Abermals musst du vor einer hölzernen Tür halt machen. Diese ist aber längst nicht so wuchtig wie die erste und zu deinem Glück weist sie einige größere Spalten und Kerben auf, durch die du hindurch blinzeln kannst. Stimmen dringen dir ans Ohr. Du blickst in einen Raum, der die Bezeichnung Höhle nicht recht verdient. Er gleicht alles in allem eher einem Wohnraum. Ein offener Gang geht linkerhand und zwei Türen rechterhand von ihm ab.

Die Mitte des Raumes wird von einem wuchtigen Tisch eingenommen an dem eine humanoide Gestalt sitzt, die dir den Rücken zugewendet hat. Du hattest angenommen zwei unterschiedliche Stimmen ausmachen zu können, aber das Wesen scheint allein im Raum zu sein.
Während es für dich unverständliche Worte scheinbar zu sich selbst brabbelt, schiebt es hohe Stapel Münzen von rechts nach links und beginnt sogleich neue Münzen aufzustapeln. Du weißt, dass die Menschen diese runden Taler als Zahlungs- und Tauschmittel benutzen. Dir leuchtet das Prinzip nicht ganz ein, aber wenn du es richtig verstehst hat diese seltsam geduckte Gestalt eine ganze Menge zum tauschen hier angesammelt. Fasziniert beobachtest du weiter, wie die Gestalt mit einer Feder und Tinte fahrig über den Tisch bzw. dort liegendes Papier fährt. Um den Stuhl herum liegen vollgeschriebene Blätter, Säcke mit weiteren Talern, Ketten, Talismane, Edelsteine und vieles an glitzerndem Tand mehr herum.  Links neben dem Tisch steht eine Kiepe, auf der einige Säcke aufgestapelt sind. Die Kiepe zeigt in Richtung des Durchgangs, der sanft abfällt und tiefer in das Höhlensystem hineinführt.

Die letzten zwei Dinge, die deine Aufmerksamkeit erregen, sind eigentlich das Bemerkenswerteste hier im Raum. Auf dem Tisch steht zwischen all den Talertürmen eine große gläserne, verkorkte Flasche in der grauer Nebel wabert. Der Nebel scheint ein irgendwie geartetes Eigenleben zu führen. Deine Sinne mögen dir einen Streich spielen, aber erscheinen  da nicht allenthalben Augen im Nebel und formen zusammen mit dem organischen Grau eine irre Fratze?
Der zweite Gegenstand, den du beim Herumschauen noch in dein Blickfeld bekommst, ist ein etwas im Hintergrund stehender, an einer Kette aufgehängter, goldener Käfig. In dem Käfig sitzt traurig ins Leere starrend ein Vogel, dessen buntes Federkleid über seine trostlose Situation nicht hinwegtäuschen  kann.

Du denkst gerade darüber nach, wie du dich am besten in den Raum hineinschleichen könntest, ohne die Aufmerksamkeit des Einwohners auf dich zu ziehen, da erhebt sich die Gestalt. Zuvor hatte sie einen Sack voller Taler klirrend auf die Kiepe geschmissen. Jetzt macht sie Anstalten die Kiepe wegzukarren.
Der Eindruck es mit einer menschlichen Gestalt zu tun zu haben bestätigt sich als das Wesen aufsteht, allerdings ist diese seltsam verwachsen und irgendwie … zweigeteilt.

Auf der linken Kopfhälfte fällt schlohweißes Haar in fettigen Strähnen spinnwebartig auf die knochigen Schultern. Nach rechts hin geht das Gespinst in ein kurzes struppiges Fell über. Die linke Extremität endet in so knochigen Fingern, dass beinahe der ganze Arm von dem eines Skeletts kaum zu unterscheiden ist. Die rechte Hälfte wiederum ist muskelbepackt und kräftig. Sie erinnert dich vage an die Gestalt eines Stollentrolls. Die wuchtige Schulterpartie bildet einen ausgeprägten Buckel, die Haut ist borkig und vor allem an Schulter, Ellenbogen und Knie verhornt, als ob Bergkristalle oder gar Edelsteine dort wachsen würden. Überhaupt hat die dunkle Haut dieser Körperhälfte einen leicht metallisch, goldenen Schimmer. Bekleidet ist das Wesen mit Lumpen, die vielleicht mal edle Kleidung gewesen sein mögen – jedenfalls was die Menschen darunter verstehen – an denen aber auch der Zahn der Zeit sehr stark genagt hat.

Jetzt, da das Wesen dir seine linke „alte“ Hälfte zuwendet, findest du deinen Eindruck, es handle sich um die Gestalt eines alten Mannes, bestätigt. Das Gesicht ist tief zerfurcht und vom Alter mehr als gezeichnet … eher zerstört. Die Haut ist blass und über und über mit Altersflecken übersät. Die Stirn reicht weit zurück und das Auge sitzt tief in seiner Höhle.

