Kröte und Eule (37)

Du konzentrierst dich auf die Energie, die langsam deinen Arm hinauf fließt. Als sie über dein Ohr hinweg steigt und sich dann einer Kaskade gleich über deinen Körper ergießt spürst du eine wilde Panik in dir aufsteigen. All die Ängste, die du in den vergangenen Tagen durchlebt hast scheinen gleichzeitig von dir Besitz zu ergreifen und in vielfarbenen Bildern vor deinen Augen zu tanzen. Eher wispernd und aus weiter Ferne hörst du eine leise, aber dennoch bestimmte Stimme: „Konzentriere dich, du bist Herrin der Angst. Forme eine Kugel aus Licht in der du all die Angst sammelst.“

Kugel aus Angst? Du verstehst kein Wort. Dann aber ganz langsam und mühsam beginnst du zu begreifen. Du atmest tief durch und formst in deinen Gedanken eine leuchtende Kugel. Von Flammen soll sie umtost sein. All die Bilder, die dich ängstigen fliegen in enger werdenden Kreisen um die Kugel herum. Je mehr du deinen Fokus von den Bildern fort, hin zur Kugel richtest, desto mehr Bilder verglühen in der wabernden Hitze vor deiner Brust und scheinen das Glosen der Kugel zu verstärken.

Jetzt siehst du auch wieder die alte Dara, wie sie zufrieden lächelnd deine Hand hält und die Kugel bewundert. Du stutzt kurz: Dara, Rauma? Wer sitzt dir hier gerade gegenüber? Wessen Stimme auch immer das ist murmelt ein zufriedenes „Sehr gut!“ War das deine eigene Stimme?

Selbstzufrieden lächelst du, als du wieder an den Hauptmann denken musst. An die Niedertracht dieses Mannes, und wie gerne du ihm einen Teil seiner eigenen Medizin probieren lassen möchtest. Die alte Frau, die dir gegenüber sitzt, redet weiter, doch du hörst sie nicht. Deine Gedanken schweifen ab: „Wenn die Lehrstunde vorbei ist muss ich die alte Dara unbedingt fragen, ob sie mir hilft, diesem boshaften Mann Alpdrücke zu verschaffen.“
„Dieser boshafte Mann“ echot es in deinem Kopf. Du bist die Trollmutter mit dem unbedingten Wunsch den Hauptmann zu zerquetschen. Du bist das Trollkind, das um seinen Vater weint. Du bist der Trollvater, der seine Axt schwingt, von Wut und Angst um seine Familie gepeinigt. Du bist Beorn, der beschämt ist über die Häme, die die Soldaten für ihn übrig haben. Du bist die alte Dara, voller Angst um ihre Familie.

Du bist Mirya. Doch du erkennst dich zunächst nicht. Wo ist das junge Bündel, das voller Lebensfreude möchte, dass es allen Menschen gut geht?
Was du siehst ist eine besonnene, wütende Frau, die erkennt, dass nicht immer alles schwarz und weiß ist. Die erkennt, dass es Böses gibt, das Böses verdient hat. Und so schämst du dich nicht deiner Wut auf diesen niederträchtigen Hauptmann. Vom Ball aus Licht getragen verlassen deine Sinne den Raum. Du hast eine gute Vorstellung, wohin die Soldaten unterwegs sind und du spürst ihnen nach. Du spürst das pulsierende Leben im Freien, das einen so starken Kontrast zur Stille im Raum hat. Du bemerkst einen schwarzen Vogel, der deinen Weg begleitet. Ihn bestimmst du zu deinem Vehikel. So fliegst du von schwarzen Schwingen getragen, der pulsierenden Lebenslinie der Schar Menschen nach und erreichst ein in nächtliche Schatten gehülltes Lager. Zielstrebig segelst du zum Zelt des Hauptmannes herüber und lugst hinein. Dort liegt er auf seinem Lager und schläft friedlich und so harmlos. „Schlaf nur Hauptmann“ denkst du „dies wird deine letzte ruhige Nacht gewesen sein, denn nun wirst du deine eigene Medizin zu spüren bekommen!
So spricht Mirya vom Wetterhof, Tochter Satuarias und Schülerin der Erde und der Luft: Von Angst gepeinigt sollst du keine Ruhe mehr finden, ehe du Abbitte getan hast vor Familie und Leben deiner trollischen Opfer!“

