Hell und deutlich erkennst du nun den Balkon. Die Spitzbögen sind von hübschen Ornamenten geschmückt, weisen aber keine verdächtigen Symbole auf und der Balkon ist bis auf das Tischen leer. Lautlos und vorsichtig gleitest du in das Innere des Raumes. Hinter dir wölbt sich ein letzes Mal der Vorhang, sonst regt sich nichts. Das Zimmer liegt friedlich und verlassen vor dir.
An der Wand rechts von dir, seitlich zum Spitzbogen, steht ein Schreibtisch, daneben eine Truhe. Die Wand dir gegenüber wird durch die Tür in zwei Hälften geteilt. An der rechten hängt ein Regal mit Büchern und Glasgefäßen, die linke Seite ist von einem Schrank gefüllt. An der linken Wand stehen ein Bett und ein kleines Nachttischchen. Auf Nachtschränkchen und Schreibtisch stehen Öllampen. Ähnlich wie bei Benay und Khorim herscht eine übersichtliche Sauberkeit. Das Bett ist gemacht und es liegen keine unnötigen Gegenstände herum. Trotzdem bietet sich hier einiges zu erforschen. Über dem Nachtschränkchen hängt ein etwa schulterbreiter runder Spiegel, und du kannst nicht umhin kurz dein Erscheinungsbild zu überprüfen. Dann wendest du dich dem Schrank zu, dessen Türen mit einem Quietschen aufschwingen. Mit prickelnden Fingern durchstöberst du rasch die aufgehängten Roben – von schlicht weiß bis aufwendig bestickt -, lässt deinen Blick über ordentlich aufgereihtes Schuhwerk in verschiedener Ausführung, eine Auswahl verschiedener Gürtel und akkurat gestapelte Untergewänder gleiten. Maruchs Duft umfängt dich. Verärgert über einen ablenkenden Gedanken schließt du die Schranktüren wieder und widmest dich als nächstes dem Regal.
Die beiden Bücher die hier stehen, sind in einer dir unbekannten Schriftart verfasst, aus den Hervorgehobenen Wörtern am Anfang jeder Seite und dem Index am Seitenrand schließt du, dass es sich bei dem einen möglicherweise um eine Art Nachschlagewerk handelt. Das andere enthält zwischendurch auch Zeichnungen und Symbole, aus denen du nicht schlau wirst, jedenfalls ist das Buch aber von vorne bis hinten voll damit und auf der ersten Seite steht unter einem gestempelten Pentagramm auf Tulamidya „Eigentum der Bibliothek der Al’Pandjashta“. Die Gläser und Flaschen ähneln denen, die du in der Kiste in Maruchs Zelt gesehen hattest. Als du dich gleich darauf der Kiste hier im Zimmer zuwendest, stellst du fest, dass es sich um eben jene Kiste handelt. Sie ist leergeräumt und enthält zur Zeit einen vollen Weinschlauch, zwei Trinkgläser (in den Halteschlaufen), sowie in Stoff geschlagene Stücke von Wurst, Brot und Datteln. Zuletzt besiehst du dir den Schreibtisch. Dieser sieht im Vergleich zum Rest des Zimmers geradezu chaotisch aus. Zwei Bücher liegen aufgeschlagen auf dem Tisch, in der Mitte ein Wasserglas, Tuschestein und Streibstock. Der Inhalt beider Bücher scheint identisch zu sein, aber eins ist erst zur Hälfte gefüllt. Sie sind beide auf der selben Seite aufgeschlagen und der Absatz bei dem zweiten Buch ist ordentlich zuende geschrieben. Wieder diese garstige Zaubererschrift, aber neben dem zweiten Buch liegen auch einige lose Zettel, auf denen Maruch Notizen auf Tulamidya gemacht hat. Es handelt sich um Sätze wie „Die Matrize von Beschwörungszaubern des Elementes Luft weißt fast immer als verbindendes Element die Silbe „ha“ in der Vocatio sowie eine schwingende Geste der Hand oder der Finger auf.“ In der hinteren Ecke des Schreibtisches liegt noch ein ganzer Stapel solcher Blätter, der mit einer Kordel verschnürt ist. Deine Aufmerksamkeit erregt jedoch ein kleines Notizbüchlein, welches hinter dem Tuschestein griffbereit liegt.
[bitte lies jetzt die email, die ich dir geschrieben habe und öffne dann den braunen Umschlag.]
