"Erklär du mir mal lieber was du hier machst! Und was soll das mit dem Messer, willst du es ernsthaft mit acht Gegnern aufnehmen?!" fragst du leise mit einem freundlich spöttischen Ton in der Stimme. Beorn schaut etwas betreten auf seine gezückte Waffe. Verteidigend, aber etwas resigniert antwortet er: "Ich … wollte warten, bis sie schlafen gegangen sind."
"Und dann? Du wolltest doch nicht wirklich …"
"Ich wollte ihnen die Kehlen aufschneiden!" unterbricht Beorn dich, ehe du deinen Gedanken zu Ende führen kannst, jetzt wieder mit deutlich schärferem Tonfall. Du kannst nicht viel erkennen, aber wenn du dich nicht sehr täuscht, blitzen Tränen in seinen Augenwinkeln. Etwas resigniert rollst du innerlich mit den Augen. Also im Herzen doch noch ein wenig Kind …
"Hör zu, ich kann ja verstehen, dass du riesigen Hass auf diese Tiere dort hast, aber es bringt doch nichts, sich jetzt von ihnen umbringen zu lassen. Und das auch noch mitten in der Nacht."
Du hältst inne. Eigentlich hattest du den letzten Satz ganz anders formulieren wollen, aber ehe du noch mit einem „Ähh, also ich meine natürlich …“ deinen Fehler korrigieren kannst, müsst ihr beide ein wenig schmunzeln. Auch eine Möglichkeit das Eis zu brechen und Beorns Verbitterung wieder in eine Ecke seines Bewusstseins zu drücken.
"Nun lass uns schon verschwinden, wir könnten jeden Augenblick entdeckt werden." setzt du nach.
Derweil hat sich der Tumult am Lagerfeuer gelegt und damit auch die lautstarke Unterhaltung. Du kommst dir mit einem Male wieder deutlich unsicherer vor und reckst den Hals, um die Szenerie zu überblicken: Der Orkanführer hat Platz genommen und beißt heftig in eine Fleischkeule. Der Norbarde indes umrundet nervös das Lagerfeuer und lässt seinen kalten Blick abschätzend über die Goblins wandern. Kurz bleibt sein Blick an eurem Gebüsch heften, dann wendet er sich wieder seinem Gesprächspartner zu.
„Wir haben genug gesehen, Beorn, bitte!“ versuchst du es erneut, deiner Stimme jetzt die nötige weibliche Eindringlichkeit gebend.
„Na gut, ich glaube auch. Ich habe …“ beginnt Beorn, hält dann aber jäh inne und schaut dich panisch an. Auch du hast es gespürt. Der Boden unter euch bebt, wie unter den Hufen einer aufgescheuchten Rinderherde. Und irgendwo hinter euch erklingen das Krachen von brechenden Ästen und ein seltsam tiefes Grollen. Zunächst schaust du angestrengt in die schwarze Tiefe des Waldes um dort den Ursprung dieser beunruhigenden Vorzeichen zu entdecken. Da du jedoch nichts erkennen kannst, drehst du dich hektisch wieder herum. Beorn krallt sich indes mit der linken Hand in deinen Oberarm. „Mirya, was ist das?“
„Ich weiß es nicht … aber die Wegelagerer scheint es ebenso zu beunruhigen wie uns …“ stellst du fest, denn sowohl Orks als auch Goblins sind aufgesprungen und schauen mit angsterfüllten Blicken genau in eure Richtung. Der Norbarde hat in seiner rastlosen Wanderung innegehalten. Einzig in seinem Blick spiegelt sich im Wiederschein des Feuers wilde Entschlossenheit, als er den schweren Streitkolben an seiner Seite aus dessen Halterung löst und angriffsbereit erhebt. Ruhig aber entschlossen bellt er kurze, unverständliche Worte, die offenbar den Umstehenden gelten.
Der Boden unter euch bebt jetzt so sehr, dass du nicht mehr neben Beorn hockst, sondern längst seitlich umgekippt bist und liegst. Dein Arm beginnt langsam taub zu werden, so sehr hält Beorn sich an dir fest. „Mirya …“ stammelt er nur noch mit wilder Panik in der Stimme. Sein Körper bebt ebenso sehr wie der Boden unter euch. Da plötzlich schlägt neben euch die obere Hälfte eines kleinen Baumes ein, die mit einem sauberen Schnitt vom Rest des Stammes getrennt wurde. Eine gewaltige Kreatur von mindestens 5 Schritt Höhe und gewaltigen Ausmaßen setzt über euch hinweg. Gerade noch rechtzeitig werft ihr euch flach auf den Boden, als der riesige, fellbestiefelte Fuß das Gebüsch vor euch platt tritt. Als du den Kopf wieder hebst sind in dem Lager die Niederhöllen ausgebrochen. Die riesige, menschenähnliche Gestalt hat mit einem einzigen Schlag mit der Querseite ihrer ebenso gewaltigen Axt einen der Goblins an den nächsten Baum geschleudert der daran abprallt und leblos im Wurzelwerk liegenbleibt. Das Ungetüm setzt in diesem Augenblick zum nächsten Schlag an und du vergräbst deinen Kopf schnell wieder zwischen deinen Armen, als du erahnst, dass die Axt den nächststehenden Ork treffen wird – diesmal aber mit der Schneide des Mordinstruments. Einen Herzschlag lang bist du noch wie gelähmt. Die schrillen Schreie der grobschlächtigen Wesen und die panischen fremdartigen Rufe dort am Feuer tun ihr übriges, dass es dir kaum gelingt einen klaren Gedanken zu fassen. Dann aber besinnst du dich. Es macht keinen Sinn hier liegenzubleiben und darauf zu warten von der Axt getroffen oder tot getrampelt zu werden …
Nichts wie weg hier! „Beorn, komm mit! Lauf um dein Leben!“ Satuaria sei dank ist das Ding über uns hinweggesetzt und wir sind in seinem Rücken… Hals über Kopf trete ich die Flucht an und versuche Beorn mit mir zu ziehen (bleibt mir dank der festgekrallten Hand wahrscheinlich ja gar nichts anderes übrig). Über eventuelle Verfolger mache ich mir erst Sorgen, wenn ich mindestens 100 Schritt zwischen mich und das Ungetüm gebracht habe. Und dann erst wird mir langsam klar, dass das riesige Wesen ja gezielt das Lager angegriffen hat und vielleicht ja eine ganz bestimmte Rechnung mit den Orks offen hatte. Wobei, ob man von da oben wohl so genau zwischen kleinen und noch kleineren Zweibeinern unterscheiden kann??? Unsicher verlangsame ich meine Schritte etwas und sehe mich vorsichtig um.
