Du öffnest die Augen, bückst dich kurz nach dem Ast, um ihn mitzunehmen und wendest dich um. Sachte streichst du den Vorhang aus Weidenruten beiseite und trittst auf das offene, vom Madamal erleuchtete Feld, welches so schweigsam beredt vor die liegt. Du nimmst einen weiteren, tiefen Atemzug. Einer plötzlichen Eingebung folgend, schlägst du eine Richtung ein, die dich zunächst ein Stück entlang des Baches führt. Ein beinahe unmerklicher Duft hat deine Aufmerksamkeit erregt und unbeirrt folgst du diesem Hach, der so fein vor dir her zu schweben scheint.
Der Duftfaden knickt unvermittelt rechts ab und führt dich mitten auf das Feld. Hier ist das Gras ein gutes Stück höher gewachsen und du watest durch das sacht im Wind hin und her wogende Grasmeer, die Arme weit ausgebreitet und die Fingerspitzen sanft auf den Graskuppen ruhend.
Kein Zweifel! Hier hat IHN sein Weg entlang geführt. Denn obwohl das Gras keine Schneise aufweist, sind doch etliche Blätter umgeknickt und allenthalben siehst du auf lehmigen, kahlen Stellen unterhalb des Grases einen Ballenabdruck mit 5 zierlichen Zehen.
„Hoppla, bei Satuarias Herrlichkeit, da hab ich dich!“ rufst du aus, als du beinahe über den flach am Boden liegenden Körper stolperst. Mitten auf der Wiese liegt ER im Gras und schaut dich versonnen an. „Und ich dachte, mein Versteck wäre unauffindbar. Hmmm“ ER verzieht den Mund zu einer schmollenden Grimasse, nimmt dir dann aber den Weidenstock ab und schaut dich herausfordernd an. „Nun bist du an der Reihe, mal schauen, ob ich dich nicht noch schneller finden kann!“ Er schließt die Augen.
Nicht ganz ungeschickt von IHM, denkst du dir. Hier, so mitten auf dem Feld, wird es für ihn ein Leichtes sein, deiner Schneise zu folgen, denn so behände vermagst du dich nicht zu bewegen, als dass du spurlos durch das Gras waten könntest. Da kommt dir eine Idee. Zwar kostet dich das wertvolle Sekunden, aber IHN wird es allemal genügend verwirren, so dass du einen Profit daraus schlagen kannst. Du hockst dich hin, stützt dich mit deinen Händen auf den Oberschenkeln ab und konzentrierst dich. Deutlich siehst du vor dir eine imposante Kröte an einem Teich sitzen, die dazu ansetzt, das Seerosenblatt zu erreichen, dass dort mitten auf dem Tümpel schwimmt. Sie setzt an und springt. Du tust es ihr gleich und setzt mit einem gewaltigen Sprung ein gutes Stück über das hohe Gras hinweg und landest sanft und lautlos auf festem Boden [3 Asp]. Dann läufst du los Richtung Wald. Ganz willkürlich schlägst du zunächst Haken, ehe du dich nach einem konkreten Versteck umsiehst. Unter einem Busch machst du es dir gemütlich, rollst dich unter den Ästen durch, dicht an den Hauptstamm heran und wartest ab, während du den erdigen Boden zum Zeitvertreib durch deine Hände rieseln lässt …
Es dauert eine Weile, doch dann zeichnet sich SEINE Silhouette gegen die Anhöhe am Waldrand ab, auf die du von deinem Versteck aus einen ganz guten Blick hast. Überraschend zielstrebig kommt ER näher, seinen Blick immer auf den Waldboden geheftet.