Als ich den Schreibtisch erreiche und die Notizen lese versuche ich mir beinahe belustigt auszumalen, wie man Zauber durch die Kraft der Worte zur Wirkung bringt. Ich kann mir nur schwerlich vorstellen wie es wohl ist, wenn man nicht weiß wie man das geeignete Gefühl hervorruft um der astralen Energie die passende Form zu geben. Ich muss an die GROSSE GIER denken. So hat sie Großmutter immer genannt. Vehikel der astralen Kraft sind dabei ganz sicherlich die Worte, doch sind sie Kraft der Gefühle um astrale Energie angereichert. Sollte ich jemals die Gelegenheit dazu bekommen mit einem Magier bei einer Wasserpfeife über dieses Thema zu philosophieren, muss ich mir das mal erklären lassen.
Ich konzentriere mich wieder auf den Schreibtisch und mein Blick fällt auf das Buch …
Nervös nehme ich es zur Hand. Darin sollten sich doch Informationen zu Maruchs Rückreise finden, denke ich noch, als ich es zunächst in alle Richtungen drehe und dann das lederne Band abwickel, das das Buch verschlossen hält.
Ich lasse meine Finger über das filigran geprägte Leder gleiten und schlage das Buch auf. “Bei allen Dämonen! Hätte Maruch seine Notizen mit noch leichterer Feder auf das Papier geschrieben, so wäre die Schrift gewiss unsichtbar. Selbst meine magisch verstärkte Sicht hilft hier nur wenig und so suche ich mir einen Platz unter der Tür zum Balkon und lasse einen Spalt Mondlicht auf das Papier fallen. Ich bewege das Buch im Mondlicht hin und her um einzelne Passagen anzulesen. Notizen zu irgendwelchen Metallen finde ich dort. Ich verstehe nur wenig und einzelne Worte hüllen sich weiter in den Schleier der Dunkelheit. Hektisch überblättere ich einige Seiten. Wenn Maruch etwas zu Larissia geschrieben hat, dann wohl auf den letzten Seiten. Ich blättere bis zu dem Punkt, an dem der lange Rückumschlag in das Buch eingeschlagen ist. Wieder etwas über Metalle … dämonisch günstige Metalle? Was soll das alles? Das sieht mir nicht nach einem Tagebuch aus. Ich blättere zurück. Irgendwas zu einem Versuchsaufbau, aber keinerlei Hinweise auf Larissia.
Ohne weiter darüber nachzudenken ziehe ich das Lesezeichen aus dem Buch und blättere weiter. Lauter leere Seiten. Hinten steht etwas, doch die Glyphen kenne ich nicht. Einmal mehr blättere ich hierhin und dorthin, einzelne Worte entziffernd. Das Wort Luft erhascht meine Aufmerksamkeit. Doch auch dort nur langweilige Ausführungen zu Metallen. Unschlüssig streiche ich über das Pentagramm auf der ersten Seite, starre auf die Glyphen der zweiten Seite, deren Bedeutung ich ebenfalls nicht kenne.
Ein Gefühl von Enttäuschung macht sich breit. Dieser nüchtern, analytische Stubenhocker! Zum Dämonensultan mit ihm! Ich habe mein Zeitgefühl verloren. Wie lange blättere ich nur schon hin und her. Gerade will ich das Buch wieder zurücklegen, da fällt mir ein, dass ich den Rückumschlag vollkommen willkürlich eingelegt habe. Einmal mehr schelte ich mich als dümmstes Kamel in der Khomwüste. Maruch wird sicherlich die letzte beschriebene Seite markiert haben, doch sicher bin ich mir nicht mehr. Auf gut Glück lege ich das Lesezeichen dort hektisch ein und umwickle das gesamte Buch dann wieder mit der Kordel. Nur zurück mit dir an deinen Platz, du spottendes, verhöhnendes Schöpfwerk.
[Und mit genau dieser Aktion ist die siebente Minute exakt verstrichen.]
Genau als du das Buch an seinem Platz abgelegt hast, hörst du Schritte vor der Tür. Ein Schlüssel wird in das Türschloss geschoben.