Diesen Eindruck straft Lügen, mit welcher Behändigkeit es die Kiepe davon manövriert. Deine Chance ist gekommen. Zunächst stellst du erleichtert fest, dass die Tür nicht verschlossen ist und du so keine Zeit verlierst dieses Hindernis zu überwinden. Auf Zehenspitzen schleichst du in den Raum hinein, schließt hinter dir die Tür und gehst zunächst deiner Intuition folgend rüber zu dem goldenen Käfig. Das Monster – so möchtest du das grässliche Männlein fast bezeichnen – hat so unsagbar viele Schätze, Edelsteine und Kristalle gesammelt, wie man es sich kaum vorstellen kann. Abgesehen von dem faszinierenden, bunten Funkeln dieses Schatzes findest du das alles hier aber irgendwie trostlos.

Als du an dem Käfig ankommst, stutzt du. Hier sitzt gar kein Vogel im Käfig, sondern ein possierliches Eichhörnchen. Ein besonders stattliches Exemplar seiner Gattung noch dazu. Kann dich dein Blick denn so getäuscht haben. „Schau doch nicht so ungläubig, Schelmchen.“ lässt mit einem Male das Eichhörnchen verlauten. Dir wird schlagartig bewusst, mit was du es hier zu tun hast. Das ist kein Tier, das ist ein Wechsling. Ein sehr zaubermächtiger Kobold, der immerzu seine Gestalt verändert. Und ein solcher Geselle eingesperrt! Das ist wirklich ungeheuer! „Aber wie … warum? Wie hat diese Kreatur geschafft dich hier einzusperren?“ raunst du. „Oder ist das dein Freund?“
„Weiß der Necker, ganz sicher nicht. Diese scheußliche Gestalt hat meinen wahren Namen herausgefunden und hält mich nun schon seit ewigen Zeiten hier gefangen. Ich stehe in seinen Diensten und kann gar nichts dagegen tun. Und was viel schlimmer ist: Mit dem Wesen des Chaos dort in der Flasche verkehrt und pervertiert er meine schöne Magie!“ Dem Wesen kullert eine dicke Träne aus dem Auge. Welches Martyrium dieser dir doch irgendwie Verwandte durchlebt haben muss.
„Mach dir keine Sorgen, ich hole dich hier raus! Nur sag schnell …“ antwortest du und schaust dich dabei ängstlich Richtung Gang um, aus dem du ein regelmäßiges Klimpern hören kannst „… hast du einen anderen Menschen hier herumlaufen sehen? In Etwa so groß wie ich, männlich. Sehr trist gekleidet und barfuß.“
„Nein, so jemanden habe ich nicht gesehen. Aber vor einem Stundenglas kam mein Meister mit einem großen Sack, in dem jemand strampelte und um Hilfe schrie. Er hat ihn nach drüben gebracht. Du musst ihn unbedingt retten. Was der Meister mit ihm vor hat ist furchtbar!“ quakt jetzt ein leuchtend grüner Frosch mit großen, feuchten, blauen Augen.
Da du ohnehin die Schritte des zurückkehrenden Männleins hörst, zögerst du nicht lange und schleichst durch die Tür, die der Wechsling dir mit „da drüben“ gewiesen hat. Schnell raunst du noch „Wir holen dich hier raus“, ehe du hinter der Tür verschwindest.

Der Raum wird spärlich von einer einzelnen Pechfackel erhellt und ist in Etwa so groß wie der Raum nebenan, kreisrund, aber ohne weitere Türen. Die Mitte wird eingenommen von einer großen sternförmigen Zeichnung auf dem Fußboden. Eine Einlegearbeit, wie du auf den zweiten Blick gedanklich korrigieren musst. Um den Stern herum ist ein Kreis gezeichnet auf dem in regelmäßigen Abständen Kerzen stehen, die zum Teil weit heruntergebrannt sind. In den fünf Zacken des Sterns hat man Ketten montiert, die im Fußboden verankert sind. Obwohl du die Gesamtkonstruktion nicht verstehst legt sich bei seiner Betrachtung ein beklemmendes Gefühl um deine Brust.

