Kaum eine Viertelstunde später befindest du dich in der nächsten skurrilen und für dich völlig neuen Situation. Deine Führer haben dich in ein großes ‚Haus‘ (wie du jetzt weißt) gebracht. Preidan hatte dir beim erklimmen der Eingangstreppe zu erklären versucht, was es mit diesem Haus auf sich hat, aber du hast es nicht recht verstanden. Jetzt jedenfalls siehst du dich umringt von einer Gruppe meist männlicher Gockel, die dich allesamt neugierig taxieren. Gockel, weil die Herrschaften hier ein ähnlich hochnäsiges Gebaren an den Tag legen, wie derjenige, der dich abgeholt hatte. Man hat in einem Stuhlkreis Platz genommen und Preidan und dir einen Stuhl neben einer alten Frau in einem grünen Kleid angeboten. Die Frau hat Ihre Kopfbedeckung unter ihrem Kinn zusammengebunden, was dich extrem belustigt, herrscht doch hier drinnen gar kein Wind. Sie jedenfalls scheint über die Tatsache, dass du über sie lachst nicht erfreut zu sein und ignoriert sowohl dich als auch Preidan so gut sie nur kann. Ihr zwei könntet aber auch nicht deplatzierter wirken als zwischen diesen augenscheinlich so prunkvoll gekleideten Gestalten. Du in deinen bunten Lumpen, bei jeder Bewegung lustig klingend, und Preidan barfuß, mit Leinenhose und Wollweste. Im Gegensatz zu dir scheint ihn dieses Missverhältnis einzuschüchtern. Er strahlt ein großes Unwohlsein aus.

Als sich Ungeduld in dir breitzumachen droht, beginnt endlich einer der Männer, ein greiser Mann mit schlohweißem Haar, der auf dem einzigen Stuhl auf einem Podest sitzt, zu sprechen. Er redet recht lange, so dass du dir die Zeit damit vertreibst deine Nebensitzerin nachzuahmen. Nach kurzer Zeit ist diese darüber so empört, dass sie sich demonstrativ von dir wegdreht. Das animiert dich dazu an der Schleife ihres Hutes zu fingern, worauf sie sich energisch erhebt und dem Redner auf dem Podest lautstark ins Wort fällt. Sie schimpft wie eine Eichendryade im Herbst, das kann man am Tonfall deutlich erkennen. Auch dass es um dich geht ist dir klar, denn immer wieder zeigt die spitznasige Vogelscheuche mit spitzem Finger auf dich. Du setzt eine Unschuldsmine auf und schaust bewusst etwas eingeschüchtert in Richtung Podest. Der Alte wartet den Redeschwall geduldig ab, kann die Frau mit sonorer Stimme und einer beruhigenden Gestik dann aber wieder beruhigen. Mit einem schnippischen Schnauben nimmt die Dame wieder Platz und dreht den Kopf so weit von dir weg, wie dir eben möglich ist. Du indes lässt ein beinahe unhörbares Hühnergegacker verlauten.

Der tiefe Bass des Alten und sein für deinen Geschmack viel zu langer Redeschwall  hatten dich beinahe einschlafen lassen, jedenfalls hast du gerade für einen Augenblick die Augen geschlossen, als Preidan dich in die Seite stößt. Der Alte nennt deinen Namen … offenbar hat er dich direkt angesprochen. Desorientiert schaust du dich um, als stünde eine passende Erwiderung in einem der Gesichter der Anwesenden geschrieben. Der Redner bemerkt, dass du ihn offenbar nicht verstanden hast und wiederholt seine Worte noch einmal. Diesmal erkennst du das Wort Hilfe. Und Hilfe scheint das zu sein, was die Leute gestern so froh gemacht hatte … offenbar war es eine Hilfe, dass du den bösen Mann Ohnmächtig geschlagen hattest. Hilfe muss es gewesen sein, was man gegen die ganze Gruppe der bösen Menschen brauchte und worauf man so lange gewartet hatte. Und wenn du das gerade richtig interpretierst, sollst du so eine Hilfe nochmal bringen …

Das gefällt mir! Den Leuten Freude und Spaß zu bereiten ist doch mein einziges Anliegen. Wie ich ja mittlerweile festgestellt habe, scheinen meine Artgenossen ein etwas tristes Dasein zu fristen. Ich stelle mich also hin, ahme das wichtigtuerische Gehabe nach, mache eine große Geste, lächle freundlich und sage: „Ich Sari … Stadt komme … Hilfe. Menschen lachen machen.“ Oh, das reimt sich.