Du überlegst: „Stimmt! Zwar habe ich versucht ihn in die Irre zu leiten, indem ich quer durch die Gegend gelaufen bin, aber so recht auf die Spuren hier im Wald habe ich gar nicht mehr geachtet. Nächste Runde werde ich darauf mehr Acht geben.“ denkst du dir. Einen Augenblick später geht er vor deinem Versteck in die Hocke und lugt unter den Ästen hindurch. „Hab dich! Du hast mich ja ganz schön an der Nase herumgeführt, das werde ich dir aber heimzahlen!“ „Das wollen wir erst noch sehen“ antwortest du selbstbewusst, nimmst IHM den Weidenast aus der Hand und schließt die Augen. Einen kurzen Moment bist du sogar versucht zu blinzeln, beschließt dann aber, dass nur faire Tricks erlaubt sind …
Fürderhin ist dir bei der Suche allerdings kein Glück mehr beschieden. Zwar kannst du weiterhin so gut sehen wie an einem sonnigen Tag und zu deinen normalen Sinnen scheinen sich einige gesellt zu haben, die du so vorher noch nicht kanntest, aber scheinbar hat ER aus seinem anfänglichen Fehler, dich zu unterschätzen, gelernt und gibt sich nun besonders viel Mühe. Die Suche anhand des Duftfadens funktioniert zu deinem Ärger überhaupt nicht mehr und da du im Fährtensuchen nun einmal nicht besonders talentiert bist, fällt es dir wahnsinnig schwer auf seine Spur zu kommen. Zudem bieten sich hier im Wald für einen geübten Kletterer natürlich sehr viele Möglichkeiten keine Spuren auf dem Waldboden zu hinterlassen. So dauert es Runde um Runde eine geraume Weile, bis du ihn endlich entdeckst. Seine Verstecke sind dann zumeist gar nicht mehr sonderlich erfinderisch und stets erwartet er dich mit einem frechen Grinsen.
Wenigstens rächst du dich angemessen mit immer besseren Verstecken deinerseits. In Runde 2 legst du einen besonders einfachen und deutlichen Pfad, aber nur um am Ende der Fährte dein Kleid zu verstecken und den Weg rückwärts zurück zu gehen. Du selbst versteckst dich fast am Ausgangspunkt der vorherigen Suche und hoffst, dass ER es nicht sofort durchschaut. Tatsächlich gelingt dir deine Finte vortrefflich und es kostet ihn sehr viel Zeit dich zu finden. In Runde 3 verbirgst du dich in einem ausgehöhlten Baumstumpf, über den ER interessanterweise zunächst dreimal hinwegspringt, ehe er auf die Idee kommt nachzuprüfen, ob der Stamm vielleicht hohl sein könnte. In der vorletzten Runde verrätst du dich selbst ungeschickterweise durch einen heftigen Lachanfall, als er fast auf dir zu stehen kommt, ohne dich zu bemerken, weil du dich einfach nur mit ganz viel Laub bedeckst und flach auf den Boden gelegt hast.
Als du die letzte Runde einläutest ist es bereits sehr spät, das Madamal steht kurz vor seinem Untergang und ein ganz sachtes Glimmen am Horizont kündigt den neuen Tag an. Je schwächer der Zauber dieser Vollmondnacht wird, desto stärker spürst du die Erschöpfung und so ist es IHM in der letzten Runde ein Leichtes, dich zu finden.
Als das Wispern des Waldes verstummt, sich die Wahrnehmungsfähigkeit deiner Sinne langsam wieder auf ein Normalmaß senkt und die Tiere der Nacht denen des Tages den Platz räumen verabschiedet ihr euch voneinander. In inniger Umarmung steht ihr noch einen Augenblick auf der Anhöhe jenseits des Lagerplatzes. In dieser Nacht fühlt sich die Umarmung ein wenig anders an als sonst. Zwar ist es noch immer die Umarmung zweier guter Freunde, aber seine Arme scheinen kräftiger geworden zu sein und halten dich einen Augenblick so sicher und inniglich, dass in dir eine plötzliche ungekannte Gefühlswallung aufflammt, die aber schon wieder erloschen ist, ehe du ihrer Habhaft werden kannst, geschweige denn sie zu deuten vermagst.
Mit einem zufriedenen Lächeln hauchst du ihm einen Kuss auf die Wange und wendest dich von ihm ab.
„Gute Nacht, Mirya!“
„Gute Nacht [es wird Zeit, ihm einen wahren Namen zu geben]!“
Kaum hast du dich auf deinem Lager in deine Decke eingerollt, bist du mit dem Gedanken heute viel gelernt zu haben, sogleich eingeschlafen.
Nur einen gefühlten Augenblick später wirst du von Lorian geweckt. Zu deiner Überraschung fühlst du dich aber nicht ermattet, sondern ausgeschlafen und voller Tatendrang. Lorian scheint von deinem nächtlichen Ausflug nichts mitbekommen zu haben.