Das laute Krähen des Raben unterstreicht deine Worte, reißt dich aber auch aus deinen Gedanken. Du bist irritiert und orientierungslos. Vornübergebeugt ruht dein Kopf auf einem weißen Laken. Eine Hand hält die deine fest. Dann kommt es zu dir zurück. Du bist bei Dara. Deine Stirn ist schweißnass, du fühlst dich schwindelig, bemerkst aber auch ein ganz neues Wohlgefühl in dir.

Als du aufschaust blickst du in das gleichmütig lächelnde Gesicht der alte Dara: „Einmal mehr wolltest du lieber deinen eigenen Gedanken nachhängen als den Lehren einer alten Frau zu lauschen, was?“ Als du ansetzt dich zu erklären winkt sie beschwichtigend ab: „Du hast heute Abend etwas gelernt. Nicht dass, was ich dir beizubringen ausgewählt hatte, sondern etwas viel mächtigeres. Etwas, dass sonst nur im großen Kreis der Hexennacht von Schwester zu Schwester weitergegeben wird. Unsere Mutter Satuaria wird ihre Gründe gehabt haben dieses mächtige Zauberwerk in dir erblühen zu lassen. Gleichzeitig – so nehme ich an – wirst du dabei etwas über dich selbst gelernt haben.“

Du bist vollkommen verwirrt und kannst nichts tun, außer Dara stumm anzustarren.

„Du bist kein Kind mehr Mirya vom Wetterhof. Das hast du heute Nacht eindrucksvoll bewiesen. Du bist eine mächtige Tochter Satuarias. Doch das vollends zu begreifen wird noch ein langer Weg für dich werden.“

Dara lässt die Worte einen Augenblick lang wirken und setzt dann fort: „Es war offenbar kein Zufall, der dich auf dieses Gehöft führte. Nicht ganz der Erde und nicht ganz der Luft bist du verpflichtet. Dein Sein hüpft wie deine Gedanken munter von einem zum anderen. Wie auch dein tierischer Spiegel munter zwischen den zwei Elementen hin und her springt.
Es ist deine Entscheidung, ob du das Beste beider Aspekte vereinst oder verzweifelt von einem zum anderen springst und doch zu keinem so richtig gehören wirst.
Das ist der Rat, den ich dir an diesem Abend geben kann, Mirya. Und nun lass mich allein.“

Veröffentlicht von Meister

Die Mächte des Schicksals.

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8 Kommentare

  1. Überwältigt von der Dichte dieser Erfahrung, von enormem Stolz und auch der Genugtung vergesse ich kurz allen Respekt und falle der alten Dara um den Hals. Ich drücke ihr einen kräftigen Kuss auf die Wange, dann lasse ich wieder von ihr ab. “Danke,” bringe ich gerührt hervor, “das war eine umwerfende Erfahrung!” Ich glaube jetzt brauche ich auch etwas Zeit, um die Intensität der Eindrücke zu verarbeiten. Strahlend verabschiede ich mit von Dara und hüpfe förmlich die Treppe hinab. Da ich kein Gefühl dafür habe, wie viel Zeit ich bei Dara verbracht habe, wundere ich mich nicht, falls mich unten schon eine Frühstücksgesellschaft empfängt. Sollte jedoch eher Ruhe im Haus herrschen, suche auch ich mir einen Schlafplatz und lege mich zur Ruhe. Wahrscheinlich dauert es lange, bis mir die Augen zufallen, denn ich spüre dem Fluch und den ganzen Ereignissen der nächsten Tage noch heftig nach. Meine letzten Gedanken vor dem Schlafen kreisen aber um meinen kleinen Eikiko, den ich morgen unbedingt wieder sehen möchte!

