Birshen eilt in das Studierzimmer und kehrt mit einer Karte zurück, die sie vor die ausbreitet : Eine ähnliche Karte von deiner Region hast du mal im Unterricht studiert. Die typischen Karawanenrouten (orange) und Siedlungen (rot) sind verzeichnet.

Birshen zeigt dir Ihren Turm (Pfeil) und den ungefähren Umkreis, den sie schätzt in 6 Flugstunden erreichen zu können (Kreis). Die Oase El’Karram kennst du. Das Gebäude in Madas Spiegel war definitiv zu hoch und prunkvoll für eine Siedlung dieser Größe. Du beratschlagst dich mit Birshen. Sie sagt, Zwiebeldächer kämen nördlich des Khoram-Gebirges nicht vor, da das Gebirge zwei Kulturkreise voneinander abscheidet.
Und damit seid ihr dann mit eurer Weisheit schon fast wieder am Ende.
Während ihr noch über dem Pergament brütet betritt Rashid die Küche. Emsig summt er vor sich hin – Ria scheint es wieder besser zu gehen. Er setzt einen Kessel mit Kräutersud auf das Feuer, tritt dann heran und beobachtet euch eine ganze Weile.
“Das seltsames Bild”… “Das ist eine Karte, Rashid,” erklärst du, müßig vom Grübeln. “Was ist Karte?” “Ein – nun, eine Zeichnung davon, wo sich Dinge befinden. Siehst du? Hier zum Beispiel ist Birshens Turm. Und hier – ganz weit im Osten, ist der Ort von dem ich gekommen bin. Und diesen Weg bin ich gekommen: Zuerst am Malik entlang, dann auf der Karawanenroute entlang des Fußes der Berge. Ungefähr hier – müsste sich der Sandsturm ereignet haben (du markierst es auf der Karte) – und demnach müsste sich in diesem Gebirgsausläufer irgendwo die Höhle befinden, in der wir beide uns begegnet sind. Dann sind wir gemeinsam ein Stück durch die Berge um auf die Straße nach El’Karram zu kommen…” Rashid folgt aufmerksam dem Weg, den dein Finger auf dem Dokument beschreibt, runzelt dann aber die Stirn.
“Aber das Karte für Vogel! Wozu gut?”
Birshen mischt sich ein: “Rashid! Vielleicht kannst du ja eine bessere Karte malen. Aber Dscheridan und ich müssen jetzt noch ein bisschen in dieser Karte lesen.”
Damit setzt sie ihn an den Tisch und reicht ihm etwas was zuvor an einer Schnur über dem Kamin getrocknet hat. Es sieht aus wie Pergament. “Das ist Papyrus. Aus Blättern. Vielleicht kann ich dir später zeigen, wie man das herstellt… Wenn wir hier fertig sind!” beantwortet sie seinen fragenden Blick. Damit ist jeder Widerspruch erstickt und Rashid setzt sich eifrig an den Tisch. Er greift nach dem Schreibstock der Domna und beginnt zu zeichnen.
Ihr beugt euch erneut über die Karte.
Trotz angestrengtem Grübeln und Abwägung der Steigungen und Fluggeschwindigkeiten bleibt eure Analyse zunächst bei folgendem Ergebnis:
Innerhalb des von euch gezeichneten Kreises liegt in der südlichen Hälfte nur die Oase El Karram. Hier gibt es kein Gebäude, was Ähnlichkeiten hätte mit dem in deiner Vision.
Entmutigt lasst ihr die Köpfe hängen. Rashid, der ganz auf sich fixiert war platzt mitten rein:
“Hier! Das sein gute Karte! Karte für Mensch, nicht Vogel… Siehst du hier! Da oben Birshen Turm. Gleich neben Berg, der aussieht wie schlafende Frau. In Mitte Berghöhe liegt Oase El Karram. Von dort Straße führen durch Berge zu Adlerfelsen dann Adlerbaum dann weit weit. Oder Straße hinter rote Felsen, in welchen liegt Höhle von Ort wo Wasser fließt, weiter zu Palmenfelsen und dann weit weit in Wüste… Und überall dazwischen und noch weiter in Berge: Heimat von Beni Merech!”