Deutlich fällt die Anspannung der im Kreis sitzenden ab. Wieder applaudiert man dir und du verbeugst dich tief.  Alles erhebt sich und das geordnete Reden von eben wird von einem bunten Durcheinander an Stimmen abgelöst. Das erinnert dich ein wenig an den gestrigen Abend und du klatscht freudig in die Hände.  Der Gockel, der dich schon zu dieser seltsamen Versammlung brachte umfasst deine Schultern und drückt dich. Offenbar eine Geste der Freundschaft, obwohl sich die körperliche Nähe dieses Mannes eher unangenehm anfühlt.
Du wirst nach draußen geführt, wo dich vor dem Gebäude eine kleine Menschentraube empfängt und im Chor: „Sari! Heldin!! Sari! Heldin!!“ ruft. Wieder winkst du freudig.

Was für ein tolles Gefühl es ist, so im Mittelpunkt zu stehen und von allen bewundert zu werden. Ich freue mich wirklich. Dann schaue ich mich allerdings nach Preidan um. Immerhin weiß ich eigentlich noch gar nicht, wo ich diese Hilfe, die die Leute brauchen, hernehmen soll. Irgendwer muss mir das ja mal in Ruhe erklären. Wenn ich ihn irgendwo sehe, steuere ich auf ihn zu und frage: „Kommst Preidan mit Hilfe geben Sari?“

Preidan schaut dich sichtlich verunsichert und mit schiefem lächeln an. Etwas nervös streicht er sich  eine Haarsträhne aus dem Gesicht, während sein Blick immer wieder von seinen nackten Füßen zu dir und wieder zurück wandert. Dann strafft er sich allerdings und nickt entschlossen. „Preidan hilft Sari.“

Von dem Gockel und seinen zwei Begleitern werden Preidan, Wächter und du dann zurück auf den Platz mit den kleinen Holzbehausungen gebracht, dem Ort deiner Heldentat. Der Gockel steuert zielstrebig verschiedene Behausungen an und lässt sich von den Besitzern einige Stücke der dort gelagerten Waren überreichen. Du bist freudig entzückt, als man dir einige Äpfel, ein Stück Wurst, Käse und andere Leckereien überreicht. Manchmal kommen fremde Menschen auf dich zu und hängen dir kunstvoll aussehenden Schmuck um den Hals, reichen dir die Hand oder klopfen dir freundlich lachend auf die Schulter.
„Kehehe, na da hast du dir ja eine lustige Geschichte eingebrockt!“ meckert es da von oben. Der Kobold von gestern hat auf dem Kopf deines Wohltäters Platz genommen, der seinen blinden Passagier aber nicht zu bemerken scheint. „Warum? Was wollen die denn von mir? Was ist dieses ‚Hilfe‘ und wo bekomme ich es her?“ fragst du, woraufhin sich der dicke Mann nach dir umschaut. Als du ihn kurz angrinst und den Kopf schüttelst wendet er sich irritiert zurück. Offenbar hat er beschlossen, dass du wohl nicht mit ihm gesprochen hast. „Kehehe, die Leute hier haben Angst vor einem drachenartigen Monster im Wald. Und weil du ja eine so große Heldin bist, sollst du das Getier jetzt erlegen und die Leute von ihm befreien. Hilfe ist kein Gegenstand, Hilfe kommt von helfen. Kehehe!“

„Ups!“ rutscht es mir spontan raus. Na, da hab ich mich ja in eine tolle Situation manövriert. Ein Monster also … und ich soll auch noch kämpfen. Ach, denke ich bei mir. Viele Monster sind ja viel weniger schlimm als ihr Ruf und außerdem … wenn schon das Niederschlagen des bösen Mannes solchen Freudentaumel verursacht, dann kann ich bestimmt auch die ganze Stadt zum Feiern bringen, wenn ich den Drachen dazu bringe, die Leute in Ruhe zu lassen. Ich werde mir dieses Ungetüm mal anschauen (MU-Probe gelungen).

Ungefähr zwei Stunden später, es ist früher Nachmittag, stehen Preidan und du wieder dort, wo ihr euch erstmals begegnet seid. Eine gute Weile außerhalb der Stadt auf dem Steinfluss namens Straße. Du hast ein bunt besticktes Säcklein mit allerlei Lebensmitteln und Naschwerk umhängen, in dem du auch die Ketten, Talismane und Fetische verstaut hast, die dir die Stadtleute mit auf den Weg gegeben haben. Auf dem Markt hattest du dir ein buntes Tuch ausgesucht, das du dir um die Hüften geschlungen hast und der Gockelmann hatte dir einen Dolch in einer schön bemalten Scheide überreicht. Sehr praktisch beim Portionieren von Essen.
Preidan hatte Wächter „nach Hause“ gebracht und war mit einer ledernen Umhängetasche, seinem Strohhut und einem Wanderstab zurückgekommen. Seine offensichtliche Nervosität konntest du durch deinen unerschütterlichen Optimismus zerstreuen und so macht ihr euch fröhlich lachend auf ins Unbekannte.

Veröffentlicht von Meister

Die Mächte des Schicksals.