  2. Als du die Treppe hinabgestiegen bist findest du die gute Stube in Dunkelheit gehüllt. Deine Lehrstunde mit der alten Dara scheint doch eine ganze Weile gedauert zu haben. Du erahnst eine dunkle Silhouette auf einem Sessel sitzend. Als du näher heran bist und sich deine Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben erkennst du Ethel, die auf dem Stuhl gleichmäßig und sanft schnarcht. Offenbar hat sie hier unten auf deine Rückkehr gewartet.

    In Anbetracht der Tatsache dass man bisher keine Gelegenheit hatte dir einen Schlafplatz zuzuweisen tust du es ihr gleich und machst es dir auf einem der bequemeren Sessel gemütlich. Nachdem du noch eine ganze Weile über deine Lehrstunde nachgedacht hast schläfst du an Eikiko denkend ein.

    Was sind deine mittelfristigen Pläne? Zunächst einmal möchtest du Eikiko abholen. Doch dann? Kehrst du noch einmal zu den Bauern zurück? Möchtest du deinen Weg nach Süden dann direkt fortsetzen und jetzt von ihnen Abschied nehmen?

  3. Während ich mich auf dem Sessel winde, bis ich eine bequeme Schlafposition gefunden habe, versuche ich meine Pläne zu sortieren: Auf jeden Fall will ich Eikiko nicht länger als nötig allein lassen, zu sehr fehlt er mir! Aber ich hatte ja fast schon wieder vergessen, wie weit der Weg bis zu den Trollen ist. Da liegt der Gedanke natürlich irgendwie nahe, erst meinen Abschied hier auf dem Hof zu nehmen, und mein Eichhörnchen abzuholen, wenn Lorian und ich uns auf die Weiterreise machen. Ich will hier aber nicht weg, bevor es meinen beiden Patienten Beorn und Lorian wieder besser geht. Außerdem muss ich mit Beorn ja auch noch ein ernstes Wort reden… Seufzend beschließe ich also meine Pläne von Lorians Genesung abhängig zu machen. Sollte er über einen (oder mehrere) zusätzlichen Tag Rast nur all zu froh sein werde ich die anstrengende Flugreise hin und zurück noch einmal auf mich nehmen, um Eikiko morgen zu holen und danach mein Versprechen, mit der kleinen Dara zu spielen, einlösen. Ist er reisefähig und froh hier weg zu kommen brechen wir (nicht ohne ausgiebige Verabschiedung und Bedankung in alle Richtungen) im Laufe des Tages zu Fuß auf. Egal wie rum es läuft, nehme ich mir fest vor, in den nächsten Tagen mehr Zeit mit dem Lesebuch zu verbringen. Zu ärgerlich bin ich darüber, dass ich den Inhalt der Capsule nicht zu deuten vermochte! Wäre doch gelacht, wenn eine veritable Hexe zwar den unmenschlichen Hauptmann verfluchen kann, sich aber von so ein paar Schriftzeichen einschüchtern lässt… Nein, Eikiko, dass lassen wir uns nicht mehr lange bieten… So wahr ich Mirya vom Wetterhof heiße…

  4. Ein Geräusch reißt dich aus dem Schlaf. Es dauert einen Augenblick bis du die Orientierung wieder gefunden hast, zumal du dich erstmal nach Kräften ausstrecken und deine schmerzenden Glieder richten musst. Tief und traumlos hast du geschlafen und das offenbar länger als du dir eigentlich gedacht hattest, denn es ist hellichter Tag. Jemand hat dir eine Decke übergelegt, die du nun beiseite legst. Ethel steht in der Küche und klappert geschäftig mit dem Geschirr. Offenbar hat sie dein Erwachen wahrgenommen und dreht sich lächelnd herum: “Mirya, du bist wach. Bitte verzeih. Wir wollten dich nicht aufwecken, nach all dem Schrecken den du durchgemacht hast musst du furchtbar müde gewesen sein. Mutter Dara hätte dich nicht derart lang beanspruchen dürfen. Sie ist so …”
    Du unterbrichst Ethel indem du abwinkst: “Das ist schon in Ordnung” und etwas hölzern ergänzt du: “Ich bin eine Heilerin und als solche ist es mir ein großes Anliegen, dass es den Menschen gut geht.” Ethel lächelt dir dankbar zu, weiß scheinbar nicht, was sie dir antworten soll und durchbricht dann mit einem kurz angebundenen “Frühstück?” die Stille.

