Ein Band der Freundschaft (38)

Während du deine Zeichnung auf die Wand aufbringst hast du drei aufmerksame Beobachter. Die Trollmutter, das Trollkind und Eikiko haben sich in einer Art Halbkreis um dich gesetzt, während du deine Zeichnung von der Karte auf die Wand aufbringst. Überhaupt scheint dir das Zeichnen der Abläufe eine gute Idee, kannst du doch einige Sachverhalte so besser darstellen als rein pantomimisch. Der verstehende Gesichtsausdruck der Trollmutter gibt dir darin recht. Als du mit allem fertig bist, tritt ein betretenes Schweigen in der Höhle ein, nur durchschnitten vom Rascheln des Trollkindes, das sich nah an seine Mutter kuschelt.

Als dir die Stille beinahe unerträglich wird, rappelt sich die Trollmutter auf. Doch zu einem heftigen Gefühlsausbruch kommt es nicht. Sie greift sich einige Tiegel, die auf verschiedenen Felsvorsprüngen herumstehen und stellt sie neben dir vor der Abbildung ab. Du trittst einen Schritt beiseite und beobachtest, was sie nun tut. Eikiko ist auf deine Schulter geklettert.

Seltsam kehlige Laute entsteigen ihr. Seltsam, aber irgendwie auch rhythmisch und auf eine fremde Art und Weise melodisch. Während sie so chantet, taucht sie die Finger in die großen Tiegel und bringt um deine Zeichnungen herum verschieden farbige Symbole auf. Du hoffst, dass sie dir damit nicht irgendetwas sagen will, denn für dich sind die Zeichen ähnlich undeutbar wie die Schriftzeichen auf dem Pergament. Doch mehr und mehr hast du das Gefühl, dass sie hier eine rituelle Handlung vollzieht und du trittst beiseite. Das ganze dauert eine kleine Weile, dann dreht sie sich zu dir, taucht ihre große Pranke in einen der größeren Tiegel und deutet dir an es ihr gleich zu tun. Dann drückt sie ihre Hand in einen vorher gemalten Kreis neben das Bild und stupst dich an. Auch du drückst deinen Handabdruck daneben, jedenfalls verstehst du ihre Geste so. Als du die Wand berührst spürst du die pulsierende Energie der Erde. Hier fließt gerade Magie!
Sie dreht dich vorsichtig zu sich und macht eine Andeutung geschlossener Augen, also schließt du deine Augen. Mit überraschender Sanftheit der riesigen Hände streicht sie scheinbar nur mit der Kuppe eines Fingers über deine Augen und deinen Nasenrücken. Wieder stupst sie dich an und du öffnest die Augen. Du schaust in ihre farbverschmierte Handinnenfläche, die sie dir senkrecht stehend mit den FIngern nach oben zeigend entgegen hält. Auch jetzt fällt dir nur ein ihr ebenso deine farbige Hand entgegen zu halten und so berühren sich eure Handflächen.

Und etwas passiert. Du weißt nicht genau was, aber du weißt jetzt mit Sicherheit um die Dankbarkeit der Trollmutter und dass sie dich als Freund betrachtet. Du hast kurz ihre Trauer gespürt aber auch Erleichterung dass sie nun offenbar weiß, was sich zugetragen hat. Was sie wohl von dir erspürt haben mag?

Ehe du aber genauer darüber nachdenken kannst, entfährt ihr ein grollender Laut und sie schleudert mit einer wilden Armbewegung Pulver gegen das Bild. Du machst erschrocken einen Sprung rückwärts und siehst noch erschrockener wie eure gemeinsamen Malereien zu verblassen beginnen und dann gänzlich verschwunden sind. So als habe es sie nie gegeben …

Die Trollmutter erhebt sich und wischt sich die Hand am Knie ab. Die Tiegel stellt sie zurück. “Wenn Mirya … reisen weiter … kommen hier” intoniert sie währenddessen nun überraschend und du fällst beinahe hintenüber dass sie plötzlich (oder schon immer?) deine Sprache sprechen kann.

Alle Wesentlichen Dinge scheinen für den Augenblick hier erledigt. Wenn du jetzt aufbrichst wirst du in der frühen Nacht wieder am Gehöft sein. Oder möchtest du lieber den Rest des Tages und die Nacht hier verbringen. Ein wenig hast du das Gefühl, dass Trollmutter und Kind nun mit ihrem Schicksal zunächst allein sein möchten. Das ist jedenfalls, was dir für Gedanken von Eikiko her zu dir herüberschwappen …

Veröffentlicht von Meister

Die Mächte des Schicksals.