Und stolz präsentiert er dir sein Werk:

Bis hier irgendwelche Einwände/ Unterbrechungen?
Etwas erschöpft starre ich auf die zwei Karten. Die Orientierung auf Rashids Karte fällt mir tatsächlich deutlich schwerer, aber ich verstehe was er meint. Bei den zwei Gebäuden mit den zwiebelförmigen Dächern werde ich dann aber nochmal stutzig: “Du sagst das hier in der Mitte ganz oben ist Birshens Turm? Und das dort in der Mitte ist die Oase El’Karram, richtig? Sag mal Rashid … fallen dir vielleicht noch andere so Orte ein, bei denen die Behausungen solche Dächer haben wie du sie hier gezeichnet hast? Sowas suche ich nämlich.”
Rashid überlegt kurz: “Nix Häuser. Alle leben Zelte hier…” antwortet er dann. Unzufrieden lehnst du dich zurück. “Dann gibt es ihn nicht. Den Ort, den wir suchen. Keine Zwiebeltürme im entsprechenden Umkreis.” Du schließt die Augen und versuchst dir noch einmal das Bild, das du gesehen hast vorzustellen. “Aber sie waren da! Zwar nur verwaschene Umrisse, aber ich bin sicher es war ein Turm. Mit einem Zwiebeldach! Irgendetwas übersehen wir!” Du knetest mit beiden Händen deine Schläfen. Irgendetwas in dir meldet sich. Irgendetwas, das du mal gelesen hast. Und du vorhin wieder gehört hast… Im selben Moment fragt Birshen: “Sag mal, was ist das eigentlich für ein Lied, dass du die ganze Zeit summst, Rashid?”
“Das ist Lied von verschwundene Oase… Irgendwie es heute morgen lag in der Luft…” Er singt ein paar Takte in seiner Muttersprache, du verstehst kaum ein Wort. “Ist Warnung für Krieger. In Wüste gibt es Schlucht mit viel Wind dort so gefährlich, dass Zelte wo früher waren dort alle nix mehr da. Groß Gefahr, nicht gehen dort,” erläutert er. Birshen runzelt die Stirn: “Aber ich kenne die Melodie! Nicht von deinem Stamm, von früher…” Sie summt ein paar Töne. “Wie war denn nochmal der Text? Ein Schlaflied, glaube ich. Kind, lausch auf den Wind…”
„Was, was, was?!“ rufe ich aufgeregt. „Kind, lausch auf den Wind? Herrje, ich glaube ich habe eine Idee. Die Domna! Sie schrieb ein Tagebuch. Und dort berichtet sie von dem Lied dessen Strophe du gerade begonnen hast. Wartet!“
Völlig aufgeregt laufe ich und hole die Seiten Pergament von der Domna. „Hier, schaut und höret!“ Dann trage ich die Worte des Kapitels ‚Seltsame Erinnerung‘ vor.
„Vielleicht ist Larissia an genau jenem Ort. Was auch immer sie dort hin gebracht haben mag. Wie das alles zusammenhängt wissen augenblicklich nur die Götter, aber ich bin mir sicher sie ist in dieser verschollenen Oase. Und dort gehe ich jetzt hin. Yal … ähh … Rashid, wie finde ich diesen Ort?“
Ja. Du bist dir auf einmal ganz sicher. Du willst die verschwundene Oase finden. Allerdings lassen sich deine Begleiter nicht sofort von deiner Begeisterung anstecken.
“Du nicht gehen dort! Nichts dort ist! Nur Gefahr. Nichts Turm mit spitzes Dach! Nur Wind, Wind. Und überhaupt dort gehen darf nicht Krieger. Nur Shaman…” er verstummt und blickt dich nachdenklich an: “Verzeih. Ich dir sagen Weg soweit ich weiß, Dsche Shaman. Aber ich nicht kann dich begleiten.”
