Einen kurzen Augenblick schaust du einfach nur wie hypnotisiert dabei zu, wie Preidan Anstalten macht den Sims hinabzuklettern. Du verstehst allzu gut, dass ihm nach den funkelnden Talern gelüstet. Wer möchte davon nicht auch seinen Anteil einstreichen. Gewiss habt ihr noch reichlich Zeit. Du überlegst, ob du nicht noch einmal in die gute Stube zurückkehren solltest, um dort einige Säcke zu holen. Ihr könntet viel mehr von den glitzernden Reichtümern mitnehmen, wenn ihr einige Säcke zur Verfügung hättet.
Plötzlich spürst du, wie unter dir der Boden nachgibt. Ein Stück des Simses auf dem ihr gerade steht, bricht vom Rest des Gesteins ab und ihr rutscht samt Felsbrocken in den See. Preidan schlägt ein Stück weit weg rücklings in die Münzen und du kannst dich noch just geschickt abrollen, so dass du unverletzt bleibst. Die Gesteinsscholle taucht eine Gischt aus Münzen spritzend ein Stück in den See ein und schlägt dann knapp vor Preidan vorwärts in das Gold.
Das und das panische krächzen des Wechslings in Gestalt eines Papageis reißen dich aus deiner Trance: „Sari, das Gold! Es ist verderbt. Es ruft nach dir. Hör nicht auf das Gold!“
Du begreifst, dass dein Wunsch von gerade offenbar nicht aus
dir heraus kam sondern vom verfluchten Gold selbst stammt und beschließt, die
Verlockung von nun an so gut es geht zu ignorieren. Du eilst zu Preidan
hinüber, der damit beschäftigt ist sich seine Taschen mit Gold voll zu stopfen
und sich goldene Ketten um den Hals zu hängen. Deine Schritte klirren im Klang der
Münzen: „Preidan! Kommst se! Komm! Komm!
Pfui ist! Böse ist! Komm! Jetzt!!“
Du packst ihn bestimmt bei der Schulter und zerrst an ihm.
Da taucht oben am Rand des Goldsees der Hausherr auf. Seine animalisch, wuchtige Seite schultert zwei pralle Säcke. Er grollt irgendetwas und schaut hasserfüllt zu dir herunter. Einen Lidschlag später macht er einen beherzten Sprung vom Sims in den See. Das weckt in dir ungeahnte Kräfte der Angst und du ziehst Preidan brutal auf die Beine und zerrst ihn hinter dir her. Seine Augen starren schel ins Leere und du kannst dich des Eindrucks nicht erwehren, dass ein goldener Glanz auf ihnen liegt.
Viel zu langsam stolpert und taumelt ihr voran, weg vom Monster und hin zur Leiter. Als du dich prüfend nach deinem Verfolger umschaust ist das Wesen zu deiner Erleichterung damit beschäftigt seine Säcke weiter zu füllen und wiederholt beständig die Worte „Taler! Gold! Reichtum! Ich rette euch, meine geliebten Taler!“
Ein weiteres heftiges Beben wirft euch zu Boden. Für einen
kurzen Augenblick bist du ganz benommen und musst zu deinem Erschrecken einmal
mehr feststellen, wie groß auch deine Gier nach dem Glitzerzeugs ist. Es kostet
dich einen Augenblick einen klaren Gedanken zu fassen. Verderbtes Zauberwerk! In
dem Moment, als du deiner Gier gerade wieder nachgeben möchtest, löst sich von
der Decke der Höhle ein übermannsgroßer Stalaktit und schlägt mit seiner Spitze
inmitten des Sees ein.
Etwas passiert. Der Stalaktit versinkt zur Gänze im See und zunächst langsam,
dann schneller werdend beginnt die Masse des Sees Richtung Mitte zu streben.
Es bleibt keine Zeit mehr, denkst du bei dir, holst aus und verpasst Preidan eine schallende Ohrfeige: „Preidan! Komm jetzt!“
Preidan zwinkert kurz und schüttelt sich. Deine Ohrfeige scheint ihre Wirkung nicht verfehlt zu haben. Sein Blick klärt sich und betreten schaut er dich beschämt an: „Sari! Es tut mir leid!“
„Preidan, kein Zeit. Kommst se!“ Ihr beeilt euch nun gemeinsam den jenseitigen Rand des Sees zu erreichen und kämpft gegen die Strömung an. Dein Herz schlägt dir bis zum Hals und du schreist laut auf, als nun überraschend Gasfontänen aus dem See aufsteigen, Münzen in die Luft wirbeln und dieselben hart auf euch herabregnen lassen.