Du atmest schwer und bemerkst erst jetzt die vielen kleinen Schnitte und Blessuren, die du dir zugezogen hast, als du mit Beorn im Schlepptau wie von Hesinde verlassen durchs Unterholz geprescht bist. Auch deine Kleidung hat einiges abbekommen. Deine Bluse und auch dein Rock sind an etlichen Stellen zerrissen, als sie sich in herabhängenden Ästen von Bäumen oder Büschen verhakt hatten. Nichts hatte dich auf der Flucht aufhalten können und erst jetzt, als du dich schwer atmend umdrehst kommst du wieder richtig zu Verstand. Offenbar hat euch niemand verfolgt, denn um euch herum ist es absolut still. Nur von Ferne hörst du den Kampfeslärm, laute Rufe oder das Grollen dieses riesigen Ungetüms. Ein bisschen erinnerte dich die Silouette des Monsters an den Brückentroll, den Lanan im Laufen besiegte, als ihr Xanteles Feste einnahmt …
Du wirfst einen Blick auf Beorn. Dieser hat die Hände auf den Oberschenkeln abgestützt, den Körper nach vorne gebeugt und schnappt noch immer sehr außer Atem nach Luft. In seine Japser mischen sich immer wieder heftige Schluchzer, als ob sich ein Kleinkind in Erschöpfung geschrien hätte. Du starrst noch einmal angestrengt in die Dunkelheit. Deine Orientierung hast du – Satuaria sei’s gedankt – nicht verloren und so kannst du genau ausmachen, in welcher Richtung das Lager liegt. Aber noch immer ist kein verdächtiges Rascheln zu hören, das auf Verfolger hindeuten könnte.
„Mirya, was war das? Wie kommt ein solches Ungetüm in diesen Wald?“
„Ich weiß es nicht genau, es könnte ein Troll gewesen sein, oder ein Schrat. Vielleicht war’s auch ein Riese.“ mutmaßt du mit einem Blick zurück zum Lager.
„Es tut mir so Leid, ich hätte nicht … oh, wäre ich doch nie an dieses verfluchte Lager herangeschlichen.“ schimpft Beorn jetzt, immer wieder nach Luft schnappend. Du legst ihm beruhigend den Arm um die Schulter. „Lass mal gut sein, du konntest ja nicht ahnen …“
In diesem Augenblick raschelt es im Gebüsch und du drehst dich erschrocken um, um dich gleich wieder zu entspannen. Dir wallt eine vertraute Aura der Beruhigung entgegen und im fast gleichen Augenblick kommt Eikiko herangesprungen.
„Oh Eikiko, ich bin ja so froh, dass du da bist!“ er springt auf deine Hand und schaut dich fragend an. Er lässt dich wissen, dass auch er die Erschütterungen gespürt hat, konnte sie aber offenbar nicht zuordnen. Da sie aber von weiter weg kamen, störte er sich nicht weiter daran. Außer der Unruhe über euer erschrecktes Aussehen scheint Eikiko also gut aufgelegt. Beorn ringt sich ein mattes Lächeln ab und streichelt Eikiko über den Rücken. Die Anwesenheit deines fröhlichen, sorglosen und vor allem harmlosen Gefährten scheint ihn zu beruhigen.
„Da sind wir ja noch einmal mit dem Schrecken davongekommen“ versuche ich Beorn weiter aufzumuntern. „Alle Wetter, soetwas ist mir noch nicht passiert! Ich denke wir sollten das Kräuter suchen für heute gut sein lassen und ich mache uns zuhause einen kräftigen Tee, was meinst du? Solange die dort oben kämpfen haben wir dort sowieso nichts verloren. Am besten kehren wir morgen bei Tageslicht mit Verstärkung zurück – die Spur dieses Ungetüms dürfte sich ja nicht allzuschwer wiederfinden lassen – wenn wir uns wirklich in dessen Heimstatt vorwagen sollen – immerhin hat es euch bisher in Ruhe gelassen, vielleicht tut es das auch weiterhin, wenn ihr es nicht verärgert. Egal. Auf jeden Fall sollten wir uns das Lager später noch einmal anschauen, vielleicht finden wir heraus, was diese Meute hier wollte. Aber jetzt wärmen wir uns erstmal auf und schütteln die Schatten ab, was meinst du?“
Während ich spreche lege ich beruhigend meine Hand auf Beorns Schulter und beginne ihn sanft Richtung Waldrand zu schieben.