Nachtlager ‚2‘

Nachdem du seine Frage, ob du zum ersten Mal in der Wüste unterwegs seist, mit einem einsilbigen „ja“ beantwortet hast, hüllt sich dein Gegenüber weiter in Schweigen und stiert noch eine Weile ins Feuer. „Dann sei wachsam!“, lässt er sich noch vernehmen, dann wendet er seine Aufmerksamkeit endgültig anderen Dingen zu. Dazu gehört vornehmlich das Schärfen der vielen schlanken Messer, die er in einer Art lederner Schärpe auf seiner Brust trägt. Eins nach dem Anderen wetzt er langsam aber beständigt an einem Stein, den er eigens dafür in seiner Tasche mit sich trägt. Das verursacht einen nicht allzu lauten, aber doch unangenehmen Ton, der dich veranlasst deinen Platz am Feuer zu verlassen, und dich auf Streifzug durch das Lager zu machen.

Euer Lager ist an sich überschaubar. Den größten Teil nimmt das „Tiergehege“ ein, wobei Gehege irgendwie nicht passt, da die Tiere nur locker angepflockt oder aneinander gebunden sind. Um das Feuer herum sind halbkreisförmig die Zelte derjenigen aufgestellt, die ein solches ihr eigen nennen. Der Rest der Gesellschaft nächtigt auf Palmmatten nahe des Feuers oder auch an die Tiere gekuschelt. Der feiste Kaufmann, dessen Name dir nicht im Gedächtnis haften geblieben ist, da du seiner geschwätzigen Natur auf der Reise bisher immer zu entgehen suchtest, verfügt über ein extra großen und etwas prunkvolleres Zelt. Auch sind seine Waren entlang des Tiergeheges entlang aufgereiht, wo sie morgen seinen Kamelen wieder aufgehievt werden werden. Etwas außerhalb der Schlaflager habt ihr einen Abort ausgehoben, ein Loch im Wüstenboden, was ihr morgen flüchtig mit etwas Sand bedecken werdet – trocknet die gnadenlose Sonne doch ohnehin alles in wenigen Tagen zu Staub. Dann gibt es noch ein Zelt in dem die Vorräte vor Sand geschützt aufbewahrt werden. Dies steht halbwegs zwischen den Tieren und euren Zelten.

Du umrundest zunächst ziellos das Lager und lugst in Winkel und Ecken. Wonach genau du Ausschau hälst kannst du eigentlich nicht sagen, aber du fühlst dich sehr wachsam. Du nimmst dir Zeit auf deinem Rundgang, und erkundest jedes Detail, lauscht dem Schnarchen oder leisen Stimmen die noch aus den Zelten dringen. Bei den Tieren verweilst du etwas länger, kraulst deine beiden Tiere, und sprichst ihnen leise Mut für die weitere Reise zu. Sie kommen dir vor, so wie du. Entfernt von der Heimat, in einer unpassenden Umgebung, bedeckt von Staub. Kurz vergisst du deinen Rundgang und striegelst die beiden Vollblutaranier erneut. Ihr wunderschönes schwarzes Fell beginnt zu glänzen und stolz recken sie ihre Hälse ein Stückchen höher und schnauben dankbar. Dann legt sich das eine der beiden zum Schlafen nieder, während das andere Wache hält. Still bewunderst du die Intelligenz dieser stolzen Tiere und gehst verächtlich an den dösenden und schlafenden Kamelen vorbei, die sich rings herum auf den Boden gehockt haben.

Das Madamal ist inzwischen zwar schon ein ganzes Stück von seiner vollen Größe geschrumpft, spendet aber immer noch ausreichend Licht um dich ohne über Gepäckstücke zu stolpern durch das Lager zu bewegen. Du kehrst zum Lagerfeuer zurück um dich deiner Sternkarte zu widmen. Als du am Vorratszelt vorbeikommst hälst du kurz inne. War da nicht was? Es war dir als hättest du hinter dir im Gebüsch etwas gehört, aber als du dich vorsichtig näherst, kannst du nichts entdecken als das fleckige Dickicht der Dornbüsche die hier allenthalben wachsen. Schulterzuckend gehst du an dem kalten Kessel mit den Resten des Abendmahls vorbei, und setzt dich nun erstmal wieder. Als du die Sternkarte entrollst, hält der junge Novadi kurz mit seinem Messerschärfen inne und pfeift anerkennend durch die Zähne. Du willst jedoch gerade deinem Heimweh nachhängen und reagierst nicht. Als du nach ein paar Minuten genug vom Selbstmitleid hast und siehst, dass er dich immer noch interessiert beobachtet, rutscht du widerwillig ein Stückchen näher und gibst ihm einen kurzen, sehr nüchternen und herablassenden Vortrag über Sternkunde. Er scheint beeindruckt und nickt beflissentlich: „Du bist ein weiser Effendi, du kannst uns die Richtung weisen, für das Gebet!“ Du schnaubst verächtlich und rollst mürrisch die Sternkarte wieder ein. Einen kurzen Moment hattest du ja vergessen, mit wem du da sitzt, aber jetzt kehrt dein ganzer Ärger über die Gesamtsituation zurück. Er scheint deine Abneigung zu spüren und steht nun seinerseits auf, um neues Holz auf das Feuer zu legen. Wieder kannst du nicht umhin, dir einzugestehen, dass ihr ohne die vorausschauende Planung von Mhelek, der zwei Kamele nur mit Holz beladen lassen hat, jetzt wohl frieren würdet. Mürrisch packst du mit an. Deine Laune scheint sich heute nicht mehr bessern zu wollen. Wenn du doch wenigstens einen Freund hier im Lager hättest, mit dem du offen sprechen könntest… Wie hält man das Erwachsen sein nur aus? Dein Gegenüber nickt dir zu und sagt: „jetzt gehe ich eine Runde.“