Phexverflucht! Mein Flugbrett auf meinem Rücken scheint mir plötzlich äonenweit entfernt. Halte ich es für schaffbar zurück auf den Balkon zu huschen? Der Vorhang versperrt ja die Sicht auf denselben, richtig? Mit etwas Glück könnte ich dort dann mein Flugbrett unter dem Gewand hervorziehen und mich unter den Balkon flüchten. Das wäre meine bevorzugte Handlung, kann mir aber gerade bildlich nicht ganz ausmalen ob das noch zu schaffen ist. Falls das zu weit ist rolle ich mich einem Impuls folgend schlicht und so schnell ich eben kann unter Maruchs Bett. Dort halte ich mir beide Hände vor den Mund und bete zu Satuaria unbemerkt zu bleiben.
Der Schreibtisch steht ja mit der Seite „zum Fenster“ somit bist du mit einem großen Schritt durch den Vorhang, bevor der Schlüssel sich komplett im Schloss gedreht hat. Einen Moment lang stehst du einfach nur still – fürchtest du doch, dass das laute Hämmern deines Herzens allein dein Versteck preisgeben möge. Dann beginnst du so leise und vorsichtig wie eben möglich das Flugbrett von deinem Rücken zu lösen. Du bist so vertieft in deine Aufgabe dass dir erst im Nachhinein auffällt, wie lange der Schlüssel gebraucht hat, das Schloss zu öffnen. Du hast bereits das Flugbrett in Startposition als im Inneren des Zimmers eine weibliche Stimme wispert „fih laila, zallim shin“ (Tulamidya „weiche Nacht, erscheine Licht“) und die kleine bläuliche Lichtkugel eines FlimFlams in der Nähe der Tür sichtbar wird.
Ich ziehe scharf die Luft ein, bleibe wie angewurzelt auf dem am Boden liegenden Flugbrett stehen und wende mich Richtung Vorhang. Was zum Dämonensultan geht denn hier vor sich. Nimmt Maruchs Konkurrentin nun persönliche Rache an ihrem Widersacher? Ich gehe vorsichtig auf den Vorhang zu und gehe sachte auf die Knie. Recht weit unten schiebe ich spitzfingrig den Vorhang ein Stück beiseite und lunze in den Raum hinein. Ziemlich gefragt, das Zimmer des strebsamen Schülers muss ich nun beinahe belustigt feststellen.
Du kauerst dich auf den Balkon und lugst durch den schmalen Schlitz. Für deine Katzenaugen ist der Raum jetzt taghell erleuchtet – den Blick direkt in die Magische Lichtkugel musst du meiden, denn sie strahlt zu grell. Zum Glück lässt die junge Magierin sie ein gutes Stück über sich in der Luft schweben, so dass du ihr Gesicht gut erkennen kannst. Es ist eine sehr schlanke Tulamidin mit markanten Wangenknochen und straff nach oben geknotetem schwarzen Haar. Ihre Augen und Lippen hat sie mit dunkler Schminke so übermäßig betont, dass ihr Alter nicht ganz leicht zu schätzen ist – du hättest sie auch als Magistra durchgehen lassen, hälst es aber durchaus für möglich, dass deine Vermutung, hier Elizeth vor dir zu haben, zutreffen könnte.
Sie trägt eine Schachtel, die in ein buntes Stück Stoff eingeschlagen und mit einer Schleife zugebunden ist. Ein Zettel hängt daran. Suchend mustert sie den Raum, entscheidet sich schließlich für das Bett, auf dem sie das Paket am Kopfende platziert. Sie zupft noch die Enden der Schleife zurecht und rückt das Schildchen gerade. „💖 Maruch, du bist der Beste 💖“ steht in extra schnörkeliger, fast kindlicher Handschrift darauf. Zufrieden betrachtet sie ihr Werk. Sie lächelt, aber es ist kein freundliches Lächeln. „Ja, Maruch, du bist, der Beste.. genieße diese kleine Aufmerksamkeit…“ säuselt sie. Der kalte Hass in ihrer Stimme bringt die Luft zum Zittern. Nach einem Moment der Selbstzufriedenheit will sie sich schon abwenden, als ihr Blick den Schreibtisch streift.