Am Kopfende des Raumes gegenüber der Tür steht ein Tisch mit verschiedensten Utensilien darauf. Links und rechts davon stehen unterschiedlich große Käfige und Holzverschläge. Sie sind alle leer, wie du beim Hineinblicken durch die winzigen Gitterfenster enttäuscht erkennen musst. Da fällt dir ein brauner Leinensack auf, der von der Decke hängt. Etwas Menschengroßes muss sich darin befinden. Der Leinensack ist verschnürt und an einem Haken an einer Kette aufgehängt. Die Kette verläuft durch eine Öse  in der Decke und dann weiter zu einer Vorrichtung in der Wand. Das ist es! Du kannst an der Vorrichtung an einer Kurbel drehen und damit den Sack langsam auf den Boden senken. Du bist dir sicher, dass sich Preidan in dem Sack befinden muss, traust dich aber auch nicht dieses durch leises Rufen zu prüfen. Stattdessen machst du dich sofort an die Arbeit den Sack auf den Boden zu senken. Blöd dabei ist, dass die Kurbel ganz fürchterlich quietscht. So kommst du nur sehr langsam voran und musst dich immer wieder nach der Tür umschauen, ob dich vielleicht der Hausherr gehört hat.

Als der Sack den Boden berührt stöhnt darin jemand kurz auf. Du schnürst mit hektischen Fingern den Sack auf. Zwei schmutzige Füße schauen dir entgegen. Au weia, der in dem Sack eingesperrte musste kopfüber in dem Sack an der Decke gehangen haben. Er beginnt jetzt zu strampeln und bei der Befreiung zu helfen. Du stellst denjenigen auf die Füße und ziehst ihm dann den Sack über den Kopf. Es ist Preidan! Er schaut dich mit hoch rotem Kopf an und schließt dich erleichtert lachend in die Arme. „Sari, ich dachte schon ich müsste hier als Futter für diesen Irren enden. Oder besser dieses Irre.“ „Schon gut Preidan“, antwortest du und schüttelst ihn von dir ab, „Sari Leute lachen machen.“ Als du etwas zurücktrittst bemerkst du, dass sich auf seinem Bauch und an den Rippenbögen dicke Blutergüsse und rote Stellen zeigen. Als du fragend auf seinen geschundenen Körper zeigst zieht er peinlich berührt seine Weste enger. „Kampf Sari. Das Wesen hat nach mir getreten als ich mich im Sack gefangen gewehrt habe.“ Er imitiert zunächst einen Tritt und zeigt dann auf den Sack. Du verziehst den Mund. So eine gemeine Kreatur.

„Kommst se, voran, voran“,  meinst du zu Preidan und schleichst dich dann zurück zur Tür. Vorsichtig lugst du hindurch, in der Hoffnung dass das seltsame Männlein gerade nicht die Tür beobachtet. Tatsächlich befindet sich die Tür etwas abseits und da du sie nach innen aufziehen kannst hast du einen guten Blick auf den Schreibtisch. Das Wesen müsste rechts herüber schauen, wenn es dich sehen wollte. Wie du feststellst ist es aber gierig keckernd dabei, weitere Stapel aus den vielen Münzen aufzustapeln und mit der weißen Feder in der Pranke behände über weißes Papier zu fliegen. „Was soll das nur“, denkst du bei dir.
Das Wesen sieht von dieser Seite aus betrachtet noch viel grässlicher aus als von links betrachtet. Die Fratze ist animalisch mit einem großen, gelblichen Schlitzauge. Aus der metallisch glänzenden Haut stechen wirklich kristalline Strukturen heraus. Die bullige Gestalt ist von einer beinahe greifbar aggressiven Aura umgeben.
Während du noch einen Augenblick fasziniert beobachtest, fällt auf einmal der Blick des Wesens auf die Tür. Erschrocken springst du zurück und drückst Preidan wie vom Minotauros gestochen in einen der Verschläge. Gerade noch rechtzeitig ziehst du die Tür hinter euch zu. Da hörst du auch schon die Tür zum Raum laut krachend aufschlagen. „Was zum Geier?“ fragt das Wesen laut mit kehliger, kratzender Stimme. Da fällt dir ein, dass ja der Sack nicht mehr dort hängt wo das Wesen ihn vermutlich zuletzt gesehen hat. Dein Herz klopft bis zum Hals und das erste Mal in deinem Leben verspürst du echte Angst. Ein Gefühl dass dir so gar nicht behagt.

„Wo bist du, gieriger Dieb?“ zischt es mit einer hohen fisteligen Stimme und bewegt sich wohl im Raum herum. Immer wieder murmelt es mal tief kehlig grollend, mal hoch fistelig geifernd zu sich selbst. Was du immer wieder heraushörst ist das Wort „Dieb“, das es fast ausspuckt. Dann schlägt abermals die Türe, diesmal aber wohl ins Schloss und es herrscht Stille.

Vorsichtig blickst du durch das Gitterfensterchen der Türe des Verschlags. Niemand mehr da.

Raus hier, nur raus hier, beschließt du für dich.

Veröffentlicht von Meister

Die Mächte des Schicksals.