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7 Kommentare

  1. Ich bin beeindruckt und gerührt, so eine innige Erfahrung mit der Trollin geteilt haben zu dürfen. Überwältigt von diesem Erlebnis und mit dem sicherem Empfinden, dass diese Frau genau weiß, was sie tut, und sie meine Hilfe vorerst nicht benötigt, beschließe ich alsbald wieder zum Gehöft zurückzukehren. Ich freue mich auf den Flug, auf dem ich unablässig auf Eikiko einplappere, und bin gespannt wie es meinen Beiden Patienten geht. Außerdem gelingt es mir ja vielleicht einmal eine Nacht auf einem gescheiten Lager zu schlafen? Aber das weiß nur das Schicksal…

  2. Du spürst wie Eikiko deinen Erzählungen auf dem Rückweg interessiert lauscht und deine Aufregung, deine Freude, Trauer und Wut mit dir teilt. In passender Weise schwappt dir eine jeweils passende Gegen-Emotion von ihm herüber, immer dann wenn du zu sehr in Wallung zu geraten drohst. So fliegt es sich doch trotz zunehmender Dunkelheit viel angenehmer als ganz allein und es muss gegen oder eine Weile vor Mitternacht sein, als du das Gehöft wieder erreichst. Klopfst du noch an oder bittest um Einlass oder hast du Angst die Familie zu erschrecken?

  3. Tatsächlich habe ich so sehr das Gefühl „heim“ zu kommen, dass ich gar nicht auf die Idee komme, dass mein Klopfen, jemanden erschrecken könnte. Erst nachdem ich kräftig geklopft habe und dazu ein fröhliches: „Öffnet, hier ist Mirya, ich habe mein Eichhorn gefunden!“ gerufen habe, kommt mir der Gedanke in den Sinn. Auch wird mir klar, wie spät es eigentlich ist, und mich überkommt ein schlechtes Gewissen. Sollte sich bisher also nichts regen rufe ich nur noch ein halblautes „ist denn wirklich keiner mehr wach?“ und schicke mich dann wohl oder übel an, die Nacht vor dem Tor unter freiem Himmel zu verbringen.
    Als ich mich grade anschicke, mein Bündel unter dem Kopf zurecht zu rücken, schlage ich mir allerdings doch mit der flachen Hand vor die Stirn „Mirya, du gedankenverlorenes Kind! Dies ist doch nun wirklich der Heimlichkeit und Aufopferung zu viel. Nutze die Kräfte, die die Mutter dir verliehen hat, schwing dich auf deinen Stecken und überwinde dies Tor.“ Spreche ich zu mir selbst und schicke mich dann an, eben dies zu tun, sollte ich wirklich noch immer kein Geräusch aus dem Inneren des Gehöfts vernehmen.
    Drinnen würde ich mir dann einen Schlafplatz in der Nähe der beiden Verletzten suchen. Wenn ich mich überzeugt habe, dass sie noch am Leben sind, sinke ich erschöpft im selben Zimmer zu Boden und schlafe, Eikiko streichelnd ein.

  4. Oberhalb des Tores schaust du noch einmal prüfend in den dunklen und augenscheinlich verwaisten Innenhof, ehe du dann wieder an Höhe verlierst und leise in selbigem landest. Du schickst dich an Richtung Haus zu gehen, als Eikiko leise zu meckern anfängt. Du schaust dich um und blickst am Absatz der Stiege in ein Augenpaar, welches sich hell vom Rest des Unterstands abhebt. Der kleine Brin steht dort am Absatz der Stiege zu seinem und dem Lager seines Bruders. Einen Herzschlag lang starrt ihr euch an, dann eilt er kommentarlos und eilig die Stiege hinauf.

