelne Worte sinnvoll aneinanderreihen kann. Schließlich weist er auf dich: „Dscheridan“ und dann auf sich. Er sieht dich fragend an.

[Es ist Zeit, deinem Vertrauten einen Namen zu geben]

Veröffentlicht von Mirya

Ein lebensfrohes kleines Bündel, das üblicherweise nicht auf den Mund gefallen ist, gute Gesellschaft ebenso wie gutes Essen genießen kann, und die sich wünscht es ginge immer allen überall gut.

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3 Kommentare

  1. Für den Bruchteil einer Sekunde bin ich vollkommen irritiert über seinen fragenden Blick. Nie zuvor wäre mir in den Sinn gekommen, dass ICH derjenige sein könnte, der seinem späteren Vertrauten einen Namen zu geben hat. Wie um alles in der Welt könnte mir denn ein Name einfallen? Hätte Birshen mich nicht wenigstens darauf vorbereiten können?

    Doch es ist kaum mehr als ein Funke, mehr ein kurzes Aufblitzen der Unsicherheit, der verschwindet als ich mich auf SEINE Augen konzentriere und mir alles klar ist. Weg ist die Erinnerung jemals verunsichert gewesen zu sein. Es war klar von Beginn aller Zeiten! Als ob unsere Mutter Satuaria die Ereignisse wie Perlen auf einen Faden gefädelt hätte, um mit diesem wunderbaren Augenblick ein Meisterwerk zu vollenden. Die Weissagung einer “Reise der Veränderung” sollte den Start markieren, an dem Abend als mir Yasemine den Schubs zur Tür heraus gab, hinein in Staub und Steine um zu lernen. Im Sand der ewigen, wildschönen Wüste Khom fanden wir zueinander. Zu Dsche Alhiam alshra’ sollte mich das Feuer machen, dem Wanderer in der Wüste, dessen steter und getreuer Begleiter der unendliche Sand ist.

    Feierlich richte ich mich stolz auf, ein freudiges lächeln umspielt meine Züge und ich denke: “So bin ich getauft, Mutter, als Dsche der Wüstenwanderer – im Klang der alten Sprache. Und Sand, mein steter Begleiter, sollst DU heißen – im Klang der alten Sprache!”

    Meine Augen funkeln und ich sage: “Ramal”.

  2. Als du den Namen aussprichst, spürst du, wie die Kraft der Magie in deinen Händen zu pulsieren beginnt. Instinktiv vollführst du die Gesten, die dir Birshen am Nachmittag gezeigt hat. Jedoch kommen sie gar nicht aus der Erinnerung an das Gelernte, vielmehr aus dem Wissen deines Körper, der Erinnerung all deiner Vorfahrinnen, ja, Satuaria selbst. In deinen Händen erscheint eine Schale. Du trinkst daraus, dann reichst du sie Ramal. Er trinkt. Dann taucht er seine Hand in das Wasser, anschließend presst er sie auf deine Brust, in Höhe des Herzens. Du tust es ihm gleich. Zwei Fäden aus Magie schießen aus euren Händen, umschlingen eure Herzen und eure Körper, bevor sie sich verknoten und immer enger ziehen. Ramal nimmt deine freie Hand und verschränkt seine Finger darin. So steht ihr, bis das Prickeln der Magie nachlässt und die Enge ums Herz einer ungekannten Weite weicht. Strahlend vor Glück steht dein Vertrauter dir gegenüber. „Ramal! Dscheridan! Bleiben!“ Intoniert er. Und übermütig schnellt er vor und beißt dir neckend in den Hals.

  3. Gleißendes Licht. Stechende Helligkeit. Kälte. Hunger. Durst. Geborgenheit. Vertrauter Duft. Mutter. Lehrerin. Neugierde. Vertrauter Raum. Vertrauter Duft. Glücklich. Fläche. Gräser. Luft. Himmel. Hell dunkel. Immer im Wechsel. Neue Düfte, neuer Raum, neue Andere. Glücklich. Klettern. Fressen. Lernen. Alles ist richtig.

    Falsche Perspektive. Alles dreht sich auf den Kopf. Schmerz im Hinterlauf. Ein neues Gefühl. Angst. Panik. Große kommen. Falscher Geruch, feindlicher Geruch, Blutgeruch. Falsches Blut. Nicht Blut der Nahrung, Blut der Mutter. Neues Gefühl, Panik. Große bringen Panik. Vertrauter Duft verschwindet. Verloren. Orientierungslos. Noch ein Großer. Er richtet den Blick, er lässt Schmerz im Hinterlauf verschwinden. Er ist gut.

