Preidan hinter dir her ziehend eilst du zur Tür. Offenbar hatte das Wesen nur den Spalt gesehen und vermutet sein Gefangener sei entkommen und geflohen. Du lunzt vorsichtig hinaus, kannst aber im großen Raum niemanden entdecken. Wie du gehofft und erwartet hattest, ist das Wesen wohl davongeeilt um den Entflohenen zu suchen. „Ein Glück“, denkst du bei dir.
„Wo ist das Wesen hin?“ fragst du den Wechsling in seinem Käfig.
„Der Meister ist diesen Gang dort runter geeilt. Ich vermute er wird das Feentor genommen haben. Aber weit kann er noch nicht sein.“

„Verdammt, dann müssen wir uns einen anderen Ausgang suchen“, schimpfst du, während du hektisch an dem Vorhängeschloss zum Käfig hantierst. Wie versprochen willst du diesen Ort nicht ohne den kleinen Kobold verlassen. Derweil hüpft Preidan nervös von einem Bein auf das andere und schaut sich immer wieder panisch in alle Richtungen um. Seine Bitten den Käfig Käfig sein zu lassen (so verstehst du ihn zumindest), ignorierst du schlicht. Als er dich dann am Arm zerrt strafst du ihn mit einem so zornigen Blick, dass er von dir ablässt und sich ein Stück zurückzieht.

Nach einer gefühlten Ewigkeit hast du das Schloss geknackt und den Wechsling befreit. Dieser verwandelt sich in ein kleines Wiesel und klettert an deinem Arm herauf auf deine Schulter. Preidan fallen vor Schreck beinahe die Augen aus. Dann beginnt er auf das Wiesel zeigend zu stammeln.
„Kein Zeit Preidan. Kommste se, voran, voran!“ forderst du ihn auf und drückst ihm seinen Wanderstab in die Hand.

Du entscheidest dich aufs Geratewohl zunächst die zweite Tür hier im Raum auszuprobieren und sammelst im Vorbeigehen noch die seltsame Flasche mit dem wabernden Nebel – dem Wesen des Chaos – ein. Zwar macht dir die Flasche ein wenig Angst, aber in Händen des Monsters vermag sie sicherlich furchtbaren Schrecken zu verbreiten, den es in jedem Fall zu vereiteln gilt.

Hinter der Tür wartet ein Gang auf euch, von dem wiederum mehrere Türen zu allen Seiten abgehen. Du verdrehst die Augen. Euch hier unter der Erde hoffnungslos zu verirren empfindest du als ebenso unerfreulich wie dem zornigen Hausherren zu begegnen. Eilig deutest du Preidan die Türen auf der einen Seite auszuprobieren, während du dich daran machst die Türen auf der anderen zu prüfen.

Tür um Tür reißt du auf, doch Fehlanzeige. Offenbar hat sich das Wesen hier unten tatsächlich häuslich niedergelassen und neben einer Schlafhöhle finden sich ein unglaublich stickig, heißer, aber dafür wenig stinkender Abort, eine Höhle in der Speisen eingelagert sind und ein kleiner Speiseraum dazu. Bei einem weiteren Raum scheint es sich um eine Art Abstellkammer zu handeln. In einem siebten Raum ist Heu und Stroh eingelagert. Hinter der achten Tür befinden sich weitere Käfige und Holzverschläge. Alle Räume enden zu eurer großen Frustration in Sackgassen.

Als du die letzte Türe probieren willst, hörst du hinter euch das Geifern und Schimpfen des Herrn dieses Domizils. So zauderst du nicht lang, rufst Preidan zu dir und ihr schlüpft durch die letzte Tür, die du hinter euch zuziehst.

Auch hier schlägt dir eine stickige Wärme entgegen, die dich unwillkürlich aufstöhnen lässt.
Dieser Raum ist groß und wird von Pechfackeln in Wandhalterungen erhellt. Ein wuchtiger, mehrere Schritt breiter Tisch mit lustig aussehenden Apparaturen darauf nimmt das Gewölbe in seiner Breite ein. Eigentümlich ist, dass die Stirnseite des Raumes den Blick in eine große dunkle Halle bietet.
Hoffnungsvoll umrundest du den Tisch und eilst auf den Durchgang zu, als du erschrocken stehen bleiben und dein Gleichgewicht wiederfinden musst. Jenseits des Raumes geht es steil in die Tiefe. Du weißt in welche Halle du hier blickst. Das ist eine leicht erhöhte Ansicht auf den Dom, den du durch das Feentor durchquert hast.
Die Flucht schien dir so nah, aber steil wie es hier hinabgeht, ist der Raum eine Sackgasse wie alle anderen Räume hier auch: „Verflixt und zugenäht!“