Mürrisch stocherst du im Feuer und hängst deinen Gedanken nach. Dann schreckst du hoch. Bist du kurz eingedöst? Das Feuer brennt noch, wenn auch nicht mehr so licht wie eben. Doch du bist sicher, dass ein Geräusch dich hat auffahren lassen. Du umklammerst deinen Waquif und begibst dich so lautlos wie möglich in die Richtung aus der du jetzt wieder ein leicht kratzendes Geräusch zu hören meinst. Du näherst dich dem Vorratszelt und stellst fest, dass der große Kessel umgekippt ist. Als du dich weiter näherst huscht ein fast menschengroßer Schatten daraus hervor und verschwindet in dem Gebüsch, was die vorhin schon aufgefallen war. „Halt!“ entfährt dir unwillkürlich und du streckt den Waquif vor. Erst im zweiten Moment wird dir bewusst, dass ein Tier, was es zweifellos war, wohl kaum auf deinen Befehl reagieren wird. Umso überraschter bist du, als es nun im Gebüsch raschelt und ein gefleckter Kopf mit funkelden braunen Augen zum Vorschein kommt. Ein Panther? Gepard? Ganz sicher bist du dir nicht. Angriffslustig zeigt die Raubkatze ihre Zähne, und schreitet dann betont langsam ganz aus dem Gebüsch hervor. Das Tier mustert dich ausgiebig von oben bis unten. Ein schönes Exemplar, das schimmernde Fell weist ein schwarzes Fleckenmuster auf, am Rücken reicht ihm ein Schwarzer Streifen vom Kopf bis zur Schwanzspitze. Der kräftige Körper steht auf schlanken, fast windhundartigen Beinen und die Bewegungen sind von fließender Eleganz und Präzision. Das Gesicht sieht aber irgendwie noch kindlich aus. In den golden schimmernden Augen meinst du fast so etwas Neugier zu erkennen, als das Tier in respektvollem Abstand beginnt dich zu umkreisen. Auch du hast instinktiv eine geduckt-gespannte Körperhaltung eingenommen und durch deine ausweichende Bewegung umkreist ihr euch gegenseitig. Du hälst den Augenkontakt und für einige Atemzüge gibt es nur euch beide auf der Welt. Dann zerreißt das Zischen eines geworfenen Messers die Stille, und als du herumwirbelst setzt der Gepard bereits zur Flucht an. Augenblicke später ist er in der Dunkelheit verschwunden und der junge Novadi taucht neben dir auf. „Khomgepard.“ konstatiert er, „Hat bestimmt die Vorräte gewittert..“ Du bist irgendwie fast mehr enttäuscht als erleichtert über die Rettung. Trotzdem lässt du dich, nachdem ihr den -tatsächlich ausgeschleckten- Kessel wieder zurecht gerückt habt, erstmal zurück ans Feuer geleiten. „Sag mal, wie heißt du eigentlich?“ fragt er dich nun, und streckt dir seine Hand entgegen. „Ich bin Omar“ erwidert er auf deine Antwort hin.

Ihr setzt euch ans Feuer, und Omar erzählt ein wenig. Er begleitet seinen Vater, der auf Pilgerreise nach Keft ist. Für ihn wird es das erste Mal sein, dass er die „heilige Stätte“ besucht. In der Wüste kennt er sich aber gut aus, da er viel reist. Du hast das Gefühl, dass auch er nur ein bisschen harmlos oberflächlich erzählen will, und hast ja sowieso kein allzu großes Interesse weiter in ihn zu dringen. Ab und zu schielst du nochmal zum Vorratszelt hinüber, aber der Gepard scheint nicht wieder Auftauchen zu wollen.

Wenn das Gespräch/die Handlung nicht in eine bestimmte Richtung weiter lenken willst, vergeht der Rest eurer Wache ereignislos. Im Laufe des Gesprächs spricht Omar dich übrigens einmal auf deine hübsche Begleiterin an, deren Schönheit bestimmt die vieler Wüstenfrauen überstrahlt. Wie reagierst du? Schlussendlich weckt ihr dann die beiden für die zweite Wache eingeteilten und begebt euch zur Ruhe. Wenn ihr morgen gut durch kommt, könntet ihr bereits El Harram erreichen meint Omar.

So jetzt ist aber erst mal wieder Zeit für dich Einwürfe und Änderungen zu äußern!

Veröffentlicht von Mirya

Ein lebensfrohes kleines Bündel, das üblicherweise nicht auf den Mund gefallen ist, gute Gesellschaft ebenso wie gutes Essen genießen kann, und die sich wünscht es ginge immer allen überall gut.

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1 Kommentar

  1. Grundsätzlich habe ich dem Ablauf gerade nichts Ergänzendes hinzuzufügen. Ich denke noch ein-, zweimal an die Begegnung mit dem Geparden, aber diesen in irgendeiner Weise zu verfolgen halte ich für überzogen. Dafür messe ich der Begegnung auch noch zu wenig Bedeutung bei.

    Was die Nachfrage nach meiner attraktiven Begleiterin angeht, so komme ich nicht umhin die Gelegenheit zu nutzen, den Novadi ein wenig zu ärgern. Zunächst bejahe ich seine Nachfrage und preise ihre Schönheit in den blumigsten Worten, um dann zu ergänzen: „Ärgerlich nur, dass die Domna sicher nicht zu der Sorte Frauen gehört, die sich in ein Zelt mit 8 anderen Frauen sperren lassen und ihren Auserwählten zu teilen bereit sind.“ Dabei versuche ich meinen Tonfall so zu modulieren, dass nicht ganz klar ist, ob ich das Gesagte ernst meine oder Omar verspotten will.

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