Mit Preidans Strohhut auf dem Kopf und seinem Stecken in der Hand bist du einige hundert Schritt in die Höhle hinein gewandert.  Der magische Lichtkegel eines Flim Flam schwebt unruhig tanzend vor dir her und erleuchtet dir den Weg. Zunächst empfandest du das Klingen der Glöckchen an deiner Kleidung noch als aufmunternd. Zusammen mit dem gespenstischen Echo, das deine Schritte und ihr Wiederklang erzeugen, hast du dann aber kurzerhand die Glöckchen zum Schweigen gebracht und sie in deiner Umhängetasche zu den anderen Talismanen gelegt. Allenthalben hast du auf deinem Marsch durch die Höhle die Wahl zwischen mehreren Teilgängen, aber da dir die Orientierung schnell abhanden gekommen ist, wählst du ganz nach Belieben. Natürlich vergisst du nicht deinen Weg zu markieren. Manchmal legst du einen der Talismane hin, manchmal eines der Glöckchen.

Du bist ein bisschen hin und hergerissen. Zwar empfindest du eine neugierige Begeisterung für diese fremdartige, bizarre Umgebung mit all ihren Schatten, den vielen irgendwie kunstvoll organisch gewachsenen Steinstrukturen und der kaum zu überblickenden Größe. Aber du machst dir auch Sorgen. Der unterschwellige miasmatische Geruch, das stete Gefühl des beobachtet Werdens und die Sorge, dass Preidan sich hier bestimmt verlaufen haben wird machen dich nervös.
Nach einer Weile beschließt du zunächst mal ein kleines Päuschen einzulegen und einen Happen zu essen. Essen – zumal so schmackhaftes, wie jenes, das man dir mitgab – vertreibt schlechte Laune. So platzierst du dein um die Hüfte geschlungenes Stück Stoff zweimal gefaltet auf einem Stein, setzt dich drauf und schneidest dir ein Stück Käse und einen Kanten Brot.
Während du vor dich hin kaust und dich umschaust fallen dir zwei Dinge auf: Zum einen ist es in dieser Höhle vergleichsweise warm, zum anderen wirst du das Gefühl nicht los, dass es hier drinnen immer mal wieder beinahe unmerklich schwankt. Jetzt gerade wieder ist ein fast unhörbares Grummeln aus der Tiefe des Systems zu hören und unter dir vibriert dein Sitzplatz.

„Tja Saria, da hast du dir ja etwas Lustiges eingebrockt.“ sprichst du jetzt laut zu dir selbst und mit verstellter Stimme. „Och na ja, es hätte doch auch alles Schlimmer kommen können.“ antwortest du dir selbst in normalem Ton: „Immerhin ist es hier unten trocken und warm. Und außerdem ist das nicht der Bauch eines Drachen.“ „Nun aber genug gefaulenzt, such lieber nach deinem Freund.“ beendest du den Dialog und lachst. Wieder besserer Laune und immer mal wieder mit dir selbst sprechend setzt du deinen Weg in die Tiefe fort.

Unvermittelt öffnet sich die Höhle vor dir zu einem gigantischen Gewölbe. Der Pfad endet jäh auf einem Felsvorsprung innerhalb des Gewölbes. Unter dir geht es in die Tiefe, aus der ein unheilvolles, rotes Glimmen zu dir aufsteigt. Über dir verliert sich der Dom in der Schwärze.
Vor dir schließt der Vorsprung mit einem steinernen Bogen, einem Tor zum nichts. Du hältst kurz inne. Der Torbogen ist wie schon der Eingang der Höhle mit Zeichen bemalt. Diesmal kommen dir aber die Symbole irgendwie bekannt vor. Ein wenig sehen die Malereien aus wie die eines Kindes. Einfach, etwas ungelenk aufgetragen und naiv. Wo hast du so etwas nur schon einmal gesehen. Du machst einen Schritt vor und willst dich am Bogen links festhalten um einmal durch den Bogen hindurch in die Tiefe zu lunzen. Als du aber deinen Kopf nach vorne lehnst berührst du etwas. Die Fläche zwischen dem Bogen verschwimmt. Es sieht aus als habe an der Stelle, wo dein Kopf den Durchbruch berührte, einen Stein ins Wasser geschmissen. Wellenförmige Ringe gehen von der Stelle aus und verebben langsam wieder. Da fällt dir auch wieder ein, wo du so etwas schon einmal gesehen hast: Das ist ein Feentor!

