Mit gezückter Waffe trittst du ins Freie. Geblendet kneifst du deine Augen zusammen und erspähst bald das Raubtier. Es ist tatsächlich „dein“ Gepard und er streift zwischen den Felsblöcken umher. Auch er scheint dich bemerkt zu haben und schaut dir erwartungsvoll entgegen.
Du lässt die Waffe fallen: „Und das ist nun dein Dank dass ich dich befreit habe? Mich als dein Abendessen zu betrachten? Vielen Dank auch du undankbares Mistvieh!“ Wütend gehst du ein paar Schritte auf ihn zu und kickst Sand in seine Richtung. Behende weicht das Tier aus, springt an dir vorbei und greift sich mit der Schnauze deinen Waquif. Dann setzt er sich ein paar Meter entfernt von dir, und schaut dich an. Seine Augen funkeln provokativ. Du meinst deutlich ein „na hol ihn doch…“ darin zu lesen. Dieser Eindruck bestätigt sich, als du versuchsweise einen Schritt auf ihn zu machst, und er mit einem behenden tänzeln den Abstand zwischen euch immer gleich hält. Deine Erschöpfung weicht augenblicklich einer verzweifelten Wut. Jetzt reicht es! Laut brüllend stürzt du auf den Geparden zu. Dieser lässt deine Waffe fallen und setzt zum Sprung an. Du meinst deinen edlen Waquif aus den Augenwinkeln zwischen zwei Felsen rutschen zu sehen, diese sind aber gerade unerreichbar fern, denn im vollen Sprung fliegt das Tier nun auf dich zu. Instinktiv balancierst du deinen Schritt aus, und federst den Moment eures Zusammenpralls so ab, dass es ihm zwar gelingt, dich umzureißen, du aber seinen Schwung zu deinem Vorteil nutzt um ihn weiter bis auf den Rücken zu rollen. Du liegst also in eurer jetzigen Ringposition zuoberst, und der Gepard auf dem Rücken unter dir, was ihn ziemlich zu irritieren scheint. Er strampelt mit Vorder- und Hinterbeinen um frei zu kommen, doch deine gesteigerte Kraft ermöglicht dir, dich festzuklammern, deine Beine auf seinen Hüften, während du mit den Armen danach trachtest seinen Hals nach unten zu drücken, damit seine Zähne möglichst weit weg von deinem Hals bleiben. Ewig kannst du diese Position jedoch nicht halten, denn das Tier windet sich immer ruckartiger und schließlich gelingt es ihm, dich abzuwerfen. Ihr purzelt durcheinander und springt beide wieder auf die Beine. Drohend umkreist ihr euch. Verzweifelt schielst du nach dem Waquif, den du aber nirgends entdecken kannst. Und wieder springt das Tier dich an. Diesmal trifft er dich seitlich und dein Abrollen fällt weniger elegant aus. Du spürst seinen heißen Atem in deinem Nacken und sendest schon deinen gedanklichen Abschied an alle, die dir etwas bedeuten, als dir klar wird, dass das Tier zwar zugebissen hat, aber nur in deinen Kaftan, an dem er nun spielerisch zerrt und damit versucht, dich in die „Beuteposition“ zu drücken. Das Tier scheint dir also nicht nach dem Leben zu trachten? Ganz sicher bist du deiner Sache nicht, in jedem Fall aber froh, am Leben zu sein, und wütend genug bist du über diesen nervigen Kater, dass du ihm nun mit voller Kraft den Ellenbogen in den Bauch rammst. Jaulend lässt er dich los. Dir reicht es langsam. Zwar spürst du, Auge in Auge mit der Raubkatze deine Erschöpfung gerade kaum, aber was soll denn dieses seltsame Spiel? Ein Kräftemessen ist gerade das letzte was du dir wünscht. Der Gepard scheint jedoch nicht ablassen zu wollen, denn er umkreist dich wieder. Mit einem Wutschrei stürzt du dich auf ihn. Ohne noch richtig Herr deiner selbst zu sein hälst du ihn im Nacken fest und drückst ihm dein Knie ins Kreuz. So gelingt es dir, ihn in die Knie zu zwingen. Du presst seine Schnauze in den Sand und brüllst ihn an: „Lass mich in Frieden, verstanden? Ich bin hier grad durch diese vermaledeite Wüste gelaufen. Mir ist nicht nach Spielen zumute! Und überhaupt, was ist das für ein Dank? Ich rette dir das Leben und raubst mir die letzte Kraft? Ich habe Durst, ich brauch schlaf, ich will… ich will…“ wieder und wieder hast du bei deinen Worten den Kopf des Tiers auf den Boden gestoßen und merkst erst jetzt, dass der Gepard bereits seinen Widerstand aufgegeben hat und er versucht sich so klein wie möglich zu machen. Du rutscht von ihm herunter und brichst in ein trockenes Schluchzen aus. Mit eingezogenem Schwanz läuft der Gepard ein paar Schritte weg, um dich von dort aus aufmerksam zu beobachten. „Na los, verzieh dich!“ herrst du ihn an und machst eine verzweiflte scheuchende Bewegung in seine Richtung. Als er sich davon nicht beindrucken lässt, mühst du dich noch ein letztes Mal auf die Beine und wankst auf ihn zu. Er läuft noch ein paar Schritte, hält dann wieder inne und schaut nach dir. Erst jetzt bemerkst du dass er an einer Felsspalte steht. Er schaut zu dir, schaut in den Höhleneingang, schaut dann wieder zu dir. Dann macht er kehrt und flieht mit langen Schritten irgendwo in Richtung Berge…
Mit gemischten Gefühlen rufe ich ihm halbherzig ein „Ich mache aus dir einen Bettvorleger. Jetzt weißt du wer hier der das Leittier ist“ nach. Mein Kopfschmerz kommt mit voller Wucht zurück und ich schleppe mich zu der Felsspalte, die mir der Gepard da gerade „so freundlich“ gewiesen hat. Sollte darin ein Schattenplatz sein klemme ich mich hinein und lasse mich einfach nur noch auf den Boden fallen um auszuruhen. Sollte der Spalt zu klein sein (oder ist es derselbe wie vorhin?) schaue ich, ob dort mein Waquif zu finden ist. Sollte dem so sein werde ich dem Geparden noch sehr nachdenklich hinterher schauen, gebe aber auch dann meiner Agonie nach und suche nach dem Felsspalt von vorhin. In eben den klemme ich mich dann und lasse Wüste Wüste sein. Ich will nur noch schlafen!