Ihr beginnt euren Tag mit einem kurzen Frühstück, erfrischt euch unten am Fluss und macht euch dann wieder auf die Reise. Eichhörnchen bleibt den Vormittag über verschwunden, du bist dir aber sicher, dass es dich schon finden wird …
So leicht euch die Reise an den ersten 10 Tage gefallen ist, umso härter gestaltet sich die Wanderung an den folgenden Tagen. Wenn du geglaubt hattest, es läge an der netten Wandergesellschaf, deiner Ausdauer und dem Wandertraining, dass ihr die ersten Tage so gut voran kamt und du kaum Probleme mit schmerzenden Beinen oder Erschöpfung hattest, so musst du dir doch eingestehen, dass es nicht zuletzt Praios großem Rund zu verdanken ist, dass eure Reise so annehmlich verlief. Wenn die Praiosscheibe das Land erwärmt und den Tag erhellt, so vergisst man doch schnell alle Müh und Last. Zuversichtlich warst du Khunchom in weniger als einem Wimpernschlag erreichen zu können.
Jetzt, da schon den 5. Tag in Folge Efferds Element ohne Unterlass vom Himmel regnet und du dich kaum mehr daran erinnern kannst, wie sich eigentlich trockene Kleidung anfühlt, ist dein Optimismus wie fortgeblasen. Zunächst war der warme Sommerregen ja noch angenehm und willkommen gewesen, aber nun da die Sonne so lange hinter tiefhängenden grauen Wolken verborgen liegt, ist dein Gemütszustand ähnlich dem des Wetters, grau und trübe. Sogar einen kleinen Streit hatten Lorian und du gestern Vormittag schon, ob die Pause unter der Kastanie noch zu verlängern sei oder nicht.
Wenn du nicht abends für eine kräftige Brühe sorgst, werdet ihr euch sicherlich noch erkälten. [Bitte eine Kochen-Probe, bei der mindestens die Hälfte deiner TaP übrig bleiben sollten, eine vorangegangene Pflanzenkunde-Probe erleichtert die Kochen-Probe um TaP*/3, ansonsten droht ihr euch zu erkälten: Pro Tag W3 Punkte Erschöpfung und W3+1 SP ab dem 5. Regentag.]
Mehr oder weniger gesundheitlich angeschlagen werdet ihr am 8. Regentag spät nachmittags eines Gehöftes Ansichtig, das eingebettet von Weizen- und Kornfeldern einsam in der Landschaft steht. Ein großer Torbogen eröffnet den Blick in einen großen Innenhof, auf dem Hühner eifrig durch den Regen aufgescheuchte Würmer picken. Eine Rauchfahne kringelt sich lustig aus dem Schornstein des Hauptgebäudes. Auf den Feldern arbeitet niemand, was ob des Wetters vielleicht nicht weiter überrascht. [Natürlich könnt ihr das Gehöft links liegen lassen und euren Weg einfach fortsetzen, wenn du allerdings mal einen näheren Blick werfen möchtest, dann wäre interessant zu wissen in welcher Form: Heranschleichen, weil dir irgendetwas verdächtig erscheint, offen auf das Gehöft zumarschieren und mit einem lauten Grußwort den Torbogen passieren … lässt du Lorian voranschreiten oder willst du selbst an dieser Stelle die Zügel in die Hand nehmen? Weltfremde Bauern sind für Junghexen vielleicht ein ganz eigenes Thema, du kennst schließlich reichlich Geschichten, die wenig Erbauliches zu berichten haben …]
Kochenprobe ist gelungen, wir gelangen also ohne Erkältung zu dem Gehöft – trotzdem bin ich ob der Aussicht auf ein wärmendes Feuer und ein trockenes Dach über dem Kopf für ein oder zwei Nächte so froh, dass es mir nicht in den Kopf kommt besondere Vorsicht walten zu lassen. Vielleicht bin ich auch noch so ein bisschen von den Runden mit Rauma gewöhnt, dass Bauern den weisen Frauen aus der Kräuterhütte mit vorsichtigem Respekt (und wohl auch etwas misstrauen) begegnen, aber Angst brauchte ich vor ihnen bisher ja nicht zu haben. Daher schreite ich munter durch das Tor und mache mit lautem Rufen auf uns aufmerksam:
„Heda gute Leute! Gibt es hier vielleicht eine warme Mahlzeit und ein wärmendes Feuer für zwei durchnässte Wanderer? Wir nehmen euch zum Ausgleich gern die eine oder andere Arbeit ab!“
Dann warten wir wohl die Reaktion ab.
Ach und die ASP für die Vollmondnacht und vorher hab ich brav aufgeschrieben, regeneriere ich denn während der Regenwanderung ganz normal?