Erschrocken fährst du herum, als plötzlich die Tür lautstark krachend aufgeschmissen wird und der Hausherr im Türrahmen steht. „Diebe“ zischt er und plustert sich auf. Du bist froh, dass zumindest der wuchtige Tisch zwischen euch und dem Wesen steht. Preidan hat deine Hand genommen und drückt sich fest an dich. Er zittert vor Angst. Der Wechsling ist als kleine Kröte in einer deiner vielen Rocktaschen verschwunden.
Eine dir bisher unbekannte Entschlossenheit erwacht in dir. Während das Wesen Anstalten macht rechterhand den Tisch zu umrunden machst du maßvolle Schritte nach links in die entgegensetzte Richtung. Als es das bemerkt schlägt es die andere Richtung ein. Gegengleich änderst auch du die Richtung.
Dieses Spiel gefällt dir: Das Wesen kann euch nicht erreichen, möchte euch zwar fangen, will aber auch den Weg zur Tür nicht freigeben. „Klare Zwickmühle“ feixt du fröhlich auf Koboldisch und setzt auf Garethi nach: „Wir nix Diebe“ und wieder auf koboldisch: „Was immer das bedeutet.“

Du stellst die störende Flasche ab, beugst dich weit über den Tisch herüber und streckst dem Wesen jetzt mutig die Zunge heraus. Provoziert schnellt er nach vorn und ragt mit seinem Monsterarm nach dir. Du bist schneller und es schmeißt dabei nur einige der auf dem Tisch stehenden Gefäße herunter. Mit einem lauten Knall zerbirst ein kugelförmiger Glaskolben auf dem steinernen Boden und rosafarbener Dampf steigt auf.
„Soso“ denkst du laut, schnappst dir einen anderen Glaskolben vom Tisch, zielst kurz auf das grässliche Wesen und schmeißt dann den Behälter nach ihm. Es kann zwar beiseite springen, aber knapp neben ihm schlägt der Kolben auf und zerbirst in Myriaden Splitter. Einer kleinen Explosion folgt blauer Dampf der furchtbar stinkt. Das spornt dich an. Du schnappst dir weitere Dinge, die auf dem Tisch stehen, um sie als Wurfgeschosse zu gebrauchen. Du hoffst damit das Wesen von der Tür wegzulocken oder zu etwas Unüberlegtem anzustacheln.

Da wird es eurem Gegner zu bunt. Kurzzeitig ignoriert es die gefährlichen Wurfgeschosse, die das Fell und die Kleidung schon ordentlich angesengt haben, schnellt heran und kippt mit großer Anstrengung den Tisch in eure Richtung. Alles geht unnatürlich schnell, so dass ihr kaum Gelegenheit habt all den großen Instrumenten auszuweichen, die zu schwer waren um sie zu werfen, und die nun vom Tisch purzeln.
Überall steigen dicke, bunte Rauchschwaden auf. Preidan versucht nach bestem Bemühen Allem auszuweichen, seine nackten Füße auf den vielen Glassplittern machen es ihm allerdings nicht allzu leicht. Du versuchst dich neu zu orientieren, als du begreifst was das Wesen vor hat. Es will euch mit dem Tisch über die Kante der Höhle in die Lava schieben. Als du dir Preidan schnappst und nach links ausweichst bewegt sich diesmal das Wesen mit dir mit und fängt an irr zu kichern. Währenddessen schiebt es den Tisch weiter nach Kräften in eure Richtung. Dieses Wesen ist ja völlig irre! Es hat scheinbar wirklich vor euch umzubringen!

Du fasst einen Entschluss: Du deutest Preidan, die eine Seite des Tisches zu umrunden, während du versuchst die Aufmerksamkeit des Wesens weiter auf dich zu lenken. Wenigstens er soll diesem Wahnsinnigen entkommen.

In diesem Augenblick geht ein gewaltiger Ruck durch die Höhle und ein lautes Rumoren erklingt. Der Ruck reißt dich von den Beinen. Du greifst ins Leere, kannst dich aber noch halten … gefährlich nah seid ihr dem Abgrund gekommen. Du schaust dich hektisch um, was das nun wieder gewesen sein mag. Da fällt dir auf, dass die geheimnisvolle Flasche nicht mehr da ist. Sie muss in dem allgemeinen Chaos über den Rand gekullert und in die Lava gefallen sein. Auch das Wesen hält in seinem wahnsinnigen Tun inne, als die Höhle abermals erbebt. Diesmal hört das Beben aber nicht wieder auf. Beständig ruckt und rumpelt es weiter. Auf allen Vieren kriechst du vom Rand weg. Das Glosen aus der Tiefe hat sich in ein bedrohliches, rotes Glühen verwandelt und eine Welle aus Hitze und Gestank kommt zu euch aus der Tiefe empor.

Das Monster scheint euch völlig vergessen zu haben, ignoriert es euch doch plötzlich einfach und eilt um den Tisch herum um in den Abgrund zu starren. Ihr stehlt euch derweil in anderer Richtung davon. Die Höhle beginnt nun etwas weniger aber dafür sehr gleichmäßig zu vibrieren. Die vielen Glasscherben erzeugen ein monotones Klirrgeräusch im Gewölbe, das die Situation bizarr musikalisch begleitet. „Schnell raus hier, Schelmlein“ piepst ein hektisch flatternder Kolibri. „Die Wesenheit der Finsternis ist in die Lava gestürzt. Das könnte gleich etwas ungemütlich werden.“

Veröffentlicht von Meister

Die Mächte des Schicksals.