Betont beiläufig wandert sie herüber… „Na, woran arbeitet er denn, der Herr Meisterschüler? Wolln doch mal sehen, womit der zukünftige Magister seine steile Karriere beginnen will…“ Ihre Stimme trieft vor Ironie und Verachtung. Gelangweilt blättert sie durch die aufgeschlagenen Folianten und schnaubt abfällig. Dann greift sie sich das Notizbuch und durchblättert es. Anerkennend pfeift sie durch die Zähne. An die Truhe angelehnt setzt sie sich in den Schneidersitz und beginnt zu lesen. Sie murmelt vor sich hin: „Turm… Metalle… Versuch… Das gäbe ja das reinste Chaos, es sei denn… Sie wollen ein Artefakt herstellen… bis Feuertag? Na das wollen wir doch sehen…“ Entschlossen reißt sie eine Seite aus dem Büchlein. Dann wirft sie es achtlos wieder auf den Tisch zurück und rappelt sich sichtbar zufrieden auf. Ein letztes Mal sieht sie sich im Zimmer um, dann wendet sie sich zum Gehen.
Auch ich richte mich auf und in mir wallen ganz seltsame neue Gefühle auf. Eine nie gekannte Gehässigkeit hier gerade Zeuge eines sehr spannenden und hilfreichen Ereignisses geworden zu sein, das mir sehr nützlich sein könnte. Absurderweise aber auch ein Gefühl der Eifersucht dass mich jemand um meine Rache zu betrügen und mein Ziel selbst zu schmähen wagt. Und sogar ein Fünkchen Besorgnis um Maruch. Vielleicht auch eher ein Funken oder eine kleine Flamme …
Die Stimme meiner Großmutter in meinem Kopf flüstert: „Die Leidenschaft des Gegenübers zu wecken und zu den eigenen Zwecken nutzbar zu machen ist eine hohe Kunst, die viel Übung verlangt.“
Ich werfe die Vorhänge des Balkons auseinander und betrete das Zimmer. Ich schaue mich kurz um, ob die junge Dame das Tuch, in welches das Geschenk eingeschlagen war, hat liegenlassen. Wenn nicht improvisiere ich hastig aus meinem Stoffgürtel ein Paket für das Geschenk. Um nichts in der Welt möchte ich es berühren. Dann eile ich zurück auf den Balkon und starte in die Luft.
Mein Plan sieht wie folgt aus: Ich werde versuchen Elizeth auf meine Seite zu ziehen. Vielleicht finde ich ihr einen Partner im Geiste, wir kommen beide noch zu unserer Rache und gleichzeitig kann ich Larissia retten. Ich überquere fliegend den Dachfirst und nehme den Haupteingang des Schlafraums in Augenschein. Mit etwas Glück müsste sie gleich herauskommen. Vielleicht sehe ich sie ja auch schon auf dem Platz vor dem Dormitorium. Etwas unvorsichtige als eben noch würde ich die Akademie dann fliegend überqueren. Ich möchte ihr gern den Weg abschneiden und ihr ein Stück voraus irgendwo landen. Ich könnte mir auch vorstellen hinter dem Schießplatz zu landen und mit ihrem Weg parallel aber auf der anderen Seite der Gebäude schnell entlang zu laufen. Je nachdem was sich anbietet und möglich ist.
Dann möchte ich mich irgendwo beiläufig an eine Wand lehnen oder anderweitig betont lässig und zufällig herumstehen. Kurz nachdem sie mich passiert hat rufe ich ihr ein “Guten Abend Elizeth” zu.
Ihre erste Reaktion warte ich ab und genieße die Überraschung und die Unkenntnis meiner Person. So sie denn merklich auf den Namen reagiert und sich mein Verdacht bestätigt fahre ich fort: “Mir ist zu Ohren gekommen, dass du die Einsamkeit deines Zimmers in dieser schönen Nacht bevorzugtest. Zu Recht! Umso mehr freut es mich zu sehen, dass du es dir anders überlegt und einen kleinen Spaziergang gemacht hast, auch wenn ich dir empfehle achtsamer mit deinem Besitz umzugehen. Du hast nämlich etwas verloren.”
Ehe sie Gelegenheit hat zu antworten schneide ich ihr das Wort ab: “Hesinde sei’s gedankt, dass ich zufällig gerade in der Nähe war. Pass vielleicht etwas besser auf deine Habseligkeiten auf.” Mit diesen Worten enthülle ich ihr kleines Geschenk und werfe es in sanftem Bogen aus meinem Gürtel in ihre Richtung. Dabei grinse ich vielsagend, kokett und sinister.
[Ich denke alles weitere ist für eine interaktive Kommunikation besser geeignet, wenn es denn überhaupt bis zu diesem Moment kommt. Das weiß nur die Meisterin.]