Eifriges, fremdartiges Plappern zieht dich aus der tiefen Schwärze, die dich eben noch umgeben hat. Zunächst ist es nur die fremde Sprache, die dein sein erfüllt. Dieses leicht hysterische Geschwätz einer weiblichen Person. Dann aber beginnst du deinen Körper zu spüren und dein Bewusstsein kehrt ins Hier und Jetzt zurück. Das tiefe Schwarz ist einem diffusen rot gewichen. Du kannst und willst dich noch nicht bewegen. Du tust einfach so als schliefest du noch immer, als um dich herum der Besitzer dieser ganz und gar unmelodischen Stimme eifrig und eilfertig mal hierhin mal dorthin eilt. Für einen Augenblick konzentrierst du dich auf deinen Kopf, der unangenehm pocht. Du versuchst zu rekonstruieren, was dich eigentlich in diese Lage gebracht hat, dämmerst dann aber noch einmal ein.
Als du das abermals erwachst, erschreckst du dich ganz fürchterlich. Geräuschvoll schluckst du deine eigene Sabber, die dir scheinbar aus dem Mund gelaufen ist und setzt dich auf. Völlig desorientiert schaust du dich um. Du liegst auf einer großen Bettstatt mit einem dicken weißen Kopfkissen und einer ebenso dicken weißen Bettdecke. Ein Wolkenreich denkst du kurz und musst an Preidan und seine Wolkentiere denken. Ach ja, Preidan …. Langsam setzen sich deine Sinne zusammen und du kannst über den Rand deiner Bettstatt hinwegsehen. Du musst im inneren der menschlichen Behausung sein. Dich umgibt ein viereckiger Raum mit wenigen Möbeln und einem großen Fenster, durch das die Mittagssonne hereinscheint und dir in den Augen brennt. Dir ist schwindelig, latent übel und dein Magen rumort unangenehm.
Trotzdem raffst du dich auf und quälst dich aus deinem Bett hoch. Wackeligen Schrittes schleichts du auf ein Möbelstück zu, auf dem zu deiner großen Freude eine weiße Schüssel und ein Krug mit Wasser auf dich warten. „Die Leute hier sind aber auch zu einfallslos“ denkst du mit Blick auf die Farbigkeit von Schale, Schrank und Bett, als du dir mit dem kühlen Nass das Gesicht gewaschen hast. Zwar pocht dein Schädel noch immer, aber zumindest den Schwindel hast du im Griff, als du orientierungslos das Zimmer verlässt und dir mehr oder minder intuitiv deinen Weg ins Erdgeschoss bahnst. In einem großen Raum mit vielen Tischen wartet die Frau von gestern auf dich, begrüßt dich freundlich mit schüttelndem Kopf und platziert dich energisch an einem der Tische. Zwei jungen Burschen, die dir erst jetzt auffallen, raunt sie mit einem Seitenblick auf dich etwas zu. Der eine verlässt darauf eilig den Schankraum, der andere verschwindet hinter dem, was die Leute hier als Theke bezeichnen durch eine Tür in einen Nebenraum. Kurze Zeit später kommt er mit einem Korb herrlich duftenden Brotes, einigen Tiegeln Beerenmuss und einer Kanne voll Milch zurück und stellt alles vor dir auf den Tisch. Dir ist noch so gar nicht nach Essen zumute. Du stützt die Ellenbogen auf den Tisch und bettest deinen Kopf in deinen Händen. So kannst du nachdenken und dir über die genaue Situation klar werden. Der Schankraum in dem du dich gerade aufhältst weckt so nach und nach einige Erinnerungen an den vergangenen Abend …
Richtig! Lustig war es gestern noch geworden … nach der Geschichte mit den bösen Männern. Die Leute hier kleiden sich zwar alle eher einfarbig, aber wie man ordentlich feiert wissen sie durchaus. Musik hatte es gegeben, reichlich Essen … und getanzt wurde auch. Stimmt! Du hattest mit vielen fremden Menschen sehr viel Spaß. Der rote Saft, dem du reichlich zugesprochen hattest, hatte dich allerdings etwas aus dem Konzept  gebracht. Alles fühlte sich ganz lustig weich an und absurderweise musstest du noch mehr lachen als du das sonst schon tust. Mit dem zauberischen Schabernack klappte es irgendwann gar nicht mehr. Offenbar war es auch der rote Saft – der Wein, wie dir gerade einfällt – der den Ausgang des Abends in Nebelschwaden hüllt und für deine Wissenslücken verantwortlich ist. Wo wohl Preidan hin verschwunden ist? Und wo die lustigen Leute jetzt alle sein mögen? Immerhin bist du jetzt die Einzige hier im gleichen Raum, der gestern noch zum bersten mit Menschen gefüllt war. Vermutlich besitzen sie alle ihre eigene kleine Behausung. Jetzt wo ein Teil der Erinnerung zu dir zurückgekommen ist, macht sich ein sehr zufriedenes, wohliges Gefühl in dir breit. Du streckst dich, reibst dir aus einem Impuls heraus durch das Gesicht und beschließt, dass du jetzt gefälligst zu essen habest. Wann wird einem schon mal so ein festliches Mahl kredenzt.

Schneller als dir lieb ist, setzt, nachdem du alle Leckereien einmal gekostet hast,  schon wieder ein Sättigungsgefühl ein. Als du alle Tiegel von dir geschoben hast erkundigt sich die dicke, freundliche Frau mit der komischen Haube nach deinem Wohlbefinden – so jedenfalls vermutest du. Du reagierst darauf, indem du an dir geeignet scheinenden Sprechpausen den Kopf schüttelst oder eifrig nickst.

Da kommt Preidan mit Wächter zur Tür herein. Das spornt deine Lebensgeister weiter an. Du springst auf und begrüßt beide freudig. Preidans Nasenrücken hat eine violette Färbung angenommen und seine Lippe scheint leicht geschwollen. Eben versuchst du wild gestikulierend herauszufinden, wohin Preidan gestern wohl verschwunden ist und wann, als dein Gesprächseinstieg sogleich von drei Neuankömmlingen unterbrochen wird. Drei Männer kommen zu Tür herein. Zweie sind wie die Männer gestern in Eisen gehüllt. Ein dritter wohlbeleibter Herr mit buschigen Koteletten, einem weiten mit Pelz besetzten Mantel und einer für seine Leibesfülle recht enge Hose geht in der Mitte. Du lachst etwas belustigt, als er zielstrebig auf dich zukommt und dich mit großer Geste und überschwänglicher Freundlichkeit in der Stimme begrüßt. Eitel wie er ist bemerkt er gar nicht, dass du sein Gehabe sofort aufgreifst und ihn spiegelbildlich begrüßt. Seine zwei Begleiter jedenfalls scheint das zu amüsieren. Nach seinem kurzen Redeschwall zwängt sich Preidan zwischen euch und mischt sich in das Gespräch. Er wirkt recht unsicher, wie er da mit dem ihn in Leibesfülle und Körpergröße überragenden Gockel parliert. Dann wendet er sich dir zu: „Sari … kommen … mit … uhhhnnnnsss?“ Das letzte Wort unterstreicht er mit einer kreisenden Geste, schließt es offenbar alle Herumstehenden ein. Gute Gelegenheit die Stadt noch etwas besser kennenzulernen denkst du und nickst wieder einmal eifrig: „Sari … kommen … mit … Preidan.“

Veröffentlicht von Meister

Die Mächte des Schicksals.