    Gut gestärkt und ausgeschlafen beschließt du dann tatsächlich zunächst Lorian und Beorn einen Besuch abzustatten und insbesondere von Lorians Zustand dein weiteres Vorgehen abhängig zu machen. Du bereitest dich sogar schon auf deine kleine Standpauke vor, besinnst dich dann aber eines besseren, als du von Ethel in die Gästestube gebracht wirst.

    Lorian schläft und sieht sehr blass aus. Du schlägst die Decke zurück. Inzwischen sind seine Blessuren und Prellungen blitzeblau. Du hast ein wenig Angst davor, dass er vielleicht innere Verletzungen davongetragen haben könnte. Fieber scheint er aber keines zu haben.
    Bei Beorn verhält es sich genau andersherum. Er wirkt körperlich vollkommen unversehrt, sein Kopf und sein ganzer Körper sind aber mit einem feuchten Film überzogen und seine Stirn fühlt sich ungewöhnlich warm an.

    Die beiden werden sich noch eine ganze Weile ausruhen müssen vermutest du und der Zustand beider macht dir mehr Sorgen, als du zunächst vermutet hattest. Ihnen richtig gut helfen kannst du hingegen auch gerade nicht. Willst du Eikiko also tatsächlich zunächst zu dir zurückholen?

  5. Nachdem ich Lorians Bandagen gewechselt habe und seine Blessuren mit Salbe bestrichen, und nachdem ich Beorn einen kühlen Wickel um die Waden gelegt habe, knie ich mich vor ihrem Lager auf den Boden und nehme mir einen Moment um die Wogen in meinem Inneren zu glätten. Erneut schlagen Sorge, Wut über Sinnlose Gewalt und Abscheu über das Menschenverachtende Verhalten der Soldaten in mir so hohe Wellen, dass ich mich nur schwer an Daras Lektionen aus der letzten Nacht entsinnen kann. „Sei die Herrin der Angst…“ Ich lege die Hände auf den Boden und spüre nach der Kraft und Ruhe Sumus. Ich wünsche mir, dass auch Lorian und Beorn genug dieser Kraft in sich finden um den Kampf um ihre Genesung zu gewinnen. Still danke ich Satuaria, wie gut sie über mich gewacht hat – dass mir kein Haar gekrümmt wurde in dieser ganzen verzwickten Geschichte wirkt auf mich nun fast wie ein Wunder… Unversehrt und doch irgendwie nur halb, denke ich und beende mit einem Seufzer mein stilles Gebet, um mich bald auf den Weg zu Eikiko zu machen. Vorher gehe ich jedoch noch einmal bei Ethel vorbei und erkläre ihr, wie man aus getrockneter Weidenrinde einen Fiebersenkenden Tee zubereitet, diesen soll sie Beorn heute dreimal zu trinken geben. „Süße ihn mit reichlich Honig, er schmeckt fürchterlich,“ rate ich ihr, und zeige ihr auch, wie man die Wadenwickel wechselt. Dann fülle ich meinen Wasserschlauch und greife mir eine Handvoll Gemüse als Wegzehrung. Ethel erkläre ich, dass ich zurück in den Wald muss, um nach meinem Eichhörnchen zu suchen. Ich verlasse jedoch nicht sofort den Hof, sondern klettere zunächst noch in Beorns Kammer. Ich versuche Wiesels Versteck zu finden und hinterlasse dort etwas zu Fressen und Wasser. Sollte mir dabei der kleine Bruder begegnen, bitte ich ihn, das zu übernehmen, solange sein Beorn krank ist.
    Danach mache ich mich endlich auf den Weg. Ich hoffe Hin- und Rückflug vor der Dämmerung zu schaffen, und fühle mich sowieso schlecht dabei meine Patienten hier alleine zurück zu lassen, deswegen werde ich mich auf meinen Stecken schwingen, sobald die Deckung es erlaubt.