  5. „Brin! – Brin, warte doch mal!“ rufe ich halblaut und eile ihm hinterher. Während ich die Stufen erklimme versuche ich mir eine Strategie zur Schadensbegrenzung zurecht zu legen. Um den Gesprächseinstieg zu erleichtern möchte ich zunächst so tun als wäre das, was Brin gerade beobachtet hat gar nichts außergewöhnliches. „Ich bin so froh, dass noch jemand wach ist! Geht es deinem Bruder etwas besser? Ist er heute gar schon aufgewacht? Ich wollte dir noch danken, wie gut, du dich um sein kleines Geheimnis gekümmert hast – du hast das Futter bereitgestellt, nicht wahr?“ Das alles wispere ich eilig, sobald ich oben angekommen bin, notwendigenfalls auch durch die geschlossene Tür, falls er mich nicht reinlässt. Ich hoffe, dass ich damit zu ihm vordringen kann, und möchte ihn in der Kammer in ein leises Gespräch verwickeln. Je nachdem welches Gefühl mir von ihm entgegenschlägt werde ich meine weitere Reaktion anpassen. Mit Erklärungsversuchen warte ich, bis er das Thema Fliegen anschneidet – wenn er es nicht tut, aber komisch/ misstrauisch auf mich reagiert werde ich es dann aber selbst tun. Wie vernünftig schätze ich den Jungen ein? Wird er sich mit Märchen von verzauberten Feen zufrieden geben? Oder benötigt er ernstere Worte. Dementsprechend passe ich auch meine Bitte nach Verschwiegenheit an. Dass man auf diesem Hof feindselig auf andersartige reagiert hat er ja bereits erlebt. Ich will vor allem versuchen eine Vertrauensbasis zu erarbeitet und ein Gefühl der Freundschaft zu wecken, und darauf aufbauend dafür sorgen, dass er das Gesehene nicht morgen überall herumerzählt (auch nicht den anderen Kindern). Aber vielleicht kommt es ja soweit gar nicht?

  6. Auf halber Treppe hörst du oberhalb von dir die kleine Holztüre zuschlagen.
    „Ich bin so froh, dass noch jemand wach ist! Geht es deinem Bruder etwas besser? Ist er heute gar schon aufgewacht? Ich wollte dir noch danken, wie gut, du dich um sein kleines Geheimnis gekümmert hast – du hast das Futter bereitgestellt, nicht wahr?“ wisperst du gerade laut genug durch die verschlossene Türe, dass du annimmst, man müsse drinnen hören was du gesagt hast. Als keine Reaktion kommt probierst du die Türe zu öffnen. Leise knarzend schwingt sie nach innen auf.
    “Brin?” wisperst du abermals und schaust dich in der stockfinsteren Stube um. Aus Richtung von Brins Lager antwortet man dir: “Lass mich in Ruhe! Ich schmecke ganz gewiss nicht. Und außerdem bin ich bewaffnet!”
    Als sich deine Augen an die Dunkelheit gewöhnen, siehst du, dass Brin sich unter seiner Decke verborgen hat. Wärest du durch seine heftige Anfeindung nicht auch ein wenig irritiert und besorgt, müsstest du ob des niedlichen Anblicks fast ein wenig lachen.
    Brin muss ungefähr zwischen 8 und 10 Götterläufen zählen. Er ist von zierlicher Gestalt, recht blass um die Nase und Beorn hatte dir bei eurem gemeinsamen Ausflug, bei dem alles begann, berichtet, dass er zu Kränklichkeit neige.
    Brins wache, intelligente Augen waren dir damals im Stall schon aufgefallen und du nimmst an, dass er durch das Erlebte für sein Alter geistig recht weit entwickelt und ‘erwachsen’ sein dürfte. Mit einer reinen Märchenerzählung wirst du hier möglicherweise nicht weit kommen, weil du ihm zutraust das als eben solche entlarven zu können. Die Naivität des kleinen Kindes hat er trotzdem offenbar nicht abgelegt, sonst würde er sich wohl nicht durch seine Decke geschützt fühlen und vor allem nicht Angst davor haben von dir gefressen zu werden – woher auch immer diese absurde Idee stammen mag.

  7. „Brin, hör doch, ich bin es Mirya! Es tut mir leid, dass ich dich erschreckt habe!“ Ich atme tief durch. Mit dem Ausatmen lasse ich meine eigenen Gefühle ganz weit nach unten sinken, und mit dem Einatmen öffne ich mich für die Gefühlswelt des kleinen Brin (Sensibar Empathicus wäre gelungen wenn seine MR kleiner/gleich 8 ist –> sollte ich als Reaktion auf meine Worte irgendwann Angst verspüren, ändere ich schnell die Gesprächsrichtung). Fröhlich plappere ich weiter: „Also ich muss ja sagen, ich bin in meinem Leben schon als so manches beschimpft worden – noch nie jedoch als Menschenfresser! Wie kommst du denn nur darauf?“… ich gebe ihm etwas Zeit zu antworten. Bleibt er zunächst still schiebe ich noch ein „Ich will dir ganz bestimmt nichts tun. Sieh mal. Ich setze mich einfach hier auf Beorns Lager. Meinen Stecken lege ich hier hin. Ich tu dir nichts. Ich warte hier einfach, bis du bereit bist, dir meine Entschuldigung anzuhören… Mir wärs nur lieber, ich könnte dir dabei in die Augen gucken.“ … wieder warte ich etwas ab. Sollte das alles nicht fruchten versuche ich als nächstes an seine Neugier zu appelieren: „Willst du wissen, wie ich es gemacht hab?“

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