Am Rand des Sees angekommen versuchst du an der steilen Kante hochzuklettern. Das Beben der Höhle hört nun gar nicht mehr auf und so gestaltet sich das Klettern als ausgesprochen schwierig.
Von weit hinter euch hörst du den Hausherren rufen „Uxpexkrarxnax,
eine Treppe, ich brauche eine Treppe.“ Du verstehst nicht, was das bedeutet,
aber der Wechsling, der vor lauter Aufregung kaum mehr länger als einige
Augenblicke in seiner Form verbleibt und hektisch zwischen verschiedenen fliegenden Wesen hin
und her springt, schaut dich entschuldigend an: „Verzeih mir, ich muss ihm
gehorchen.“
Mit diesen Worten schwirrt er in Kolibriform davon und du beobachtest mit
Staunen wie sich der rechte Teil des Simses zu verformen beginnt und ein Teil
des Gesteins wie ein lebendiger Arm in den See hineingreift und sich die
Oberseite des Steinarms zu einer Treppe verformt, die an der Leiter endet, die
ihr gerade so verzweifelt zu erreichen sucht.
Du lässt von deinen Kletterversuchen ab und rennst los um die Treppe
möglicherweise sogar eher zu erreichen als das mit Säcken beladene Männlein. Den
Versuch ist es allemal wert. Zu deiner Erleichterung scheint auch Preidan
begriffen zu haben, was du vor hast und eilt hinter dir her.
Seitlich zum Studel vorwärts zu kommen, gestaltet sich beinahe noch schwieriger als vom Sog weg. All deine Kraft aufbietend wirfst du dich auf den Treppenabsatz, tatsächlich einige Augenblicke ehe der grässliche Mensch den Sims erreicht. Du greifst nach Preidans Hand um ihn auf den frisch gewachsenen Pfad zu ziehen, als der bisher heftigste Ruck durch das Höhlensystem geht und der gesamte Goldsee um beinahe Menschenlänge nach unten absackt. Preidan und du könnt noch so gerade das Gleichgewicht halten und auf allen Vieren beginnt dein Begleiter nun die Treppe hinaufzusteigen.
Du allerdings hältst inne und schaust dich erneut um, was denn nun mit dem Wesen passiert sein mag. Du erschrickst: Es hängt mit seiner animalisch, pelzigen Hand am Sims. Du spähst über den Rand und trotz der grässlichen Gestalt überkommt dich Mitleid, so angsterfüllt schaut dich das menschliche Auge des Wesens an, während er wimmert und dabei noch immer verzweifelt einen der Geldsäcke festhält. Du wirfst dich flach auf den Boden und umklammerst den Arm des Wesens, dessen Finger gefährlich zu rutschen beginnen.
„Nun lass doch den blöden Sack los! Dieser ganze Krams ist doch kein Leben wert! Ich flehe dich an, lass das los, sonst stirbst du!“ weinst du nun beinahe. Niemals würdest du ein Lebewesen einfach so sterben lassen, auch wenn es dir feindlich gesonnen ist.
Deine Kraft schwindet, zumal diese törichte Gestalt nun auch noch zu pendeln begonnen hat und dir sein Arm zu entgleiten droht. Im Augenblick als dich die Kraft zu verlassen scheint, fliegt in hohem Bogen der Sack mit dem Schwung der Pendelbewegung auf den Sims und behände wie ein Eichhörnchen zieht sich das grässliche Männlein mit seiner überraschend kräftigen menschlichen Hand nach oben. Kaum dass es auf dem Sims zu knien kommt, packt dich die Pranke am Hals. Ehe du begreifst was passiert, baumelst du über der Kante und hältst dich verzweifelt am Handgelenk des Monsters fest. Das animalische Auge funkelt dich boshaft an und in beinahe unendlich langsamem koboldisch spricht dein Gegenüber: „Dummes Schelmlein! Nobel, aber dumm!“
Dann schubst es dich hässlich keckernd zurück in den See.