  6. Nachdem ich Lorians Bandagen gewechselt habe und seine Blessuren mit Salbe bestrichen, und nachdem ich Beorn einen kühlen Wickel um die Waden gelegt habe, knie ich mich vor ihrem Lager auf den Boden und nehme mir einen Moment um die Wogen in meinem Inneren zu glätten. Erneut schlagen Sorge, Wut über Sinnlose Gewalt und Abscheu über das Menschenverachtende Verhalten der Soldaten in mir so hohe Wellen, dass ich mich nur schwer an Daras Lektionen aus der letzten Nacht entsinnen kann. „Sei die Herrin der Angst…“ Ich lege die Hände auf den Boden und spüre nach der Kraft und Ruhe Sumus. Ich wünsche mir, dass auch Lorian und Beorn genug dieser Kraft in sich finden um den Kampf um ihre Genesung zu gewinnen. Still danke ich Satuaria, wie gut sie über mich gewacht hat – dass mir kein Haar gekrümmt wurde in dieser ganzen verzwickten Geschichte wirkt auf mich nun fast wie ein Wunder… Unversehrt und doch irgendwie nur halb, denke ich und beende mit einem Seufzer mein stilles Gebet, um mich bald auf den Weg zu Eikiko zu machen. Immerhin fühle ich mich nun geerdet, ausgeruht und kräftig genug für den Flug. Vorher gehe ich jedoch noch einmal bei Ethel vorbei und erkläre ihr, wie man aus getrockneter Weidenrinde einen Fiebersenkenden Tee zubereitet, diesen soll sie Beorn heute dreimal zu trinken geben. „Süße ihn mit reichlich Honig, er schmeckt fürchterlich,“ rate ich ihr, und zeige ihr auch, wie man die Wadenwickel wechselt. Dann fülle ich meinen Wasserschlauch und greife mir eine Handvoll Gemüse als Wegzehrung. Ethel erkläre ich, dass ich zurück in den Wald muss, um nach meinem Eichhörnchen zu suchen. Ich verlasse jedoch nicht sofort den Hof, sondern klettere zunächst noch in Beorns Kammer. Ich versuche Wiesels Versteck zu finden und hinterlasse dort etwas zu Fressen und Wasser. Sollte mir dabei der kleine Bruder begegnen, bitte ich ihn, das zu übernehmen, solange sein Beorn krank ist.
    Danach mache ich mich endlich auf den Weg. Ich hoffe Hin- und Rückflug vor der Dämmerung zu schaffen, und fühle mich sowieso schlecht dabei meine Patienten hier alleine zurück zu lassen, deswegen werde ich mich auf meinen Stecken schwingen, sobald die Deckung es erlaubt.

  7. Beorns Bruder findest du nicht. Aber Beorns Wiesel, das genüsslich Samen aus einer kleinen Schale pickt. Offenbar hat da jemand seine Anweisung zur Fütterung schon bekommen, denkst du bei dir und beeilst dich einige Entfernung zwischen dich und das Gehöft zu bringen. Dann schwingst du dich auf deinen Stecken und fliegst los.

    Manchmal wünschst du dir, statt eines Steckens auch ein Fass oder eine Tür gewählt zu haben. Wären diese Gegenstände nur nicht so wahnsinnig umständlich zu transportieren, wäre so häufiges Fliegen über lange Strecken mit einem anderen hölzernen Gegenstand möglicherweise bequemer.

    Der Flug dauert lange, aber du erkennst zumindest immer mal wieder Landmarken und den Verlauf von einigen Trampelpfaden wieder.

    Es ist heute diesig und auch ein bisschen frisch. Dir kommt in den Sinn, dass nach zwölfgöttlicher Zählung jetzt vermutlich gerade Rondra sein muss. Der Monat macht seinem Namen alle Ehre. Die Donnernde verzichtet zwar auf ihr Wutgeschrei, aber das mit einem Gewitter oft einhergehende schlechte Wetter fehlt leider nicht.