Blöd ist, so denkst du geraume Zeit später, dass diese blöden Tore alle unterschiedlich funktionieren. Das Tor vor dir hat sein Geheimnis aber noch nicht preisgegeben.  So bist du jetzt schon zum vierten Mal vorgeschnellt und vom Tor zurückgeworfen worden. Deine ohnehin kurze Geduldsspanne wird auf eine harte Probe gestellt. Und diese blöden Symbole sind auch irgendwie nicht so richtig hilfreich. Soweit du  das Ganze bisher interpretieren würdest, geht es in der Malerei darum, dass der geneigte Durchquerer (mehrere Abbildungen von verschiedenen Feenwesen) schnell laufend (so komische Bewegungsstriche) das Tor durchqueren muss, um dann wie ein Vogel  durch die Lüfte zu schweben (Abbildung eines Singvogels). Du verschränkst die Arme vor dem Tor und stapfst mit dem Fuß auf: „So ein Unfug. Ich will da jetzt zum Donnerwetter durch!“ Da kommt dir noch eine andere Idee. Du schürst die Lippen und pfeifst eine kleine Melodie. Das sind keine Bewegungsstriche, die Linien sollen ein Geräusch andeuten. Und da plötzlich passiert es. Die Fläche zwischen dem Durchbruch beginnt heftig zu flirren, zieht sich dann gelb leuchtend in der Mitte zusammen um dann in explosionsartig auseinanderzudriften und den Steinring zu erleuchten. Kaum einen Lidschlag später öffnet sich vor dir ein Tunnel aus mehreren Ringen gleißenden gelben Lichts, der über dem Abgrund schwebt. Ein beeindruckendes Schauspiel. Du atmest tief durch, fasst dir ein Herz und überwindest dich dann kurzentschlossen den Tunnel zu betreten. Magische Feendinge können unmöglich eine Falle sein! Ein fremdartiges Sirren liegt in der Luft, ein Geräusch wie du es noch nie zuvor gehört hast. Aber der kurze Tunnel trägt dich ohne Probleme. Und just als du überlegst, dass dir das aber eigentlich nicht hilft, weil der Tunnel ja nur gute zwei Schritt tief ist, erscheint vor dir der nächste Ring aus Licht und verlängert den Gang. Du schaust dich um. Hinter dir hat der Tunnel die Verbindung zum Felsvorsprung gelöst. Du bist beeindruckt. Der Durchgang wandert mit dir mit. Du gehst, dann gehst du schneller um schließlich zu laufen. Das ist wirklich witzig: Hinter dir verschwinden die Ringe, vor dir bilden sich neue um dir den Weg zu ebnen. Und alles in der Geschwindigkeit, in der du dich bewegst. Einzig die Richtung des Tunnels kannst du nicht bestimmen. So geht es teils bergauf, in wilden Kurven, dann wieder steil bergab quer durch den steinernen Dom. Zu guter Letzt dockt der Tunnel an einem zweiten Steinring an und spuckt dich wieder aus. Du stolperst aus der Lichtkaskade heraus zurück auf steinernen Grund. „Eine ungewöhnliche Art zu reisen. Ob es sich wohl um ein Feenwesen handelt, dass den Leuten hier so einen Schrecken einjagt? Das wäre ja ungeheuer! Im wahrsten Sinne des Wortes.“

Du kannst die Zeit hier unten sehr schlecht einschätzen, hast aber das Gefühl eine Ewigkeit weitergewandert zu sein, als du auf einmal vor einer Holztüre stehst. Den Gang hat man rechts und links der Tür mit schweren Holzbohlen versperrt, die mit eisernen Haken in der Steinwand befestigt sind. Hier kommt man so ohne Weiteres nicht durch stellst du ernüchtert fest, musst dann aber kichern. Jedenfalls dann nicht, wenn man kein Kind von zwei findigen Kobolden ist. Du machst einen entschlossenen Schritt zurück, stolperst dann bewusst und voller Absicht über deine eigenen Füße, ruderst wild mit der linken Hand und stürzt schließlich ungelenk mitten durch die Tür. Natürlich gänzlich ohne sie zu öffnen oder zu zerstören.  Auf der anderen Seite fängst du dich wieder und streckst dem schweren Hindernis die Zunge heraus.

Hinter dieser Tür wirkt die Höhle bewohnt. Das stellst du fest, als du deine Aufmerksamkeit wieder nach vorne richtest. Schwere Teppiche kleiden den Höhlenboden aus und allenthalben wird die Grotte durch Pechfackeln in schweren, eisernen Wandhalterungen erhellt. Rechts und links  stehen Kisten, deren Inhalt mit schweren, rostigen Vorhängeschlössern gesichert ist. Du beschließt ab jetzt etwas vorsichtiger zu sein, möchtest du doch nicht gleich die Aufmerksamkeit des Herrn dieses Domizils auf dich lenken. Du legst deine Taschen und Preidans Hut dicht an der Tür hinter eine Truhe und bewaffnest dich nur mit dem Wanderstab. Auf leisen Sohlen schleichst du voran.

Veröffentlicht von Meister

Die Mächte des Schicksals.