Abschied (1. Kapitel von „Hybriden“)

Als ihr ins Dorf zurückkehrt schwappen euch schon von Ferne Jubelrufe entgegen. Eine große Menschenmenge ist herbeigeeilt, um die glorreichen Helden gebührend zu empfangen. Kaum dass ihr die Menge erreicht habt, werdet ihr in die Luft gehoben und zum Dorfplatz getragen.

Am Abend gibt es einen großen Festschmaus im Gasthaus und vom Mann mit den buschigen Koteletten bekommst du eine geflochtene Halskette mit einem großen, runden Schmuckstück daran. Preidan kann dir, dank deiner verbesserten Fähigkeit die Sprache der Menschen zu sprechen, deutlich machen, dass es sich um ein Geschenk handelt. Die Dorfbewohner möchten dir so ihre Dankbarkeit zum Ausdruck bringen.

Wie nach dem Sieg gegen die bösen Menschen wird abermals feucht fröhlich gefeiert und wieder erwachst du am Folgetag mäßig betrunken in dem großen, weißen, weichen Bett.

Du machst dich sofort auf ins Erdgeschoss, aus dem dir schon ein angenehmer Geruch von Frühstück entgegen strömt. Nachdem du dich satt gegessen hast machst du dich auf um Preidan zu suchen. Draußen wirst du von einer Gruppe Kinder belagert, die dich ganz übermütig nach den Ereignissen befragen und dich mit großen, staunenden Augen anstarren. Auch die etwas ältere Dorfjugend wirft dir bewundernde Blicke zu. Einige der jungen Herren waren dir ja auch schon vor der Abreise aufgefallen.

Die Kinder bringen dich zum Gehöft, auf dem Preidan lebt. Du hast dir in der Zwischenzeit überlegt, dass du weiterwandern möchtest. Es gibt noch so viel von der Menschenwelt zu sehen. Vielleicht hat Preidan ja Lust dich zu begleiten.

Er füttert gerade sein ‚Pferd‘ und begrüßt dich freudig lächelnd. Als du ihm von deinem Vorhaben berichtest wird sein Blick undeutbar trübe und er gibt eine längere Antwort, die du nicht allzu gut verstehst. Die Quintessenz scheint zu sein, dass er seine Wolkentiere nicht verlassen kann.

Ihr verabschiedet euch nur sehr kurz voneinander. Du spürst, dass ihn dein Weggehen traurig macht.

Als du dich kaum eine Stunde später aufmachst das Dorf zu verlassen begleitet dich eine Traube von Dorfbewohnern. Als du die letzten Häuser hinter dir gelassen hast bist du mit dutzenden Talismanen behängt, hast zwei Beutel und einen Rucksack mit allerlei Leckereien und Reiseproviant geschenkt bekommen sowie einen nachtblauen Umhang von einem jungen Mann in edler Kleidung.

Du wanderst mutig drauflos und lässt die Geräusche der Stadt hinter dir. Schade drum, dass du nun wieder alleine bist. Zu zweit war es doch lustiger.

Du hängst deinen Gedanken nach, betrachtest den blauen Himmel und die wenigen flauschigen Wolken, die über dir hinweg ziehen, als du plötzlich eine Stimme hörst „Sari, warte!“ und gelaufen kommt Preidan.

Er hat einen großen Rucksack auf dem Rücken, einen Strohhut auf dem Kopf und ist ebenfalls mit einigen Amuletten behängt.

„Würde es dir was ausmachen wenn ich mitkäme? Ich meine, es wäre auch nur für ne Weile. Ich verschwinde sofort wieder, wenn du lieber allein …“ Sein Gesicht ist bei seiner Begrüßung ganz rot geworden und du fragst dich, warum er beständig an dir vorbeischaut. Du bedeutest ihm zu schweigen und bietest deine Hand dar. Er lächelt.

Die nächsten zwei Wochen vergehen wie im Fluge. Das Wetter ist wunderschön, Praios meint es gut mit euch, wie Praidan immer zu sagen pflegt. Er erklärt dir auch, dass es in dieser Gegend nur wenige Dörfer gibt und vertröstet dich in der Zukunft Städte sehen zu können, die vielfach so groß sind wie sein Heimatdorf. Darauf freust du dich.