    Die Energie aus dem Boden weitet den Horizont. Großer bringt Geborgenheit, Futter. Konzepte werden klar. Lernen. Handlungen die Futter bringen. Suche. Suche nach anderen Gleichen. Entdecken. Faden zum Großen klar und spürbar. Verstehen. Der Große ist alt. Ich bin jung und anders als er. Ich. Energie von unten lässt mich mein Selbst verstehen.

    Viel Lernen. Viel Spiel. Viel Leben. Suche. Das Verschwinden des Großen. Ein neues Gefühl. Trauer. Einsamkeit. Neue Konzepte. Wechsel von hell und dukel. Eine Idee von Zeit. Dinge die schnell gehen und Dinge die lange brauchen. Dinge die mit der Zeit vergehen.

    Die Suche nach Futter und die Suche nach Großen die sind wie er. Große, die Futter und Spiele bringen. Die Suche nach dem Verlust von Einsamkeit.

    Dann der Geruch. Familie. Der ganz besondere Geruch. Eine neue Hoffnung auf Sicherheit. Ein Wurfbruder? Aber er trägt Gefahr bei sich. Und er ist ein Großer. Kann ein Großer ein Wurfbruder sein? Der andere Große war vertraut, aber immer auch fremd. Das hier fühlt sich anders an.

    Neugierde. In der Nähe bleiben. Den Rang prüfen. Er muss ein Wurfbruder sein. Er ist Familie. Er ist Alpha. Er ist aber auch Großer. Da wo er ist, ist die Kraft der Erde. Er sucht die Nähe, ich suche die Nähe. Er ist mit anderem Großen. Kleiner Großer. Keine Gefahr, noch Welpe. Er verlässt den vertrauten Ort. Neuer Raum, neue Eindrücke, neue Gerüche. Er spielt. Er sucht Nähe. Die Nähe tut gut. Wir spielen. Er hat Futter.

    Er ist fort. Sein Geruch verliert sich auf dem Weg nach unten. Verwirrung. Angst. Die Andere mit der Kraft macht Mut, vertröstet. Doch lässt auch er mich allein? Unrast. Suche. Dann ist der Faden zurück. Ein neues Gefühl. Stolz. Verletzter Stolz. Er soll warten. Etwas suchen soll er, so wie ich.

    Dann bricht das Dunkel, die Nacht herein und etwas passiert. Die Sinne scharf. Ich sehe ihn. Ich verstehe ihn. Er ist mein Wurfbruder im Geiste. Der Alpha. Der Weggefährte. Er soll bei mir bleiben. Wir gehen zusammen. Ich folge ihm auf seinem Weg und wie er mich beschützt, so beschütze ich ihn. Er ist mächtig, ich bin schnell. Er ist Mensch, ich bin Gepard. Wir sind einander Reflexion. Ich verstehe das Gefühl, es heißt glücklich sein.

    Und der Laut der Kraft ist Magie. Die Dunkelheit heißt Nacht. Das Licht im Dunkeln lautet Mond. Das klare Licht des Mondes schafft die Verbindung zwischen uns. Wir spüren und verstehen einander. Ich möchte lernen und lerne, bin befreit von reinem Instinkt.

    Und dann lerne ich seinen Laut. ER ist Dscheridan. Und ich lerne meinen Laut. ICH bin Ramal.

    Wir stehen am Wasserloch, einander gegenüber. Dscheridan sitzt dort im Schneidersitz. Er schöpft mit den Händen Wasser, reckt sie mir entgegen und trinkt. Das Farn steht hoch, es ist warm. Geborgenheit. Vertrauter Duft. Mutter. Lehrerin. Neugierde. Vertrauter Raum. Vertrauter Duft. Glücklich. Fläche. Gräser. Luft. Himmel. Doch mehr. Wind stupst mich an. Ermutigend, wie einst die Nase meiner Mutter. Auch Dsches Mutter ist fort, weiß ich jetzt. Ich bin ermutigt, ich tauche die Schnauze ein und trinke. Unsere Reflexionen auf der Oberfläche verschmelzen, der helle Schein des Mondes ergießt sich über uns.

    „Ramal! Dscheridan! Bleiben!“ Bruder auf ewig.

    Vor Freude schnelle ich vor. Es ist perfekt. Ich bin so übermütig und voller Energie. Ich möchte spielen.

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