Auch Birshen scheint deine Begeisterung nicht ganz zu teilen. “Ich gestehe, es ist faszinierend. Das selbe Lied. Zwei Sprachen. Zwei Texte. Aber meinst du nicht, dass deine Begeisterung etwas übereilt ist? Vielleicht sollten wir noch weiter nach dem Ursprung des Liedes recherchieren und ich bin sicher ich habe oben in der Bibliothek…”
Aber zu aufgeregt bist du, und zu sicher, nun endlich eine Fährte gewittert zu haben, dass du deine Lehrmeisterin ungeduldig unterbrichst.
“Vertrau mir Birshen. Mehr Folianten werden uns hier so schnell nicht weiter bringen. Ich muss dort hin, und mir selbst Gewissheit verschaffen! Wenn dieser Ort wirklich so gefährlich ist wie Rashid sagt, und meine Freundin Larissia tatsächlich dort ist, dann will ich nicht weiter unnötig Zeit verlieren! Ich muss so schnell wie möglich dort hin. Bitte Rashid, erzähl uns alles, was du weißt!”
Und Rashid erklärt dir, wo der Eingang zum Tal der Winde liegt. Während seiner Erklärung ist dir, als würdest auch du den Text des “Schlafliedes” gesungen hören. Rashids bildreiche Beschreibung beginnt an der Höhle des Schamanen, dem “Ort in der Wüste, wo Wasser fließt”. Von dort geht es südlich zu den Palmensteinen, dann weiter zu einem markanten Findling, der die Form einer Dattelpflaume aufweist, und neben dem du einen Brunnen finden sollst. Weiter südöstlich gibt es dann einen großen einzelnen aufrechten Stein, den Wartenden. Er markiert den Eingang zu der Schlucht, über die Rashid weiter nichts weiß, da er sie nie zu betreten wagte.
Inzwischen ist auch Birshen überzeugt. “Faszinierend. Diese Parallele zum Liedtext! Äußerst erstaunlich! Dein Bauchgefühl könnte tatsächlich richtig liegen… Nun. Dann werde ich wohl in den nächsten Tagen dein Mündel unter meine Fittiche nehmen, und in der Kunst der Papyrusherstellung unterweisen,“ zwinkert sie dir zu.
Und so kommt es, dass du kurz darauf mit deinem Gepäck auf deinem Flugbrett stehst. Rashid und die Pferde werden auf dich bei Birshen warten. Du trägst einen Rucksack mit Proviant, Wasser und den Notizen der Domna. Dein Waquif hängt stolz an deiner Seite und in deinen frisch gewaschenen Kleidern fühlst du dich endlich wieder wie du selbst, und zu allem Bereit.
Birshen drückt dich noch einmal fest an sich und lässt etwas in deine Tasche gleiten. “Sieh es dir später an! Und dass du mir bald wieder zurückkommst, ich werd nicht für immer für dich Kinder hüten…” wispert sie. Schimmert da etwa eine kleine Träne in dem undurchschaubaren Gesicht? Nachdem auch Rashid dich noch einmal umarmt hat, stößt du dich schließlich vom Boden ab.
Es ist ein berauschendes Gefühl, nach so langer Zeit wieder auf dem Brett zu stehen und dir den Wind um die Nase brausen zu lassen. Übermütig fliegst du ein paar Schlenker und Manöver und blickst dich beifallheischend nach den beiden Zuschauern um. Dann fällt dein Blick auf das mächtige Gebirge unter dir, und du verlangsamst deinen Flug respektvoll. Mithilfe von Rashids und Birshens Karte hast du dir den Luftweg genau eingeprägt. Es geht einige Steilhänge und Schluchten entlang hinab, bis sich vor dir schließlich die Khomwüste erstreckt. Du hast keine Mühe, alle von Rashid beschriebenen Landmarken zu erkennen…