Ihr verbringt eure Tage damit auf der einigermaßen gut gebauten Straße zu wandern und wenn ihr das nicht tut, dann döst ihr auf einer Wiese oder an einem Fluss, der euch schon eine Weile begleitet.

Ihr stehlt Bauern einige Früchte von deren Kiepen, wenn ihr Hunger habt.

Ihr schleicht euch nachts in die Scheunen von großen Bauernhöfen, wenn euch die Müdigkeit übermannt oder schlaft unter freiem Himmel.

Du hast das Gefühl dafür verloren, wie lange ihr bereits unterwegs seid als ihr – nicht zum ersten Mal – einen lichten Wald durchwandert. Dieser ist ein dichter Mischwald, der nach links recht abschüssig ist und nach rechts ansteigt. Die Bäume sind teils dicht bewachsen mit Efeu, der sich auch in ganzen Wiesen über den Waldboden ausbreitet. „Wir sollten aufpassen, dass wir nicht zu weit nördlich geraten, denn dann kommen wir dem Totenmoor gefährlich nahe. Zumindest bin ich mir da ziemlich sicher.“

Tatsächlich kommt ihr bald an eine Weggabelung und biegt dort nach links ab, weil die Straße scheinbar nach Osten verläuft. Zumindest ist Preidan dieser Überzeugung und dir ist es egal.

Eine Weile hinter der Weggabelung habt ihr dann eine Begegnung mit anderen Menschen – etwas, dass euch hier in der Einsamkeit höchst selten passiert. Vermutlich würdest du dieser Begegnung kaum Bedeutung beimessen, wenn du dich später nicht nochmal an sie erinnern solltest …

Es handelt sich um eine Gruppe Fahrender mit drei großen Kastenwagen. Zwei davon sind Gitterwagen die seltsame Tiere transportieren. Die Wagen sind schwarz und die Rahmen der Gitter sind verziert. In der Mitte oben ist ein großer Edelstein angebracht. Gezogen werden die Wagen von Pferden. Der letzte Wagen ist zu und wenig verziert. Vorhänge verhindern ins Innere zu schauen.
Die Männer auf dem Bock sehen deiner Meinung nach recht unfreundlich aus und schauen euch missmutig und feindselig an. Einer hat sogar eine Augenklappe, was ihn noch finsterer wirken lässt. Du hättest den Gesellen zu gerne einen Lachrampf angehext, aber Preidan packt dich nur fest am Arm und zieht dich beiseite. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass du dich zurückhalten sollst.

Die Kolonne biegt an der Gabelung links ab.

„Wo die bloß hinwollen und wo die wohl dieses exotische Tier herhaben? So was habe ich noch nie gesehen, Sari!“

Abends schlaft ihr etwas abseits des Weges und du hast einen eigenartigen Traum:
Du bist wieder an der Wegkreuzung, ganz allein und der seltsam verdrehte Wegweiser zeigt in Richtung Totenmoor. Zumindest zeigt es das sich bewegende Bild eines im Sumpf versinkenden Mannes. Du hörst seine Hilfeschreie nicht, aber die Vorstellung brennt sich in deinen Kopf. Du wendest dich ab und da kommt wieder diese Wagenkolonne vom Nachmittag. Auf dem Kutschbock sitzen die gleichen Männer, aber diesmal haben sie Unterleibe, die in Hufe auslaufen und sie blecken dir ihre nadelspitzen Zähne entgegen. Der zweite Kutscher hat sogar welche hervorstehen wie ein Eber.
Das Seltsamste sind jedoch die Wagen selbst. Sie laufen auf Beinen. Du willst hinein lugen, als dir oben auf dem Wagen sitzend ein Kobold auffällt. Dieser schaut dich durchdringend an und du versinkst in seinen tränengefüllten grünen Augen. Wärme umfängt dich. Du wendest dich wieder der Szenerie zu, als der Kobold seine Hand über den unheilig leuchtenden Edelstein legt. Da verschwindet das Tier, das im Käfig sitzt und der Blick wird frei auf eine Gruppe Kinder. Sie weinen und schauen furchtbar verängstigt drein. Du springst der Kolonne in den Weg, willst aber gleichzeitig davonlaufen. Deine Beine tragen dich nicht. Aus dem letzten Wagen steigt das Huchzelmännchen, dessen befellte Seite ganz verkohlt ist. Böse lächelt es dich an: „Das ist die Rache für meine verlorenen Talerchen!“ Es packt dich am Kragen und du schreist du aus vollem Halse und beginnst zu zappeln.
„Sari“ wispert es im Gebälk.
Immer lauter rufen die Blätter deinen Namen. Dann wirst du wach.