    Zum frühen Nachmittag machst du eine Pause und als du gerade vermutest dass du die Entfernung nicht schaffen wirst, erkennst du die charakteristische Form des Tales der Trolle. Dein Herz macht einen freudigen Hüpfer. Schon gestern war dir klar geworden, dass du Eikiko wahnsinnig vermisst und jetzt spürst du erst so richtig, wie wichtig dir dein kleiner Gefährte ist. So als seiest du nicht komplett, wenn er nicht bei dir ist.

    Du landest vor der Höhle und kündigst dich lieber etwas lauter als nötig mit einem freudigen „Halloho, hier ist Mirya!“ an. Ein bisschen erwartest du ja, dass jemand einen großen Felsen nach dir wirft, weil du so unvermittelt auftauchst, aber nichts dergleichen passiert. Stattdessen kommt freudig keckernd Eikiko aus dem Halbdunkel heran gehüpft und begrüßt dich begeistert. Auch du atmest tief auf, dass ihr nun wieder nahe beieinander seid.

    Gerade als ihr mit eurer Begrüßung fertig seid kommt aus der Tiefe der Höhle die Trollmutter heran gestapft. Die große Gestalt schaut dich milde lächelnd mit ihren unendlich traurigen Augen an. An dem Zipfel ihrer Lumpen hängt ängstlich drein blickend ihr Sohn.

    Wie begegnest du den zweien?

  8. „Eikiko, oh Eikiko! Ich bin gekommen, so schnell es ging…“ ich lasse mich auf die Knie sinken und strecke meine Arme aus, damit er hochklettern kann. „Du hast mir so gefehlt… du glaubst gar nicht, was alles passiert ist…“ und den Schauer, der mich überfällt, als ich bei diesen Worten an die Todesdrohung des Hauptmanns denken muss, schüttele ich ganz schnell ab, indem ich meine Wangen in weichem Eichhornfell vergrabe. Kurz halte ich Eikiko eng an mich gepresst, dann lockere ich meinen Griff und kraule und streichle ihn, und stecke ihm aus meiner Tasche eine Nuss zu. So versunken bin ich in die Begrüßung, dass ich erst aufschaue, als die Trollfrau vielleicht schon einen Moment im Höhleneingang gestanden hat. Als ich sie bemerke gehe ich auf sie zu.
    Geistig tadle ich mich dafür, dass ich es nicht geschafft habe, noch einen Gegenstand des toten Trolls mitzubringen. Aber trotzdem bin ich mit meiner Lösung nicht ganz unzufrieden, und so begrüße ich die Trollfrau unbefangen und ebenfalls lächelnd. Sollten sie und das Kind nicht vor mir zurückweichen versuche ich es mit einer Art Umarmung. Nach der Begrüßung versuche ich mich wieder in pantomimischer Erzählung. Als erstes stelle ich graben dar, und sehe auch einmal zu dem Grab des Trollkinds hinüber. Dann möchte ich versuchen, mit einem Stück Kohle auf der Höhlenwand eine Karte zu zeichnen, die den Weg zum Grab darstellt. Ich weiß zwar nicht, ob die Frau ihrem Kleinkind so einen Weg zumuten kann und will, aber ich denke, sie wird zumindest für später wissen wollen, wo ihr mann begraben liegt. Daher auch die Zeichnung an die Wand, die sollte ja halten. Dann möchte ich kämpfende, grimmige Menschen darstellen, und schließlich weglaufen. Dabei deute ich nochmal weit weit in die Richtung, in die die Soldaten abgezogen sind. Das wäre dann die Trollfassung der Ereignisse. Die wesentlichen Geschehnisse. Mehr erzähle ich von mir aus nicht, nur wenn Nachfragen kommen sollten 😉 Wenn es überhaupt soweit kommt, und keine Gefühlsausbrüche dazwischen kommen.

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