Du bist schweißgebadet und es ist dunkel. „Sari, was ist denn bloß los? Du hast geschrien.“
Preidan hält dich im Arm, dein Herz rast.
Du erzählst ihm von deinem Traum.
„Sari, es war doch nur ein Traum, bleib ganz ruhig. Wirklich, du kannst weiterschlafen, ich halte Wache wenn dich das beruhigt!“

Du kannst den Rest der Nacht nicht mehr schlafen. Warum nur wirkte dieser Traum so real?

„Preidan!! Preidan, ich kann nicht schlafen! Ich … Ich glaube wir sollten umkehren … Aber erzähl mir vom Totenmoor. Warum heißt es Totenmoor und warum ist es gefährlich? Nur weil man drin versinkt? Tut man doch in jedem Moor, oder?“

Nachdem er mir darauf geantwortet hat, werde ich versuchen, ihn zu überreden am nächsten Tag zumindest zur Wegkreuzung zurückzugehen, und dort zu lagern.

„Sari, ich weiß nicht, warum es so heißt. Ich glaube, weil da irgendwelche Monster hausen und schon viele Menschen dort verschwunden sind. Es gibt so viele Schauermärchen davon und jeder der halbwegs bei Verstand ist wird einen großen Bogen darum machen!“

Preidan schaut dich arg verängstigt an. Er scheint zu ahnen, dass du nicht locker lassen wirst zu ergründen, ob es mit deinem seltsamen Traum etwas auf sich hatte. Vielleicht steckt hinter alledem ja so ein Trick wie schon beim Monster im Wald.

„Wie dem auch sei! Lass uns wenigstens bis zur Weggabelung zurückgehen und dort mal schauen“ teilst du ihm jetzt entschlossen mit und resigniert willigt er ein.

Dort angekommen stellt ihr tatsächlich fest dass die Wagenspuren diesem unfreundlich und wenig gangbaren Weg Richtung Totenmoor folgen.

Ihr schlagt ein Lager etwas abseits des Weges auf, so dass ihr einen Überblick über die Weggabelung behaltet, man euch aber nicht sofort sieht. Preidan scheint sichtlich erleichtert und davon überzeugt, dass ihr bald wieder friedlich des Weges ziehen werdet, als am späten Nachmittag der Wagenzug aus Richtung Totenmoor zurückkommt. Es fehlt diesmal der Wagen mit den Vorhängen. Die Kutscher sind dieselben und zu deiner Erleichterung haben sie weder Hauer und Hufe noch bewegen die Wagen sich auf Füßen. Die Käfige sind leer.

Sie fahren nicht den Weg zurück aus dem sie gestern gekommen sind sondern folgen der Straße geradeaus weiter, also der Richtung, aus der ihr gekommen seid.

Nachdem die Wagen unser Versteck passiert haben, ziehe ich Preidan am Arm: „Sieht so aus als müssten wir doch in das Kinderschreckmoor. Oder glaubst du, sie haben die Tiere dort einfach versenkt? Irgendwas ist dort drin, was nicht stimmt und ich will wissen was.“

Dann schicke ich mich an den Wagenspuren in Totenmoor rein zu folgen.

Veröffentlicht von Meister

Die Mächte des Schicksals.